US-Wahlen

Für Clinton oder für Trump?

Heute wählt Amerika einen neuen Präsidenten. Foto: dpa

Heute wählen die USA den Nachfolger von Barack Obama. Wir haben sechs Menschen gefragt, für wen sie stimmen.

Loretta Shapiro ist 73 Jahre alt, wohnt in Atlanta, Georgia, ist Verwaltungsangestellte im Ruhestand und Tutorin für Bar- und Batmizwa-Schüler an der Reformsynagoge »The Temple« in Atlanta:
»Ich werde Hillary Clinton wählen. Vor allem, weil es nichts, wirklich gar nichts an ihrem Gegenkandidaten gibt, was ich mag. Ich mag nicht, wie Donald Trump über bestimmte Bevölkerungsgruppen und Menschen spricht, wie er Feindseligkeit sät. Und finde auch nicht, dass er die Persönlichkeit und die Erfahrung hat, Präsident der Vereinigten Staaten zu sein. Außerdem fürchte ich, dass Trump kein zuverlässiger Verhandlungsführer im israelisch-palästinensischen Konflikt wäre. Er hat seine politischen Positionen in der Vergangenheit zu oft gewechselt. Das macht mich misstrauisch. Auf der anderen Seite wünschte ich, dass ich mehr Positives über Hillary Clinton sagen könnte. Ich gehöre wohl zu den Wählern, die sie für das kleinere Übel halten. Die FBI-Untersuchung ihrer E-Mails beunruhigte mich nicht besonders. Außerdem hat sie sehr viel Erfahrung in der Politik, und ich glaube, dass ihr das Wohl des Landes und der Menschen tatsächlich am Herzen liegt.«

Carol Greenwald ist 73 Jahre alt, wohnt in Chevy Chase, Maryland, ist Präsidentin einer Investmentfirma und Gründerin der Organisation JewsChooseTrump.org:
»Ich wähle Donald Trump. Erstens, weil ich mir sehr große Sorgen über Amerikas Rolle in der Welt mache. Die Vereinigten Staaten werden von anderen Staaten als Papiertiger wahrgenommen, und das ist es ja auch, was wir derzeit sind: ein Papiertiger. Trump würde unsere Streitkräfte wieder stärken. Zweitens: Die Obama-Administration hat alles getan, um das Verhältnis zwischen den USA und Israel zu unterminieren, und Hillary Clinton würde diesen Kurs fortsetzen. Anders als ihr Mann hat sie immer wieder gezeigt, dass sie pro-palästinensisch ist, ebenso wie ihre Berater. Außerdem ist sie eine der Architekten des Iran-Deals, und dieses Abkommen ist eine existenzielle Bedrohung für Israel, für Europa, für die USA. Ob ich als Frau ein Problem mit Trump habe? Ich habe zweimal Bill Clinton gewählt, und ich wusste, dass er ein Schürzenjäger war und mit anderen Frauen geschlafen hat. Wen Donald Trump küsst oder nicht küsst – das ist mir wirklich vollkommen egal. Mich interessiert nur seine Politik.«

Donald Rosenthal ist 57 Jahre alt, wohnt in Boca Raton, Florida und ist Präsident eines Management-Unternehmens für Gewerbeimmobilien:
»Ich werde Hillary Clinton wählen, aber ehrlich gesagt ist meine Entscheidung eher ein ›gegen‹ als ein ›für‹. Ich stimme gegen Donald Trump – gegen seine Intoleranz, gegen seine Hasstiraden, gegen seine politische Kurzsichtigkeit, aber auch gegen seine wirtschaftspolitischen Pläne. Ich bin selbst Geschäftsmann, ich hatte in der Vergangenheit ein paar Mal mit Trump zu tun, und als Person, Politiker und Unternehmer symbolisiert er so ziemlich alles, was ich nicht mag. Beim Thema Israel und Amerikas Unterstützung für Israel traue ich keinem der beiden Kandidaten. Aber Clinton ist meiner Meinung nach das kleinere Übel. Donald Trumps Positionen zu Israel sind zu unentschieden, uninformiert und deshalb unzuverlässig. Ein anderer Grund für meine Entscheidung: Mike Pence, Trumps Vizepräsidentschaftskandidat. Der hat zuletzt immer wieder betont, seine wichtigsten Werte seien sein christlicher Glaube, seine Familie, und sein Land – in dieser Reihenfolge. Und als Jude habe ich damit einfach ein Problem.«

Louis Sokol ist 63 Jahre alt, wohnt in Houston, Texas und ist IT- und Social-Media-Berater:
»Ich werde Donald Trump wählen. Weil ich seine Israel- und Iran-Politik vertrauenswürdiger finde als Hillary Clintons. Clinton umgibt sich mit zweifelhaften Beratern, denen eine Nähe zu islamistischen Organisationen nachgesagt wird. Für mich als Kleinunternehmer ist aber auch die Wirtschaftspolitik wichtig. Und da glaube ich, dass die US-Wirtschaft unter Trump wachsen wird. Unter Clinton gäbe es dagegen noch mehr Regulierungen, die es für kleine Unternehmen enorm schwierig machen, Leute einzustellen. Obamacare, die Gesundheitsreform, ist nur ein Beispiel; die ist wie ein Knebel für kleinere und mitteständische Unternehmen. Energiepolitik ist ein weiterer Grund. Clinton will den Kohleausstieg vorantreiben, aber wir brauchen Kohle – zumindest so lange, bis alternative Energien wie Solar und Wind den Bedarf des Landes annähernd decken können. Obwohl das FBI Clinton in der jüngsten Runde der E-Mail-Affäre entlastet hat, bleibe ich extrem misstrauisch. Außerdem könnte eine Untersuchung der Clinton Foundation neue Probleme für die Clintons aufwerfen. Und ich will keine korrupte Regierung.«

Brooke Averick ist 20 Jahre alt, wohnt in Boston, Massachusetts und studiert Erziehungswissenschaften an der Boston University:
»Keine Frage, ich wähle Hillary Clinton. Für mich ist sie die einzige Option. Wenn ich als Frau Trump wählen würde, dann wäre das, als würde ich all die Arbeit, die wir Frauen in den vergangenen Jahrzehnten geleistet haben, all die Fortschritte, die wir gemacht haben, all den Respekt, den wir uns verdient haben, mit Füßen treten. Das wäre wie eine Art Selbstverleugnung. Ich lehne auch Trumps Positionen zum Thema Einwanderung ab. Die Vereinigten Staaten waren von Beginn ihrer Geschichte an ein Einwanderungsland, ein Land, das Fremden Chancen auf ein besseres Leben versprach. Das ist ein sehr wichtiger amerikanischer Wert. Was Israel angeht, bin ich überzeugt, dass beide Kandidaten als Präsidenten loyale Partner wären. Aber das alleine ist für mich kein Grund, um Trump zu wählen. Dieser Wahlkampf war sehr schräg und polarisiert – aber auch extrem interessant für jemanden wie mich, der zum ersten Mal wählt. Und ich bin froh, dass ich bei diesen Wahlen meine Stimme abgeben kann.«

Josh Katzen ist 67 Jahre alt, wohnt in Newton, Massachusetts und ist Immobilieninvestor:
»Ich wähle Donald Trump. Zum einen aus Gründen der nationalen Sicherheit. Trump wird das Nuklearabkommen mit dem Iran stoppen, da gibt es keine Zweifel. Zum anderen: Trumps Israel- und Nahostpolitik. Hillary Clinton hängt noch immer den veralteten Vorstellungen an, dass Friedengespräche funktionieren. Trump dagegen verhandelt nicht mit Feinden und macht ihnen gegenüber keine Konzessionen. Er will die Feinde vernichten, und das ist der einzige Weg, das Problem des wachsenden radikalen Islamismus in den Griff zu bekommen. Drittens: An der Heimatfront steht Hillary Clinton für Klassenkrieg – zwischen Reichen und Armen, Schwarzen und Weißen, Frauen und Männern. Das ist schlecht für Amerika. Vom Standpunkt der Stabilität aus muss man für Trump stimmen. Ob mir Trumps antisemitische Anhänger Sorgen bereiten? Leider ist Antisemitismus noch immer lebendig, überall auf der Welt und auch in den USA. Und Antisemiten finden immer irgendwo ein Zuhause. Die weißen, nationalistischen, rechten Antisemiten unterstützen eben Trump; die linken, muslimischen, und schwarzen Antisemiten dagegen Clinton.«

New York

Die Tiger der Tora

Einst feierten jüdische Fußballclubs in der Bronx das Leben, und sogar Marilyn Monroe kickte den Ball. Schwarz-weiße Erinnerungen zur Einstimmung auf die WM in den USA, Kanada und Mexiko

von Helmut Kuhn  16.04.2026

Ungarn

Wer ist Péter Magyar?

Viktor Orbán hat die Wahl verloren. Sein Nachfolger strebt weitreichende Veränderungen an. Doch bei vielen Themen setzt auch Magyar auf Kontinuität

von Michael Thaidigsmann  15.04.2026

Rom

Auch die »Trump-Flüsterin« Meloni fällt in Ungnade

Eigentlich gilt Italiens Ministerpräsidentin Meloni als Politikerin mit gutem Draht zu US-Präsident Trump. Nun attackiert er sie scharf. Der Schlagabtausch könnte für Meloni jedoch von Nutzen sein

von Robert Messer  15.04.2026

Statistik

Knapp 111.000 Holocaustüberlebende leben in Israel

Sie sind alt und sie werden weniger: Heute leben noch etwa 111.000 Holocaustüberlebende in Israel. Fast ein Drittel von ihnen ist über 90 Jahre alt, fast zwei Drittel von ihnen sind Frauen

 15.04.2026

München/Budapest

Europäische Rabbiner gratulieren Magyar zum Wahlsieg in Ungarn

»Das ungarische Volk hat eine klare Entscheidung für Demokratie, für Erneuerung und für ein zukunftsorientiertes Ungarn getroffen«, sagt Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt

 15.04.2026

Polen

Rechtsradikaler Politiker schockiert mit israelischer Hakenkreuzfahne

Am Holocaustgedenktag warf Konrad Berkowicz Israel im Sejm vor, das neue Dritte Reich zu sein

 14.04.2026

Warschau

Absage an Antisemitismus: Polnische Bischöfe besuchen Synagogen

Vor 40 Jahren umarmte Papst Johannes Paul II. in Roms Hauptsynagoge den dortigen Oberrabbiner. In Polen erinnern nun Bischöfe an diesen Meilenstein in den katholisch-jüdischen Beziehungen. Es gibt aber auch Misstöne

von Oliver Hinz  14.04.2026

Nordmazedonien

Brandanschlag auf Synagoge in Skopje

Zwei bislang unbekannte Täter verschafften sich Zugang zum Eingangsbereich des Gotteshauses und versuchten, ihn in Brand zu setzen

von Nicole Dreyfus  14.04.2026 Aktualisiert

Meinung

Israel, Ungarn und die Abwahl Viktor Orbáns

Mit dem langjährigen Ministerpräsidenten hatte der jüdische Staat einen Verbündeten in der EU. Dennoch könnte dessen Abwahl eine Chance sein, das ungarisch-israelische Verhältnis auf eine nachhaltigere Grundlage zu stellen

von Domokos Szabó  14.04.2026