Frankreich

Hilfe bei der Alija

Paris, eine kleine evangelische Pfarrei in Belleville, einem multiethnischen, jedoch traditionell jüdischen Viertel im 20. Arrondissement: Die dortige Kirche versteht sich als »Kirche aller Nationen«. Hier hat der aus Südwestfrankreich stammende Xavier Darrieutort vor fünf Jahren Quartier bezogen, um die Initiative »Opération Exodus« des französischen Ablegers von Ebenezer zu koordinieren. Darrieutort ist Vater von vier Kindern und spannt auch seine Frau in das Projekt mit ein. Im Hauptberuf arbeitet er im Managementconsulting, in der Qualitätskontrolle und der Erwachsenenbildung.

Ebenezer (hebräisch: »Stein der Hilfe«) ist ein weltweit operierender Verein, der vor 22 Jahren von Protestanten gegründet wurde. Er hat sich zum Ziel gesetzt, Juden bei der Auswanderung nach Israel zu unterstützen.

Vorschrift Um jegliche Zweideutigkeit auszuräumen, beteuert Darrieutort: »Ebenezer ist nicht evangelikal! Dies ist eine explizite Vorschrift in den Statuten unserer Organisation. Wir sind gegen jene Vereine, die unter dem Deckmantel der Hilfe versuchen, Juden zu missionieren.«

In diesem Kontext sollte man allerdings nicht nur an evangelikale Strömungen denken. Gerade im mehrheitlich katholischen Frankreich muss man auch im Blick haben, dass sich die katholische Kirche im Land bisher nicht eindeutig von der Judenmission distanziert hat.

Diese und andere Formen der Judenfeindlichkeit machen es weitaus schwieriger, ja, in manchen Ländern wie der Ukraine gar regelrecht gefährlich, das zweite Ziel des Vereins zu verfolgen, nämlich verschiedene christliche Gemeinden aufzusuchen, um sie davon zu überzeugen, »dass Gott nur ein Volk hat und dass es das jüdische ist«, wie Darrieutort sagt. Damit stellt sich Ebenezer der in manchen christlichen Kreisen bis heute geglaubten Theorie entgegen, die Christen hätten die Juden als auserwähltes Volk abgelöst.

Die Mitarbeiter von Ebenezer hingegen haben, wie Darrieutort sagt, aufmerksam Jesaja, Ezekiel und die anderen Propheten gelesen und deren Versprechen an die Juden verinnerlicht, in ihr Land zurückkehren zu können.

Der Verein in Frankeich will durch logistische, moralische und, wo nötig, finanzielle Unterstützung dabei helfen, dieses Versprechen einzulösen. »2016 haben sich mehr als 100 Familien an uns gewandt, zum Teil über unsere Internetseite«, sagt Darrieutort. »Von ihnen haben wir 72 aufgesucht und 65 auf unterschiedliche Art geholfen. So haben wir uns bei 60 Familien finanziell an der Auswanderung beteiligt, mit einer Summe zwischen jeweils 500 und 2000 Euro.«

Jewish Agency Zusätzlich nimmt Ebenezer an bestimmten Programmen der Jewish Agency teil, die sie finanziell unterstützt und mit der sie eng zusammenarbeitet. Der Verein finanziert sich vorrangig über rund 3000 Spender.

Die Ehrenamtlichen des Vereins wie zum Beispiel die Rentnerin Danielle, die nicht mit vollem Namen genannt werden möchte, helfen auf Anfrage dabei, Umzugskartons zu packen, sie unterstützen ältere Auswanderer beim Ausfüllen von Formularen und begleiten die Ausreisewilligen am Ende oft auch zum Flughafen.

Danielle, die selbst jüdische Vorfahren hat, arbeitete früher als Angestellte bei den öffentlichen Verkehrsbetrieben und diente mehrfach als Freiwillige in der israelischen Armee. Dort kam sie in Kontakt mit Ebenezer.

Gefragt nach einem besonderen Erlebnis bei der »Opération Exodus«, sagt sie: »Es berührt mich sehr, dass viele Auswanderer aus Dankbarkeit und Verbundenheit den Kontakt zu uns halten, auch nachdem sie längst in Israel Fuß gefasst haben, wie zum Beispiel eine Familie, die wegen antisemitischer Angriffe Alija machte.«

»Für etliche sind wir der letzte Kontakt mit Frankreich«, sagt ein weiterer Helfer. »Die Abreise ist ein Augenblick der Angst. Da versuchen wir besonders, für sie da zu sein. Das ist oft sehr ergreifend.«

Für viele Auswanderer könnte Ebenezer künftig auch der erste Kontakt in Israel sein, denn die Organisation plant, ihren Aktionsradius zu vergrößern und stärker auf die Integration der Neueinwanderer zu setzen.

München

Oberrabbiner Goldschmidt: »Wir können nicht immer wegrennen«

Jüdisches Leben in Europa hat eine Zukunft, aber nicht von allein. Dafür braucht es nach den Worten des Oberrabbiners Pinchas Goldschmidt Partner in den Regierungen und in der Zivilgesellschaft

von Barbara Just  16.10.2026

Großbritannien

Universität Bath sagt Seminar mit Hochschule in Gaza ab

Eine Dozentin hatte britische Studenten aufgefordert, palästinensische Darstellungen des Nahostkonflikts nicht infrage zu stellen. Die Universität entschuldigte sich für die Vorgaben.

von Nicole Dreyfus  15.10.2026

Statistik

Zahl antisemitischer Vorfälle in Österreich bleibt auf hohem Niveau

Der Ausnahmezustand sei zum Alltag geworden, beklagt eine Antisemitismus-Meldestelle in Österreich. Im ersten Halbjahr 2026 wurden erneut Hunderte einschlägige Fälle gezählt

 15.10.2026

»The Social Reckoning«

Empörungsköder

Der Whistleblower-Thriller zeigt die neue Weltordnung à la Facebook – und was Menschen nicht dagegen tun

von Sophie Albers Ben Chamo  15.10.2026

New York

Magische Juden

Handleser, Geisterbeschwörer, Wahrsager und Wunderheiler: Eine neue Ausstellung beleuchtet die Lust am Okkulten

von Eva C. Schweitzer  15.10.2026

Irland

Ausgerechnet eine Antisemitismuskonferenz fällt dem Judenhass zum Opfer

In Dublin fand eine Tagung von Antisemitismusbeauftragten und jüdischen Vertretern statt. Ein Hotel verweigerte die Unterbringung. Für Irlands Gemeindevorsitzenden zeigt das, wie Antisemitismus sich immer wieder neu manifestiert

von Maurice Cohen  14.10.2026

USA

Süß und gut zu werfen

»Sunkist Fruit Gems« gehören in vielen Gemeinden zum Feiern. Ihr angekündigtes Aus sorgte für Aufregung – nun kommen sie zurück

von Sophie Albers Ben Chamo  13.10.2026

»Imanuels Interpreten« (26)

Paul Simon: Der Brückenbauer

Seit den 60er Jahren schreibt und spielt der New Yorker Künstler Musik, deren Texte durchweg stark sind. Mehrere Generationen haben zugehört. Heute wird das jüdische Talent 85 Jahre alt

von Imanuel Marcus  13.10.2026

Katharina von Schnurbein

»Ich habe das Gefühl, den richtigen Weg gegangen zu sein«

Die EU-Antisemitismusbeauftragte Katharina von Schnurbein wechselt von Brüssel nach Berlin. Sie folgt dort Felix Klein nach. Ein Porträt

von Michael Thaidigsmann  14.10.2026 Aktualisiert