USA

Gedämpfte Pessachfreude

Der Gewalt zum Trotz: Sederfeier im Altenheim »Village Shalom« in Overland Park, Kansas Foto: dpa

Auch Tage nach dem Anschlag im US-Bundesstaat Kansas ist die jüdische Gemeinschaft in Amerika schockiert. Ausgerechnet am Sonntag vor Pessach hatte der 73-jährige Neonazi Frazier Glenn Miller drei Menschen in der Kleinstadt Overland Park erschossen, zwei vor einem jüdischen Gemeindezentrum, eine Frau vor einem jüdischen Altersheim.

Miller, der bei dem rechtsradikalen Ku-Klux-Klan (KKK) als »Grand Dragon« fungiert – er rief bei seiner Tat »Heil Hitler!« – wurde verhaftet. Ihm droht die Todesstrafe, zumindest aber eine lebenslängliche Haftstrafe. Miller hatte ein Gewehr und eine Pistole bei sich, beides ist in Kansas leicht zu erwerben.

Opfer Keines der drei Opfer – der Arzt William Corporon, sein Enkel Reat Griffin Underwood und Terry LeManno, die er vor einem jüdischen Altersheim erschoss – war jüdisch. Doch das mindert das Entsetzen in den jüdischen Gemeinden nicht. Die Pessachfreude ist gedämpft. In vielen Synagogen wurde für die Opfer gebetet. Vor allem in New York rief man zu mehr Wachsamkeit auf. Bürgermeister Bill de Blasio wies die Polizei an, den Schutz jüdischer Einrichtungen während der Pessachtage zu verstärken.

»Es ist schrecklich, dass es in diesem Land noch so viel Hass gibt«, sagt Rabbiner Joshua Davidson vom Temple Emanu-El in der Upper East Side in Manhattan. Auch in anderen Bundesstaaten sorgen sich Juden. Rabbi Sasson Natan aus West Bloomfield, Michigan, sagte, Juden müssten sich vor einem »Domino-Effekt« in Acht nehmen, denn gerade an Pessach passiere oft etwas. Hingegen will sich Marty Haberer, Direktor der Jewish Federation von Sarasota und Manatee, »von Gewalttätern nicht einschüchtern lassen«. Ähnlich denkt Rabbi Mendy Cohen aus Sacramento, Kalifornien: »Das wird uns nicht davon abhalten, zu feiern, glücklich zu sein und an Gott zu glauben.«

Hetze Frazier Glenn Miller ist kein Unbekannter. Er gab einmal sogar dem jüdischen Radiohost Howard Stern ein Interview, in dem er sagte, er hasse Juden viel mehr als Schwarze, weil sie die Regierung, die Massenmedien und die Federal Reserve kontrollierten. Seit Jahren hetze Miller auf Internetforen gegen Juden, sagte Heide Beirich vom Southern Poverty Law Center im Gespräch mit der jüdischen Wochenzeitung Forward.

Auch die Anti-Defamation League (ADL) kennt Miller. Der frühere U.S.-Elitesoldat sei seit den 70er-Jahren aktiver Rechtsradikaler und habe eine der größten KKK-Gruppen der USA gegründet, sagte ADL-Anwalt Mark Pitcavage. Miller stand schon damals wegen Mordverdachts vor Gericht – er soll in den Mord an einem jüdischen Talkmaster verwickelt gewesen sein –, auch wegen illegalen Waffenerwerbs und Zeugeneinschüchterung. Damals kam er auf Kaution frei, flüchtete, wurde gefasst und verurteilt. Ein Teil der Strafe erließ man ihm, weil er gegen andere Neonazis aussagte.

feuerwaffen
Nach seiner Entlassung war er wieder aktiv: So kandidierte er (erfolglos) für den Senat und veröffentlichte ein antisemitisches Buch. Rabbi Samuel Cohon vom Temple Emanu-El in Tucson, Arizona, findet es deshalb unverständlich, wie »so jemand einfach Feuerwaffen erwerben kann«.

Der Ku-Klux-Klan richtet sich gegen Schwarze, aber auch gegen Juden. So lynchte der Klan 1915 in Georgia den jüdischen Fabrikmanager Leo Frank. Seit der Wahl des ersten schwarzen US-Präsidenten hat sich die Zahl der rechtsradikalen Gruppen vervielfacht. Dass diese Leute aber tatsächlich morden, ist selten. 2009 erschoss der US-Neonazi James von Brunn einen Wachmann vor dem Holocaust-Museum in Washington.

Meinung

Sauna der Toleranz - aber nur ohne Davidstern

Zwei Frauen werden in Barcelona wegen eines jüdischen Symbols verhört, als »Zionistinnen« aussortiert und schließlich hinausgeworfen – im Namen einer Offenheit, die sich selbst ad absurdum führt

von Sabine Brandes  02.06.2026

Essay

Wenn ein Platz nicht schweigt

Gedanken zum 85. Jahrestag der Zerstörung der alten Synagoge von Esch-sur-Alzette durch die Nationalsozialisten

von Andreas Albrecht  02.06.2026

Hintergrund

»Lady Gaza« kommt in die Schweiz

Ein sozialdemokratischer Abgeordneter hat die umstrittene französische Europaabgeordnete Rima Hassan nach Bern eingeladen und damit Empörung ausgelöst. Erste Stimmen fordern nun ein Einreiseverbot

von Nicole Dreyfus, Michael Thaidigsmann  02.06.2026

Punta Cana

Gal Gadot und Mila Kunis zeigen sich entspannt im Karibikurlaub

Die jüdischen Schauspielerinnen gehen in Puerto Rico ganz besonderen Freizeitaktivitäten nach

 02.06.2026

New York

Ronald Lauder: »Israel verliert den globalen Informationskrieg«

»Wenn man die Mainstream-Presse liest, muss man sich fragen, wie der einzige jüdische Staat zur meistgehassten Nation der Erde werden konnte«, sagt der Präsident des Jüdischen Weltkongresses

 02.06.2026

Bergen-Belsen

Holocaust-Überlebender Tomi Reichental gestorben

In Irland gehörte er zu den prominentesten Zeitzeugen des Holocaust. Tomi Reichental überlebte als Kind das KZ Bergen-Belsen. Jetzt ist er gestorben

von Karen Miether  01.06.2026

Jubiläum

Dichter und Bürgerschreck: Allen Ginsberg vor 100 Jahren geboren

Er lehnte sich gegen eine spießige und militarisierte Gesellschaft auf und propagierte ein ökologisches Bewusstsein: Der US-Dichter Allen Ginsberg war ein Pionier der »Beat-Generation«. Seine Visionen sind heute wieder aktuell

von Holger Spierig  01.06.2026

Erinnerung

Jugendliche im Anne Frank Haus in Amsterdam - Ein Besuch

Rund eine halbe Million Jugendliche aus aller Welt besuchen jährlich das Anne Frank Haus in Amsterdam. Was denken sie, wenn sie das Versteck sehen? Und was ist ihr Eindruck vom vielleicht bekanntesten Tagebuch der Welt?

von Nina Schmedding  01.06.2026

Nachruf

Edgar Morin gestorben: Stimme des kritischen Denkens verstummt

Der französische Philosoph, Soziologe und Publizist wurde 104 Jahre alt

 01.06.2026