Niederlande

Generation Altersheim

Wohnt im Beth-Shalom-Pflegeheim in Buitenveldert am Rande Amsterdams: Elisabeth van der Ster-Sloves Foto: PR

Niederlande

Generation Altersheim

In ihrem Band »80plus Joden« porträtiert eine Amsterdamer Fotografin Bewohner einer jüdischen Pflegeeinrichtung

von Tobias Müller  27.11.2017 18:21 Uhr

Vor drei Jahren stand Elisabeth van der Ster-Sloves vor einer bedeutenden Entscheidung. Lange hatte die rüstige Witwe allein gewohnt, wurde häufig besucht von ihren Kindern und Enkeln. Dann aber, nach einem Krankenhausaufenthalt, brauchte sie mit Anfang 90 einen Platz in einem Pflegeheim. Die Entscheidung war schnell gefallen: »Ich wollte auf jeden Fall in ein jüdisches Heim. Ich bin nicht religiös, aber fühle mich sehr jüdisch und wollte deshalb eine jüdische Umgebung, wo ich nicht alles erklären muss.«

Mit diesem Profil passt Elisabeth van der Ster-Sloves perfekt zu den Ansprüchen von Beth Shalom, der größten jüdischen Pflegeeinrichtung der Niederlande. Von orthodoxen bis säkularen Bewohnern sollen sich in den 200 Appartements in Buitenveldert am Rande Amsterdams alle wohlfühlen. Wie vielfältig die Bewohner sind, davon zeugt seit Neuestem ein bemerkenswertes Buch: 80plus Joden heißt es, was sich mit »Ü80-Juden« übersetzen lässt. Es enthält 60 Porträts der renommierten Fotografin Elsbeth Struijk van Bergen und Texte von Ido Abram, einem ehemaligen Professor für Holocaust-Erziehung.

Vielfalt Dass Elisabeth van der Ster-Sloves den Titel ziert, kann an ihrer fotogenen Erscheinung liegen. Doch irgendwie steht das, was sie ins Beth-Shalom-Heim brachte, auch symbolisch für die Vielfalt an diesem Ort. Vorgestellt werden ein ehemaliger Direktor, der auch heute noch seinen beruflichen Status ausstrahlt, ein homosexueller Modeunternehmer oder eine religiöse Kommunistin, die die Gründungsphase des Staates Israel stolz als einziges Beispiel »echten Kommunismus« rühmt.

Gerade mit der Beschreibung ihres jüdischen Gefühlslebens scheint die elegante alte Dame dem Leitmotiv des Buchs völlig zu entsprechen. Denn die Porträts sollen nicht nur für sich stehen, sondern sich den Fragen nähern, die sich Außenstehende oft stellen: »Was hält Juden trotz ihrer zahllosen internen Meinungsverschiedenheiten zusammen? Haben säkulare Juden eigentlich eine echte jüdische Identität? Was bedeutet es überhaupt, jüdisch zu sein?«

Dass nach jüdischer Auffassung die Fragen wichtiger als die Antworten sind, taucht auch in den Begleittexten auf. Mehr als durch diese höhere Ebene fasziniert 80plus Joden aber durch die starke Kombination von Wort und Bild – gerade wegen der Reihenfolge. Zuerst erzählen die Porträtierten auf einer Doppelseite frei über ihr Leben. Hat man sich ihnen auf diese Weise genähert, blättert man um und steht ihnen quasi gegenüber.

Kaleidoskop Ein ergänzendes Stilmittel, das sehr überzeugt, ist ein weiteres kleines Foto, das wichtige persönliche Gegenstände des jeweiligen Porträtierten abbildet: Erinnerungsstücke aus den Niederlanden und Israel, Windmühlen und Chanukkaleuchter fügen sich zusammen zu einem faszinierenden Kaleidoskop an Zeugnissen jüdischen Lebens in diesem Land – trotz der Schoa.

Die Berichte von Verlust und Versteck sind Standardelemente jeder Lebensgeschichte, ebenso wie der mühevolle Alltag als Überlebende. Dass Antworten auf die großen Fragen ausbleiben, tut dem Buch angesichts inhaltlicher Dichte und Nähe zu den Protagonisten keinen Abbruch. An manchen Stellen kommt man ihnen sehr nah. Etwa bei Rosalie Smid-Wisch, die in der Zeit vor der deutschen Besatzung im berühmten Kindergarten gegenüber der als Sammelstelle missbrauchten Hollandsche Schouwburg arbeitete.

Vom orthodoxen Hintergrund war bei Rosalie Smid-Wisch nach der Schoa nichts mehr übrig. Sie sagt, sie hatte das Judentum »satt«. Doch kurz nachdem ihr Mann gestorben war, ging sie erstmals wieder in die Synagoge. »So begann es wieder. Pure Nostalgie. Ich bin nicht fromm, aber echt fromm.«

Frankreich

43 Jahre nach Anschlag auf jüdisches Lokal: Verdächtiger Palästinenser ausgeliefert

Der Anschlag auf das »Chez Jo Goldenberg« in der französischen Hauptstadt am 9. August 1982 erschütterte das Land und seine jüdische Gemeinschaft schwer

 17.04.2026

New York

Die Tiger der Tora

Einst feierten jüdische Fußballclubs in der Bronx das Leben, und sogar Marilyn Monroe kickte den Ball. Schwarz-weiße Erinnerungen zur Einstimmung auf die WM in den USA, Kanada und Mexiko

von Helmut Kuhn  16.04.2026

Ungarn

Wer ist Péter Magyar?

Viktor Orbán hat die Wahl verloren. Sein Nachfolger strebt weitreichende Veränderungen an. Doch bei vielen Themen setzt auch Magyar auf Kontinuität

von Michael Thaidigsmann  15.04.2026

Rom

Auch die »Trump-Flüsterin« Meloni fällt in Ungnade

Eigentlich gilt Italiens Ministerpräsidentin Meloni als Politikerin mit gutem Draht zu US-Präsident Trump. Nun attackiert er sie scharf. Der Schlagabtausch könnte für Meloni jedoch von Nutzen sein

von Robert Messer  15.04.2026

Statistik

Knapp 111.000 Holocaustüberlebende leben in Israel

Sie sind alt und sie werden weniger: Heute leben noch etwa 111.000 Holocaustüberlebende in Israel. Fast ein Drittel von ihnen ist über 90 Jahre alt, fast zwei Drittel von ihnen sind Frauen

 15.04.2026

München/Budapest

Europäische Rabbiner gratulieren Magyar zum Wahlsieg in Ungarn

»Das ungarische Volk hat eine klare Entscheidung für Demokratie, für Erneuerung und für ein zukunftsorientiertes Ungarn getroffen«, sagt Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt

 15.04.2026

Polen

Rechtsradikaler Politiker schockiert mit israelischer Hakenkreuzfahne

Am Holocaustgedenktag warf Konrad Berkowicz Israel im Sejm vor, das neue Dritte Reich zu sein

 14.04.2026

Warschau

Absage an Antisemitismus: Polnische Bischöfe besuchen Synagogen

Vor 40 Jahren umarmte Papst Johannes Paul II. in Roms Hauptsynagoge den dortigen Oberrabbiner. In Polen erinnern nun Bischöfe an diesen Meilenstein in den katholisch-jüdischen Beziehungen. Es gibt aber auch Misstöne

von Oliver Hinz  14.04.2026

Nordmazedonien

Brandanschlag auf Synagoge in Skopje

Zwei bislang unbekannte Täter verschafften sich Zugang zum Eingangsbereich des Gotteshauses und versuchten, ihn in Brand zu setzen

von Nicole Dreyfus  14.04.2026 Aktualisiert