Polen

Haus für Geschichte

Der gigantische, schräg in den Himmel ragende rote Keil ist von Weitem zu sehen. Es ist das neue, von Polens nationalpopulistischer Regierung vehement abgelehnte Museum des Zweiten Weltkriegs in Gdansk, dem früheren Danzig.

Am Donnerstag soll es nach achtjähriger Planungs- und Bauzeit eröffnet werden. Doch wie lange das neue Wahrzeichen der Ostseestadt, in der am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg begann, für die Öffentlichkeit zugänglich bleibt, weiß niemand. Das Museum sei zu »kosmopolitisch« und »pazifistisch«, werfen Kritiker dem Gründungsdirektor Pawel Machcewicz vor, es sei zu wenig »patriotisch« und »heroisch«.

Konzept »Wenn wir wollen, dass auch Ausländer die Geschichte Polens besser verstehen, müssen wir sie einbetten in einen breiten Kontext«, verteidigt der 50-jährige Historiker sein Konzept. »Die Geschichte des Zweiten Weltkriegs lässt sich nicht nur aus polnischer Perspektive erzählen. Was wir zeigen, ist der Krieg, wie ihn die Zivilbevölkerung erlebte – in Polen und in anderen Ländern.« Gerade in Polen mit seinen vielen zivilen Opfern sei dieser Ansatz gerechtfertigt. Denn von den 5,5 Millionen polnischen Staatsbürgern, die im Krieg ums Leben kamen, waren nur etwa 300.000 Soldaten. Die anderen – mehr als drei Millionen polnische Juden und rund zweieinhalb Millionen zumeist katholische Polen – waren Zivilisten.

Tief im Keller, gut 15 Meter unter der Erdoberfläche, empfangen den Besucher rohe Betonwände. Von oben fällt fahles Licht auf die einstige »Große Gasse«, deren Originalpflastersteine hier verlegt wurden. Rechts und links reihen sich 18 thematische Ausstellungsräume aneinander. Erste Station ist ein düsteres halbrundes Stehkino, das in rasch wechselnden Bildsequenzen aufzeigt, wie in Europa und Japan totalitäre Regime an die Macht kommen und immer mehr Menschen einem Führer der Nation zujubeln.

Die Feindpropaganda, die »das Volk« enger zusammenschweißen soll, greift überall zu denselben Methoden, egal ob das die Juden im Deutschen Reich sind, die Kulaken und Kapitalisten in der Sowjetunion oder die Sozialisten und Kommunisten im faschistischen Italien. Die Ausstellung entlarvt die Propaganda als Lüge und zeigt in Filmen und Bildern die Wahrheit, die jeder sehen konnte, wenn er es denn wollte. Doch der nationale Massenrausch, angeführt von Adolf Hitler, führte in nur wenigen Jahren zum Krieg.

schoa »Es ist nicht einfach, ein Museum des Zweiten Weltkriegs zu bauen, das keiner Enzyklopädie gleicht, dennoch alle wichtigen Aspekte zeigt und die Menschen auch emotional anspricht«, erläutert Machcewicz. »Wir haben uns dazu entschlossen, sowohl die deutsche als auch die sowjetische Besatzung, den Bombenkrieg, die Befreiung, den Sieg und die erneute Unterdrückung zu thematisieren, sodass ein Vergleich möglich wird.« So wird der Schoa zwar ein großer Teil der Ausstellung gewidmet, doch sie steht nicht im Zentrum.

Für den Hunger im Krieg stehen verrostete Blechnäpfe und löchrige Emailteller, die in Kulmhof, dem ersten NS-Vernichtungslager im deutsch besetzten Polen, gefunden wurden. Sie gehörten Juden aus dem Ghetto Litzmannstadt (Lodz), die in Kulmhof vergast wurden. Aber auch das Tagebuch eines russischen Mädchens ist ein bewegendes Zeugnis. Bei der Belagerung Leningrads musste sie zusehen, wie nach und nach die ganze Familie verhungerte. Fotos von Leichenbergen verdursteter und verhungerter Sowjetsoldaten in Gefangenenlagern der Wehrmacht erinnern an die Millionen Opfer in der Sowjetunion.

Fassungslos machen oft eher kleine als große Exponate, zum Beispiel die Beton-Jetons mit den Zahlen, die Juden im NS-Vernichtungslager Belzec ausgehändigt wurden, um angeblich nach dem Duschen Kleidung und Schuhe wiederzufinden.

Partisanen Die Gegenüberstellung der Partisanenbewegungen und Aufstände in Frankreich, der zerschlagenen Tschechoslowakei, in der Sowjetunion und Polen zeigt, wie stark Widerstandgruppen auf Unterstützung in der Gesellschaft hoffen konnten oder – wie im Fall der Juden in Polen – weitgehend auf sich gestellt waren. So kommt zwar auch »polnischer Heroismus« vor, doch in der Ausstellung wird Widerstandskämpfern in allen deutsch besetzten Ländern ein besonderer Tribut gezollt.

»Wir sind froh, dass wir das Museum jetzt eröffnen können«, sagt Machcewicz. »Seit April vergangenen Jahres, als Kulturminister Piotr Glinski erklärte, das Museumsprojekt einstellen zu wollen, standen wir schon mehrmals kurz vor dem Aus.«

Allerdings macht sich Machcewicz keine großen Illusionen über seine Zukunft als Museumsdirektor. »Der Minister versucht, das Museum nun finanziell auszutrocknen. Vielleicht hofft er, dass ich ohne ein normales Jahres-Budget das Handtuch werfe. «Sollte ich dann eines Tages tatsächlich gehen müssen, hoffe ich nur, dass sich das Museum nicht verwandelt in eines der polnischen Geschichte und Militärgeschichte, sondern dass der Kernbestand der Ausstellung erhalten bleibt.»

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