Großbritannien

Hass in Golders Green

Zerstörtes Geisel-Plakat in Golders Green Foto: Daniel Zylbersztajn-Lewandowski

Großbritannien

Hass in Golders Green

In Londons jüdisch geprägten Stadtvierteln eskaliert der Antisemitismus

von Daniel Zylbersztajn-Lewandowski  10.02.2024 21:26 Uhr

Er fühle sich in Golders Green immer noch sicher, beharrt der Londoner Sofer Bernard Benarroch, tief über Torarollen gebeugt, die er gerade repariert. Sein Geschäft, in dem er auch Judaika anbietet, liegt mitten in dem jüdischen Stadtviertel, wo vergangene Woche ein Mann mit einem Küchenmesser bewaffnet Menschen vor einem koscheren Supermarkt angegriffen hat, nachdem er immer wieder deren Meinung zum aktuellen Krieg in Israel eingefordert hatte. Der jüdische Sicherheitsdienst Shomrim und die Polizei konnten ihn überwältigen. Aber außerhalb von Golders Green müsse man aufpassen und nach Möglichkeit seine Kippa verdecken, so Benarroch.

Doch nun hat auch noch der Parlaments­abgeordnete von Golders Green und Finchley, wo die Hälfte der Bewohner Juden sind, bekannt gegeben, dass er sein Amt aufgeben und bei den nächsten Wahlen nicht mehr antreten wolle. Denn der konservative, nichtjüdische Mike Freer fürchtet um sein Leben, das seines Mannes und seiner Familie.

Verbale Bedrohung und schreckliche Normalität

Während die tägliche verbale Bedrohung schon schreckliche Normalität geworden ist, eskalierte der Hass im Dezember, als Freers Büro in Flammen aufging. Außerdem wurde bekannt, dass der IS-Unterstützer Ali Harbi Ali, der im Oktober 2021 den konservativen Abgeordneten Sir David Amess erstochen hatte, eigentlich Freer in dessen Büro töten wollte. Dass Freer noch am Leben ist, verdankt er nur einer unvorhergesehenen Terminänderung.

Der Politiker kennt den Grund für die ständigen Angriffe. Er stehe der jüdischen Bevölkerung in seinen Stadtteilen uneingeschränkt bei und unterstütze Israel, zitieren ihn britische Medien. Mehrmals sei er von Mitgliedern der verbotenen salafistischen Gruppe »Muslims Against Crusades« konfrontiert und unmissverständlich mit dem Tod bedroht worden. Diese Angriffe richteten sich mittlerweile auch gegen seine Familie.

Freer ist seit 2010 Abgeordneter. Seit seinem Amtsantritt hat er sich sowohl gegen rechtsradikale Bedrohungen als auch gegen den Antisemitismus in der Labour-Partei starkgemacht. 2021 forderte er lautstark Aufmerksamkeit und Solidarität, nachdem durch die Viertel eine Autokolonne gefahren war, bei der antisemitische Hassparolen zu hören waren. Nach dem Schock des Terrorangriffs der Hamas vom 7. Oktober 2023 setzt er sich besonders für Israel und die jüdische Bevölkerung seiner Viertel ein.

»Ich kann mir vorstellen, wie er sich fühlen muss«

Freer sei häufiger in sein Geschäft gekommen, sagt der Sofer Benarroch. Er fühle mit ihm. »Ich kann mir vorstellen, wie er sich fühlen muss, weil wir als Juden das ja auch spüren.«

Das sagen auch andere Anwohner in der Nähe von Freers Büro. Er hätte an Freers Stelle das Gleiche getan, sagt Yitzy Freedman, dem ein jüdisches Weingeschäft ein paar Häuser weiter gehört. Sie seien empört über die Angriffe auf Freer, betont das pensionierte jüdische Ehepaar Judy und Victor. Allerdings hofften sie auch, dass dessen Amtsverzicht eine Chance für die jüdische Labour-Kandidatin Sarah Sackman sein könnte. Sackman hatte 2015 gegen Freer verloren. Auf X sprach sie nun ihr Bedauern aus, dass er gehe. Die Politik sei – statt von persönlichem Dialog – von gewaltsamer, hasserfüllter Sprache in den sozialen Medien bestimmt. Das müsse ein Ende haben.

Während neben dem Supermarkt »Ko­sher Kingdom« Plakate der israelischen Geiseln unversehrt blieben, sind sie neben Freers Büro abgerissen worden. Jemand hat auf die papiernen Reste geschrieben: »Wie krank und böse muss jemand sein, das hier zu zerstören. Wir lieben, ihr hasst!«

Schweiz

»Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen!«

Nathan Hertig war eines von 25 jüdischen Kindern des FC Hakoah Zürich, die am Montagabend beim Spiel Young Boys Bern gegen den FC Zürich die Profispieler ins Stadion begleiten durften. Für die Kinder war es eine Begegnung, die ihnen noch lange in Erinnerung bleiben dürfte, wie der Neunjährige im Interview erzählt.

von Nicole Dreyfus  03.09.2026

Terezín 2050

Theresienstadt: Zwischen Gedenken und Weiterleben

Einst Habsburger Festung, dann NS-Ghetto, heute tschechische Kleinstadt: Terezín (Theresienstadt) ist Erinnerungsort und lebendige Stadt zugleich. Internationale Forscher suchen nach Perspektiven für den Spagat zwischen Vergangenheit und Zukunft

 03.09.2026

Ungarn

Jüdisches Leben nach Orbán

Die neue Regierung verspricht eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Judenhass – und Partnerschaft auf Augenhöhe

von György Polgár  03.09.2026

USA

Warum Punk so jüdisch ist

In New York fing es an. In London wurde es Modetrend. Aber was hat eigentlich Lenny Bruce damit zu tun?

von Sarah Thalia Pines  31.08.2026

Interview

»Die Lage der schwedischen Juden ist schrecklich«

Schwedens Bildungs- und Integrationsministerin Simona Mohamsson über den Davidstern und die Vermischung von Israel-Kritik und Antisemitismus

von Michael Thaidigsmann  31.08.2026

Birmingham

Ermittlungen gegen früheren Polizeichef wegen Ausschluss israelischer Fußballfans

Der Ausschluss von Anhängern des israelischen Fußballclubs Maccabi Tel Aviv bei dessen Auswärtsspiel im November vergangenen Jahres in Großbritannien hat ein Nachspiel

 28.08.2026

Social Media

Prozess: Mark Zuckerbergs Meta will knapp 17 Milliarden Dollar zahlen

Das historische Verfahren zwischen Tech-Gigant Meta und fast allen US-Bundesstaaten gilt rechtlich nur für die USA. Doch es könnte auch globale Auswirkungen haben

 28.08.2026

Vereinte Nationen

Generalsekretär Guterres: UN-Sonderberichterstatter »völlig außer Kontrolle« in Bezug auf Israel

Der scheidende UN-Generalsekretär António Guterres hat die extreme Einseitigkeit einiger UN-Sonderberichterstatter bezüglich des jüdischen Staates eingeräumt. Eine allgemeine Voreingenommenheit der UNO gegenüber Israel sieht er aber nicht

 28.08.2026

Antisemitismus

Ire in Frankreich verhaftet, nachdem er gedroht hatte, jüdisches Paar zu ermorden

Nachdem der Australier und seine Frau aus dem Tunesien-Urlaub zurück waren, gingen sie zur Polizei

 27.08.2026