Skandinavien

»Fremde Rassen deportieren«

Kundgebung im schwedischen Kungälv (2019) Foto: imago images / TT

Jahrelang konnte die panskandinavische Neonazibewegung »Nordisk Motståndsrörelse« (NMR) weitgehend ungestört Hass und Hetze verbreiten und sich international vernetzen. In den vergangenen Monaten ergingen jedoch mehrere Gerichtsurteile, die dafür sprechen, dass die ruhigen Zeiten für die selbst ernannten Widerstandskämpfer vorbei sein könnten.

In Finnland wurde die Gruppierung im September verboten, in Schweden verurteilte man im Dezember acht Mitglieder wegen unterschiedlicher Gewalttaten. Demnächst wird sich die schwedische Staatsanwaltschaft damit beschäftigen, ob die Publikationen der NMR Hass gegen Minderheiten schüren.

Judenhass An der antisemitischen Grundhaltung der NMR kann es kaum Zweifel geben. Ende September, an Jom Kippur, hielten NMR-Mitglieder zeitgleich in Schweden, Dänemark, Island und Norwegen vor Synagogen antisemitische Kundgebungen ab und verteilten Hetzschriften. »Aufklärungsarbeiten über jüdische Gebräuche« nannten sie diese Hassveranstaltungen hämisch auf ihrer Website »Nordfront«.

Eine Überraschung dürften die Demonstrationen für die Sicherheitsbehörden nicht gewesen sein: Bei der 1997 von Mitgliedern des Vitt Arisk Motstånd (Weißer Arischer Widerstand) in Schweden gegründeten Svenska Motståndsrörelse gehörte Antisemitismus von Anfang an zum Programm. 2016 wurde aus der schwedischen die nordische Widerstandsbewegung. Erklärtes Ziel ist die Schaffung »einer nationalsozialistischen nordischen Republik«.

In Schweden ist die NMR offiziell als Partei anerkannt. In ihrem Programm be­schwört sie die Vision eines vereinten Nordens: »Alle fremden Rassen, die sich innerhalb der Grenzen des Nordens befinden«, sollten zwangsdeportiert werden, heißt es darin. Der Nationalsozialismus während der kurzen Periode, in der er in Deutschland an der Macht war, sei »die einzige Kraft, die ernsthaft die derzeit die Welt beherrschenden destruktiven Kräfte bedrohen kann«.

Vernetzung Auch international ist die Motståndsrör­else gut vernetzt, wie die schwedische Zeitschrift »Expo« wiederholt dokumentierte. Im Frühjahr 2017 hatte es mehrere Brandanschläge auf Flüchtlingsheime gegeben. Zwei der mittlerweile verurteilten NMR-Mitglieder hatten zuvor an einer Kampfausbildung bei der Russkoje Imperskoje Dwischenije, der Russischen Imperialen Bewegung RID, in St. Petersburg teilgenommen.

Die seit Sommer 2020 von den USA als ausländische Terrororganisation eingeordnete RID verfügt über einen »Legion« genannten paramilitärischen Arm, der unter anderem Freiwillige für den Kampf in der Ukraine ausbildete. Bei einer aus Vorträgen und Wehrsportübungen bestehenden Veranstaltung des schwedischen Flügels der NMR sagte ein RID-Vertreter 2015 in einer Rede, man kämpfe gegen »jüdische Oligarchen in der Ukraine«.

Doch nicht nur Russen gehören zu den Verbündeten der NMR. Seit 2017 besuchen schwedische Vertreter regelmäßig Veranstaltungen der Neonazi-Partei »Der III. Weg«. Zuletzt hielt Frederik Vejdeland, Redakteur des Magazins »Nationellt Motstånd«, am 3. Oktober bei einer Demonstration in Berlin eine Rede.

Gewalt Die aktivsten Mitglieder der NMR sind außerordentlich gewaltbereit. Von den 2015 durch »Expo« identifizierten 159 NMRlern waren 56 Prozent vorbestraft. 2017 stellte der Fernsehsender SR fest, dass jeder Vierte wegen Gewaltdelikten verurteilt worden war.

Die NMR sei die größte Bedrohung für Juden im Norden, konstatierte Aron Verständig, Vorsitzender des schwedischen Judiska Centralrådet, nach den Kundgebungen an Jom Kippur. Die jüdische Community habe keine Hilfe von der Polizei erhalten, sagte er weiter. »Als die Demo vor der Synagoge in Norrköping der Polizei gemeldet wurde, wurde nichts unternommen, weil sie als Religionskritik und nicht als gesetzlich verbotene Hetze gegen eine ethnische Gruppe gelte.«

Dabei hatte die schwedische Sicherheitspolizei Säpo die Bewegung bereits 2009 als »größte Gefahr für die Sicherheit des Landes« bezeichnet. Schwedens Vertreterin im Jüdischen Weltkongress, Petra Kahn Nord, forderte nach Jom Kippur, dass Schweden dem Beispiel Finnlands folgen und die Mot­ståndsrörelse verbieten solle.

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