Moskau

Russische Juden beantragen seit Kriegsbeginn vermehrt den israelischen Pass

Auszuwandern ist in Russland schon seit Jahren ein heiß diskutiertes Thema – ob mit oder ohne jüdischen Hintergrund. Foto: Getty Images/iStockphoto

Unweit des Kreml steht die Choral-Synagoge – das älteste jüdische Bethaus in Moskau. Direkt daneben in einem Seitenhof befindet sich das Café »Bagel«, das koschere Küche anbietet. Zu Sowjetzeiten war in dem Gebäude die Redaktion der Zeitung »Sport-Express« untergebracht.

Oft sind alle Tische belegt, am Freitag kurz nach Mittag herrscht allerdings gähnende Leere. Die junge Frau an der Kasse meint, schon seit einigen Tagen sei wenig los. Es liege am heißen Sommerwetter, denn sonst kämen genügend Gäste, um zu essen oder eine Mahlzeit mit nach Hause zu nehmen.

Sie selbst stammt aus Zentralasien und wirkt überrascht über die Frage, ob nicht vielleicht auch die Auswanderung jüdischer Moskauer nach Israel einen Rückgang der Nachfrage nach koscherem Essen verursachen könnte. Darüber habe sie noch nicht nachgedacht, sagt sie, vielmehr beschäftige sie die Situation in der Ukraine. Auch von dort geflüchtete Menschen hätten im Café gegessen. Das sei aber schon eine Weile her.

EMIGRATION Auszuwandern ist in Russland schon seit Jahren ein heiß diskutiertes Thema – ob mit oder ohne jüdischen Hintergrund. Die russische Militärinvasion in die Ukraine bewegte manchen Ausreisewilligen zu schnellem Handeln.

Im Mai veröffentlichte der russische Grenzschutz aktuelle Zahlen über alle registrierten Grenzübertritte. Nach dieser Statistik sind im ersten Quartal des laufenden Jahres mehr als 15,5 Millionen Menschen aus Russland ausgereist. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, zu dem Reisemöglichkeiten pandemiebedingt stark eingeschränkt waren, habe sich der Wert verdoppelt. 22.000 gaben bei der Passkontrolle Israel als Zielland an, mehr als zwei Drittel von ihnen erklärten, der Zweck der Reise sei privat.

Für Rabbiner und Gemeindefunktionäre gilt es jetzt, den politischen Druck auszuhalten.

Einen dauerhaften Umzug nennt niemand als Grund für die Ausreise. Für sehr viele bedeutet die Verlegung des Lebensmittelpunkts keinen völligen Bruch mit ihrem bisherigen Leben, denn sie lassen meist ihre Wohnungen oder andere Vermögenswerte zurück. Auch der russische Pass bleibt ihnen erhalten – wenn sie keine Anstrengungen unternehmen, sich von ihrer Herkunft komplett loszusagen.

»relokation« Im russischen Neusprech heißt die aktuelle Tendenz schlicht »Relokation«, und wer einmal aufgebrochen ist, kann dies, sollte es die Situation erfordern, wieder tun. Dabei hängt der Grad an Mobilität selbstverständlich von diversen Faktoren ab, nicht zuletzt vom Alter, dem Einkommen und den Berufschancen am neuen Ort.

Sich komplett von der alten Heimat zu verabschieden, scheint selbst vor dem Hintergrund des Krieges und einem zu erwartenden langfristigen Einbruch der Wirtschaftsleistung infolge einschneidender Sanktionen gegen Russland nur bedingt infrage zu kommen. In russischsprachigen Chats für Neuankömmlinge in Israel gab es unzählige Wohngesuche für einen überschaubaren Zeitraum von zwei oder drei Monaten.

Wie aus anderen Ländern auch, wohin russische Staatsangehörige im März oder noch im Februar oftmals überstürzt aufgebrochen waren, kamen auch nach Israel Emigrierte wieder nach Russland zurück. Ein israelischer Pass in der Tasche ist eine Art Risikoversicherung für den Fall der Fälle.

grenzschließungen Apokalyptische Vorstellungen, die zu Kriegsbeginn in Russland vorherrschten, sind allerdings nicht eingetreten. Oder nur teilweise. Grenzschließungen blieben aus, und der zunächst ins Bodenlose abgestürzte Rubel hat gegenüber dem Dollar und dem Euro enorm an Wert gewonnen und verspricht, bis zum Herbst oder dem Jahresende sein Niveau zu halten.

Politisch hingegen befindet sich Russland in einer gefährlichen Abwärtsspirale, fast schon im freien Fall. Es wurden bereits unzählige Strafverfahren gegen Personen eingeleitet, die sich offen gegen den russischen Angriffskrieg positioniert haben. Wer sich in Zurückhaltung übt, darf hoffen, nicht belangt zu werden.

Berel Lazar, Rabbiner der chassidischen Organisation Chabad Lubawitsch und Vorsitzender der Föderation Jüdischer Gemeinden Russlands, rief Anfang März alle religiösen Anführer dazu auf, gemeinsam für den Frieden in der Ukraine einzustehen. Vom Vorsitzenden des Russischen Jüdischen Kongresses, Yuri Kanner, erhielt er für seine Initiative volle Unterstützung.

Politisch befindet sich Russland in einer gefährlichen Abwärtsspirale, fast schon im freien Fall.

Doch seither hat die russische Staatsmacht für eine Verschärfung der Repressionen gegen Kriegsgegner gesorgt und daher offene Kritik verstummen lassen – auch von jüdischer Seite. Zwar werden Lazar gute Beziehungen zu Präsident Wladimir Putin nachgesagt, einen Freibrief erwarb er dadurch aber nicht. Insbesondere jetzt gilt es, dem politischen Druck standzuhalten und nicht das zu gefährden, was jüdische Gemeinden in den vergangenen Jahrzehnten aufgebaut haben.

DOKUMENTE Die Zeiten der Stabilität sind vorbei. Welche Perspektiven Russland seiner Bevölkerung in der Zukunft zu bieten hat, wird sich – allein materiell betrachtet – grundlegend vom Lebensstandard unterscheiden, den zumindest Großstädter gewohnt sind. So sitzen etliche Menschen auf gepackten Koffern. Viele haben die Ausreise auf die lange Bank geschoben und würden auf der Stelle gehen, wenn sie nur könnten. Oder sie wären schon nach Kriegsbeginn nach Israel gereist, doch besaßen viele zu jenem Zeitpunkt weder einen russischen Reisepass noch die notwendigen Unterlagen, welche die jüdischen Wurzeln nachweisen.

Die Beschaffung unzähliger Dokumente kostet Zeit und Nerven. In jüdischen Gemeinden in Russland gibt es keine Archive, und russische Standesämter verhalten sich nicht immer kooperativ. So holen sich viele Menschen Rat in Telegram-Chats wie Mazltov, wo kundige Teilnehmer ihre Erfahrung teilen oder man einfach nur sein Leid mit der Bürokratie loswerden kann.

So erging es Userin Polina Golnik. Sie kassierte eine Absage, obwohl sie beim Leiter des zuständigen Standesamtes vorstellig wurde und die Originaltodesurkunde einer nahen jüdischen Verwandten vorlegte. Die verwandtschaftlichen Beziehungen ließen sich nicht nachweisen, lautete die lapidare Antwort des Beamten.

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