Interview

Fünf Minuten mit …

Rabbiner Michel Serfaty Foto: privat

Herr Rabbiner, die französischen Vorstädte sind in den vergangenen Jahren immer wieder durch antisemitische Gewalt in die Schlagzeilen geraten. Sie arbeiten in einer Gemeinde in der Pariser Banlieue. Wie ist die Situation dort?
Die Juden in den Vorstädten sind weiterhin sehr nervös, auch wenn die Zahl der antisemitischen Taten gesunken ist. Viele können sich noch nicht von der Angst der vergangenen Jahre freimachen. Das sieht man vor allem daran, dass immer mehr ins Stadtzentrum ziehen, viele Gemeinden immer kleiner werden oder gar ganz verschwinden.

Viele antisemitische Straftaten wurden von Menschen arabisch‐maghrebinischer Herkunft begangen. In vielen Vorstädten bilden sie die Mehrheit, ist auch das ein Grund dafür, dass Juden wegziehen?
In der Tat leben in den Banlieues mit starkem muslimischem Bevölkerungsanteil wenige Juden. Es gibt sogar Beispiele, dass sich in Vorstädten mit weniger muslimischen Einwohnern neue jüdische Gemeinden gebildet haben. Dennoch wäre es falsch, allein den muslimischen Antisemitismus oder den Nahostkonflikt für den Wegzug verantwortlich zu machen. Viele Juden sehnen sich nach einem soziokulturellen Angebot, das nur in den Innenstädten existiert, etliche machen Alija, und oftmals sind schlicht ökonomische Probleme der Grund.

Dennoch stehen die Wellen antisemitischer Gewalt in Frankreich doch unverkennbar in Zusammenhang mit den Konjunkturen des Nahostkonflikts.
Ja, der Beginn der zweiten Intifada markiert den Beginn des Schrumpfungsprozesses der Gemeinden in der Pariser Banlieue. Andererseits habe ich in vielen Gesprächen mit Bewohnern den Eindruck gewonnen, dass der Konflikt die meisten kaum interessiert. Es gibt aber interessierte Einzelakteure, die das Verhältnis zwischen Juden und Muslimen in Frankreich mit dem Nahostkonflikt vermengen möchten. Ein Mitglied unserer Vereinigung für jüdisch‐muslimische Freundschaft etwa verkündete während des Gazakrieges, alle Muslime würden die Organisation verlassen. Obwohl das absolut falsch war, wurde diese Erklärung von Islamisten und Medien extrem aufgeblasen.

Wie versuchen Sie, solchen Aufwiegelungsversuchen entgegenzutreten?
Wir touren seit sechs Jahren durch ganz Frankreich und organisieren öffentliche Veranstaltungen mit Vertretern der jüdischen und muslimischen Gemeinden. Außerdem haben wir einen landesweiten Tag der offenen Tür ins Leben gerufen, bei dem sich Muslime und Juden in ihren Gemeinden wechselseitig besuchen. Dazu versuchen wir beide Gruppen für die Diskriminierungserfahrungen der anderen zu sensibilieren. Ich habe zum Beispiel mit 20 Imamen eine Studienfahrt nach Auschwitz organisiert. Jeder von ihnen setzt sich heute aktiv gegen die unter Islamisten verbreitete Holocaustleugnung ein. Und die Reise soll auf Wunsch der Imame dieses Jahr wiederholt werden. Es gibt also genug Arbeit!

Mit dem Präsidenten der Gesellschaft »Amitié judéo‐musulmane de France« sprach Tilman Vogt.

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