Schweden

Frischer Wind im Norden

Meine Frau Sascha hatte gestern ihre erste Schwedischstunde», schwärmt David Lazar. Selbst sei er noch nicht dazu gekommen, seit er den Vertrag als neuer Rabbiner der Großen Synagoge Stockholm unterschrieben hat, bedauert er. Zu seiner bisherigen Gemeinde Tiferet Schalom in Tel Aviv, die Lazar seit 2003 betreut, zählten zwar sogar einige Schweden, die er lachend «seine Fenster in den Norden» nennt. Dennoch betritt der 53-jährige Masorti-Rabbiner kulturelles und sprachliches Neuland, wenn er und seine Frau Anfang September nach Schweden umziehen.

charisma Pünktlich zu den Hohen Feiertagen tritt Lazar dort seinen neuen Job an, eine Stelle, die seit drei Jahren vakant war. Entsprechend hoch sind die Erwartungen der rund 3.500 Gemeindemitglieder. Für Helen Rubinstein haben sich Ausdauer und Verhandlungsgeschick gelohnt. Mit Lazar, so hofft die Chefin des Rabbiner-Rekrutierungskomitees, kommt frischer Wind nach Stockholm. Eine «erstklassige Wahl», sei er. «Charismatisch und offen, spannend und kontrovers, spirituell und liberal. Und eine Koryphäe in der Rabbinerwelt», begründet Rubinstein die einstimmige Entscheidung der Stockholmer Einheitsgemeinde. Auch Lazars Engagement für interreligiösen Dialog und gleichgeschlechtliche Ehen passt durchaus gut ins liberale Schweden.

Seit er den Vertrag in der Tasche hat, telefoniert der neue Rabbiner regelmäßig mit seinen künftigen Stockholmer Kollegen, knüpft erste Kontakte aus der Ferne, lässt sich von den Kantoren über das aktuelle Gemeindeleben auf dem Laufenden halten und freut sich über hilfreiche Tipps seines Vorgängers, dem emeritierten Oberrabbiner Morton Narrowe. Lazar weiß, welche Herausforderungen auf ihn warten. «Der Großen Synagoge scheint eine ganze Generation zu fehlen», konstatierte er schon nach seinem ersten Besuch zum Stockholmer Limmud im vergangenen Jahr. «Warum kommen so viele engagierte junge Juden zum Limmud, aber nicht in die Synagoge?»

Fragen, denen Lazar ab September auf den Grund gehen will. Vor allem Probleme, mit denen Stockholm seit Jahren zu kämpfen hat – fehlender Nachwuchs, überalterte Gemeinde, schwindende Mitgliederzahlen, Konflikte zwischen Tradition und moderner, säkularisierter Gesellschaft – hofft der neue Rabbiner dann zu lösen.

Dialog Dabei setzt der gebürtige Kalifornier, der seit 35 Jahren in Israel lebt, vor allem auf Dialog und Austausch. Brücken will er bauen, vor allem zwischen den Generationen. Der Masorti-Kenner weiß dabei nur zu gut um die Schwierigkeiten, mit denen eine europäische Gemeinde zu kämpfen hat. Die Entscheidung vor rund einem Jahr, sich Masorti Europa anzuschließen, bezeichnet Helen Rubinstein deshalb als «genialen Schachzug». Der erhoffte Mitgliederboom blieb zwar bislang aus, und auch Angebote für Familien und Kinder laufen nur schleppend an. Aber viele Stockholmer Juden erwarten gerade von ihrem neuen Rabbiner mehr als nur spirituelle Erneuerung. Auf der Wunschliste der Gemeinde stehen vor allem neue Impulse für die Jugendarbeit und stärkere Vernetzung mit der Masorti-Welt.

Dass es während seines Antrittsbesuchs im März auch Kritik am damaligen Kandidaten gab, ist für Rubinstein nicht mehr als ein Missverständnis. Einige orthodoxe Gemeindemitglieder hätten ihn damals «bewusst falsch zitiert, indem sie ihm vorwarfen, er sei gegen Beschneidung und Kaschrut», erzählt sie. Zum Thema Brit Mila befragt, hatte Lazar diplomatisch auf die heftigen Diskussionen zu diesem Thema in der jüdischen Welt verwiesen. Auf das Thema Kaschrut angesprochen, warf er ein, dass er selbst Vegetarier sei.

Offenheit Eine sensible Frage, denn seit Jahren kämpft der Zentralrat der Juden in Schweden für die Aufhebung des Schächtverbots im Land. Die Wogen konnte Lazar bei einem nochmaligen Besuch jedoch nachhaltig glätten. Seitdem besteht auch mit dem orthodoxen Flügel und dessen Rabbiner in Stockholm Einvernehmen.

«Die Offenheit, mit der Rabbi Lazar auf Leute zugeht, hat uns für ihn eingenommen», fasst Rubinstein die Reaktionen aus der Gemeinde zusammen. «Als mir klar wurde, wie gut er zu uns passt, habe ich mir gesagt: Jetzt oder nie. Der oder keiner.»

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