USA

Frommer und rechter

Mitten in Manhattan Foto: getty

Stehen die amerikanischen Juden weiterhin zu Barack Obama und den Demokraten, oder zeichnet sich ein Wechsel im Wahlverhalten ab? Diese Diskussion hat vor wenigen Wochen neue Nahrung erhalten.

Eine Umfrage des New Yorker Forschungsinstituts Siena deutet einen dramatischen Sympathieverlust des amtierenden US-Präsidenten unter New Yorker Juden an. So änderten sich die Zustimmungswerte innerhalb eines Monats um 22 Prozent zu Ungunsten von Obama. Gegenwärtig kommt er bei jüdischen New Yorkern nur USA auf 51 Prozent. Diese Zahlen könnten ein Indikator für das Wahlverhalten der amerikanischen Juden in den anstehenden Präsidentschaftswahlen sein. Denn wie die restlichen amerikanischen Juden stimmten 2008 noch nahezu acht von zehn jüdischen New Yorkern für Obama.

Bereits im vergangenen Jahr sendeten die New Yorker Juden ein Zeichen nach Washington. In einer Nachwahl für das Repräsentantenhaus gelang es dem Republikaner Bob Turner, den Demokraten David Weprin im überwiegend von ultraorthodoxen Juden bewohnten neunten Wahlbezirk in Brooklyn zu schlagen. Das ist insofern bedeutend, als die Wähler dem katholischen Turner den Vorzug vor dem orthodoxen Juden Weprin gaben. Der Bezirk wird nun zum ersten Mal seit 1923 von einem Republikaner vertreten. Ein klares Zeichen der Unzufriedenheit mit dem gegenwärtigen Kurs der Obama-Administration.

umschwung Vor allem jüdische Kommentatoren, die den Republikanern nahestehen, versuchen hieraus einen Umschwung im Wählerverhalten amerikanischer Juden abzuleiten. Was diesen Trend langfristig unterstützen könnte, ist das starke Wachstum der orthodoxen Juden. Einer Studie der jüdischen Wohltätigkeitsorganisation UJA-Federation zufolge ist der Anteil der Orthodoxen unter den New Yorker Juden in den vergangenen zehn Jahren auf 32 Prozent gestiegen. Ihre Zahl wird in den nächsten Jahren wohl weiter zunehmen. Orthodoxe Juden haben überdurchschnittlich viel Nachwuchs, so dass bereits heute 61 Prozent aller jüdischen Kinder in New York aus orthodoxen Familien stammen.

In der Tat könnte diese demografische Veränderung auf lange Sicht zu einem anderen Wahlverhalten führen. Orthodoxe Juden neigen in Bildungsfragen, Familienpolitik und in der Außenpolitik eher zu konservativen Ansichten. Der Soziologe Steven M. Cohen schätzt die Zahl der orthodoxen Juden, die bei der letzten Präsidentschaftswahl für den Republikaner John McCain gestimmt haben, auf 80 Prozent. Damit stehen sie im genauen Gegensatz zu den 78 Prozent der jüdischen Amerikaner, die ihre Stimme Obama gaben.

Gegenwärtig machen die Orthodoxen nur rund zehn Prozent des amerikanischen Judentums aus. Es wird folglich noch dauern, bis sie das jüdische Wählerverhalten entscheidend verändern. Die Hoffnungen konservativer Kommentatoren werden zudem von einer landesweiten Umfrage des American Jewish Committee (AJC) gedämpft. Hierin beschrieben sich gerade einmal 19 Prozent der befragten jüdischen Amerikaner als konservativ, und zwei Drittel gaben an, der demokratischen Partei nahezustehen.

Stünde die Wahl unmittelbar bevor, würden laut der Umfrage 61 Prozent wieder für Obama stimmen, der republikanische Herausforderer Mitt Romney käme lediglich auf 28 Prozent. Obwohl Obamas Wert immer noch verhältnismäßig hoch ist, liegt er 17 Prozent unter dem Ergebnis, das er 2008 bei jüdischen Wählern erzielen konnte.

rabbiner Im November stehen auch Wahlen für das US-Repräsentantenhaus an. Aus der Sicht konservativer Juden gab es hier einige positive Entwicklungen. So konnte sich in New Jersey der ultraorthodoxe Rabbiner und Publizist Shmuley Boteach mit 58 Prozent die Nominierung als republikanischer Kandidat sichern. Er wäre der erste Rabbiner im US-Kongress.

Im Vorwahlkampf gab er sich noch betont konservativ, doch schon kurz nach seiner Nominierung schlug er moderatere Töne an. So kritisierte er die Republikaner für ihre Einstellung gegenüber Abtreibung, gleichgeschlechtlicher Ehe und Verhütungsmitteln. Zudem fand er lobende Worte für Obamas Erfolge im Antiterrorkampf. Ob diese verhaltene Öffnung zur Mitte ausreicht, um im November zu gewinnen, bleibt fraglich. Seit 1983 hat in Boteachs Wahlbezirk kein Republikaner einen Sieg erringen können.

Andererseits haben sich die dortigen Demokraten in einer Schlammschlacht aufgerieben und ihren Abgeordneten Steve Rothman, der den Wahlbezirk seit 15 Jahren vertreten hatte, nicht erneut nominiert. Dies könnte die Chance für »Amerikas Rabbiner«, wie sich Boteach selbstbewusst nennt, sein.

Ein weiterer jüdischer Kandidat setzte sich im Nordosten von Long Island, New York durch. Dort wurde Randy Altschuler als republikanischer Kandidat für die Repräsentantenhauswahlen nominiert. Sein innerparteilicher Rivale hatte zuvor aufgegeben. Altschuler verweist auf seine Erfahrungen als Geschäftsmann, mit denen er in wirtschaftlich schwierigen Zeiten punkten möchte.

Im Gegensatz zu Boteach werden Altschuler echte Chancen gegen den langjährigen Abgeordneten der Demokraten, Tim Bishop, eingeräumt. Bereits 2010 hatte Altschuler mit lediglich 0,4 Prozent gegen Bishop verloren. Außerdem wurde dieser Wahlbezirk bis 2003 von einem Republikaner vertreten.

Trend Bisher saß mit Eric Cantor nur ein jüdischer Abgeordneter für die Republikaner im Kongress. Sollten Boteach und Altschuler siegen, wäre das ein historisches Ergebnis und könnte unter jüdischen Wählern eventuell einen Trend zu den Republikanern unterstützen.

Doch in der kommenden Präsidentschaftswahl im November wird noch alles beim Alten bleiben. Seit 1928 haben durchschnittlich 75 Prozent der amerikanischen Juden für die demokratische Partei und ihre Kandidaten gestimmt. Ein plötzlicher Wechsel zu den Republikanern scheint daher ausgeschlossen.

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