Stockholm

Gefahr für das jüdische Leben

Jimmie Åkesson, Chef der Schwedendemokraten Foto: imago/ZUMA Press

Schwedens Parteiensystem ist gehörig ins Rutschen geraten. Noch regiert eine rot-grüne Minderheitsregierung, doch die jahrzehntelange Dominanz der Sozialde­mokraten sieht ihrem Ende entgegen. Nach der Parlamentswahl, zu der am Sonntag sieben Millionen Schweden aufgerufen sind, wird nichts mehr so sein wie vorher. Das ist die einzige Prognose, auf die sich die Beobachter einigen können.

Bisher konnten meistens die Sozialdemokraten eine Minderheitsregierung bilden. Selten gelang es dem bürgerlichen Block, eine Koalition zu schmieden. Aber die Wahl steht diesmal nicht zwischen linkem oder bürgerlichem Lager, sondern eine einzige Frage beherrscht den Wahlkampf: Wie stark werden die rechtspopulistischen Schwedendemokraten (SD)?

Parteichef Jimmie Åkesson ist das Kunststück geglückt, seit dem Einzug der Schwedendemokraten in den Reichstag vor acht Jahren beide Gruppen, aus denen sich seine Anhänger speisen, zusammenzuhalten. Da sind zum einen die Neonazis, die die Partei vor vielen Jahren bereits in Südschweden aus der Taufe gehoben haben. Und da wären zum anderen diejenigen Wähler, die von den etablierten Parteien enttäuscht sind und sich von Åkessons Rhetorik überzeugen lassen. Immer mehr Schweden trauen Åkesson zu, ein fähiger Ministerpräsident zu sein.

Erstmals kommt er diesem Amt sehr nah. Gefährlich nah, warnt Mathan Ravid vom Schwedischen Komitee gegen Antisemitismus. Dadurch, dass die Schwedendemokraten sich im traditionell israelfeindlichen Diskurs in Schweden als »pro-zionistisch« bezeichnen, versuchten sie, ihre Wurzeln im rechtsradikalen Mi­lieu zu verdecken, argumentiert Ravid.

Antisemitismus Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Stockholm, Aron Verständig, ergänzt: »Die Schwedendemokraten haben ein eindeutiges Problem mit Antisemitismus. Wenn alle ihre Vorschläge durchkämen – wie ein Stopp religiöser Privatschulen, ein Verbot von Schächtung und Beschneidung –, wäre jüdisches Leben in Schweden praktisch nicht mehr möglich.« Gleichwohl betonen die Schwedendemokraten, dass sie mit ihrer restriktiven Politik in erster Linie auf die wachsende muslimische Bevölkerungsgruppe im Land zielen – und nicht auf die gerade einmal rund 10.000 schwedischen Juden. Zudem weist die Partei süffisant darauf hin, dass zwei ihrer führenden Vertreter selbst jüdische Wurzeln hätten. Der Antisemitismus­vorwurf laufe also ins Leere.

Allerdings spielt Antisemitismus aus Sicht der meisten Schweden ohnehin keine wahlentscheidende Rolle. Im Gegenteil: Israelkritik, gespickt mit antijüdischen Stereotypen, gehört zur Alltagssprache vieler etablierter Politiker. Und die meist von Muslimen verübten Übergriffe auf Juden und jüdische Einrichtungen haben bereits vor Jahren dazu geführt, dass jüdische Organisationen weltweit vor Reisen nach Stockholm, Göteborg und vor allem Malmö warnten. In der schwedischen Öffentlichkeit war man eher gekränkt als alarmiert angesichts dieser Warnung.

Flüchtlinge So wird es also bei dieser Wahl wohl eher nicht darum gehen, wie es den Juden als offizieller Minderheit im Land geht. Vielmehr prägen die Folgen der hohen Flüchtlingszahlen im Herbst 2015 wie in Deutschland auch in Schweden die politische Debatte. Integrationsschwierigkei­ten, ein gelähmter Arbeitsmarkt und ei­ne unsichere Entwicklung des ohnehin seit Jahrzehnten angespannten Immobilienmarktes stehen im Vordergrund.

Aus dem selbst ernannten Wohlfahrtsstaat ist eine Gesellschaft zutiefst verunsicherter Bürger geworden. Weder die Sozialdemokraten unter Ministerpräsident Stefan Löfven noch die Konservativen mit ihrem Spitzenkandidaten Ulf Kristersson scheinen die richtigen Antworten parat zu haben. Am Ende könnten sie dennoch gezwungen sein, miteinander zu regieren. Das wäre historisch, denn große Koalitionen wie in Deutschland kennt man in Schweden bisher nicht. Einig sind sich linkes und bürgerliches Lager nur darin, einen Regierungschef Jimmie Åkesson verhindern zu wollen. Bisher sind dessen Schwedendemokraten in den Umfragen zweitstärkste Kraft.

Meinung

Ein Sonntag genügt!

Was gehen uns in der Schweiz die Wahlen in Sachsen-Anhalt an? Auf den ersten Blick nicht viel. Auf den zweiten wird klar: Das Problem ist nicht nur die Partei selbst

von Zsolt Balkanyi-Guery  08.09.2026

Nachruf

Gloria Steinem: Ein Leben im Dienst der Gleichberechtigung

Die Journalistin und feministische Aktivistin starb im Alter von 92 Jahren. Mit ihrem Magazin »Ms.« veränderte sie den Blick auf Frauen nachhaltig

 04.09.2026

Schweiz

»Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen!«

Der neunjährige Nathan Hertig ist eines von 25 jüdischen Kindern des FC Hakoah Zürich, die die Profis des FC Zürich ins Stadion begleiten durften. Im Interview erzählt er von diesem Erlebnis

von Nicole Dreyfus  03.09.2026

Terezín 2050

Theresienstadt: Zwischen Gedenken und Weiterleben

Einst Habsburger Festung, dann NS-Ghetto, heute tschechische Kleinstadt: Terezín (Theresienstadt) ist Erinnerungsort und lebendige Stadt zugleich. Internationale Forscher suchen nach Perspektiven für den Spagat zwischen Vergangenheit und Zukunft

 03.09.2026

Ungarn

Jüdisches Leben nach Orbán

Die neue Regierung verspricht eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Judenhass – und Partnerschaft auf Augenhöhe

von György Polgár  03.09.2026

USA

Warum Punk so jüdisch ist

In New York fing es an. In London wurde es Modetrend. Aber was hat eigentlich Lenny Bruce damit zu tun?

von Sarah Thalia Pines  31.08.2026

Interview

»Die Lage der schwedischen Juden ist schrecklich«

Schwedens Bildungs- und Integrationsministerin Simona Mohamsson über den Davidstern und die Vermischung von Israel-Kritik und Antisemitismus

von Michael Thaidigsmann  31.08.2026

Birmingham

Ermittlungen gegen früheren Polizeichef wegen Ausschluss israelischer Fußballfans

Der Ausschluss von Anhängern des israelischen Fußballclubs Maccabi Tel Aviv bei dessen Auswärtsspiel im November vergangenen Jahres in Großbritannien hat ein Nachspiel

 28.08.2026

Social Media

Prozess: Mark Zuckerbergs Meta will knapp 17 Milliarden Dollar zahlen

Das historische Verfahren zwischen Tech-Gigant Meta und fast allen US-Bundesstaaten gilt rechtlich nur für die USA. Doch es könnte auch globale Auswirkungen haben

 28.08.2026