Frankreich

Freiheit auf engstem Raum

»Bobo.« Tränen kullern aus den großen blauen Augen. Der kleine Elisha wiederholt das Wort und lässt sich von seiner Maman das verletzte Ärmchen streicheln. »Bobo.« »Aua« sagen wir in Deutschland oder auch »Wehwehchen«. Das eine Kind weint und lässt sich tragen, das andere rappelt sich auf, macht die nächsten Schritte und läuft mit Feuereifer durch das Leben.

Elisha Nochomovitz ist von der zweiten Sorte, schon früh ein Stehaufmännchen, aus dem schließlich der »Marathon Man« werden sollte, der auf seinem Balkon in Toulouse in Corona-Zeiten die Welt begeistert. Während so manch einer mit sich hadert und Apathie und Langeweile seine liebsten Gefährtinnen nennt, läuft Elisha seit dem Beginn der Ausgangsbeschränkungen in Frankreich bereits zum fünften Mal Marathon auf seinem sieben Meter langen Balkon. 42,195 Kilometer in weniger als fünf Stunden.

Sechstausendmal hin und zurück auf diesem schmalen Balkon und das zum fünften Mal seit dem 17. März. Einschließlich zweier U.T.M.B., Extremläufe über 50 beziehungsweise 57 Kilometer in sieben Stunden. Das muss man durchhalten, das muss man ertragen, das muss man bewältigen.

ausgangssperre Als der französische Präsident Emmanuel Macron die Ausgangssperre verkündete, saß Elisha mit seiner Freundin beim Abendessen und sagte: »So, ich werd’ jetzt einfach auf dem Balkon rennen.« Die Liebste dann sogleich: »Du machst, was du willst, aber zuerst räumst du ab, Chéri.« Damit war der Rahmen gesteckt, das Geschirr in der Spüle und Elisha in Sportklamotten auf dem Balkon, während die Liebste ihn anfeuerte und für Verpflegung sorgte.

Aus einer spontanen Idee in einem Toulouser Wohnzimmer entwickelte sich ein Phänomen, das in Windeseile die sozialen Medien erfasste. Elisha, der bereits eine passable Followerschaft aufzuweisen hatte, bekam Zuspruch aus aller Welt. Aus Kanada, aus Russland, aus Aserbaidschan, von überall her flatterten Nachrichten von Marathonläufern und passionierten Leichtathleten ins Haus.

Hier auf diesem Balkon stand einer von ihnen und zeigte der Welt, dass alles möglich war. Eine Unterstützung will Elisha auch dem medizinischen Personal sein. »Wie das?«, fragt man sich naiv. Nun, »Stay at home« laute schließlich die Devise. Dass das möglich sei, ohne sich der Freiheit verlustig zu fühlen, demonstriere er täglich.

anfechtungen Freiheit sei in erster Linie eine Frage der Einstellung und eine Haltung, an der Elisha freilich von Kindesbeinen an hart arbeitete. Früh wusste er, was es bedeutet, den Anfechtungen des Jezer Hara zu widerstehen. Die Faulheit nämlich trägt viele Masken. Nicht selten verkleidet sie sich als Demut oder Obrigkeitshörigkeit. Was soll man tun? Was kann ich machen? Ich darf nicht, ich kann nicht, bin zu schwach und klein, und außerdem hat’s uns der Chef doch verboten.

Ausreden dieser Art lässt Elisha nicht gelten, denn Disziplin und Pflichtgefühl hat er in den ersten 15 Jahren seines Lebens mit Muttermilch und Tora aufgesogen.

In Toulouse arbeitete er eng mit dem Rabbiner zusammen, bereitete Kinder auf die Barmizwa vor. Er war ein wissbegieriger, gläubiger Junge, der Religion beim Wort nahm und aufrichtig das Gelernte in die Tat umsetzte.

Er entdeckte das Laufen vor sechs Jahren, als er seinen Job verloren hatte.

Der Tag aber sollte kommen, an dem er die eigene Geradlinigkeit aufs Schmerzhafteste unter Beweis stellen musste. Szenen habe er erlebt, die ihm das Blut gefrieren ließen. Als junger Bursche habe er einen gewalttätigen Vater zur Räson bringen, die Mutter und die sechs Geschwister schützen müssen vor Brutalität und Missbrauch.

rückzug Unerträglich sei es für ihn gewesen, dass der Vater nach außen hin den liebenden Familienmenschen gab, dreimal am Tag in der Synagoge betete, sich zu Hause aber als Monstrum gebärdete. Angewidert habe ihn die Heuchelei, die Verlogenheit der anderen. Der Rückzug aus dem religiösen Umfeld war die Konsequenz.

Elisha brauchte eine Weile, bis er sich stabilisierte und seine eigene Rolle in Familie und Umgebung fand. Nach der Trennung der Eltern nahm er den Nachnamen der Mutter an, auch sei ihm die Aufgabe des Familienpatriarchen zugekommen. Die Mutter stand nun mit baren Händen da, ohne Beruf mit einer Kinderschar.

Dabei hatte alles so schön begonnen, damals, Anfang der 80er-Jahre in Israel. Der Vater, wie der berühmte sefardische Sänger Enrico Macias aus Constantine in Algerien stammend, begegnete einer schönen Südafrikanerin in einem Kibbuz. Sie sollte seine Frau und die Mutter seiner sieben Kinder werden.

Nach dem brachialen Ende der Beziehung wurde Elisha schnell zur einzigen Stütze der Mutter. Er verdiente sich seinen Lebensunterhalt im Nachtleben mit verschiedenen Jobs, bis er eines Tages beschloss, mit dem Rauchen aufzuhören, und gefeuert wurde. So proper und clean konnte er beim Nachtvolk keinen Staat machen.

Pflicht Nichts aber geschieht ohne Grund, davon ist Elisha überzeugt, und: »Glück im Unglück« lautet die Devise! Dieses Glück aber müsse man sich selbst erschaffen, mit Gottvertrauen allein sei es nicht getan. Freiheit, immer wieder Freiheit und auch Pflicht, nicht müßig wird Elisha, dieses Tandem zu betonen.

So rennt er nun auf dem Balkon, die Beine muskulös, der Rücken gerade, die Augen leuchtend. Sein Leben sieht er vor sich, nicht die Dächer dieser sonnenverwöhnten Hauptstadt Okzitaniens, nicht das Ockergelb der Backsteingebäude oder das leuchtende Grün der Platanen. Die Gedanken jagen ihm durch den Kopf.

Schnelligkeit, das Markenzeichen dieser Stadt der Concorde, des Airbus und der reißenden Garonne, ist auch Elishas Motto. Er ist Mitglied im »Run Happy Team« und wird gesponsert von der Marke Brooks. Die Schuhe hält er stolz in die Skype-Kamera: Modell »Brooks Adrenalin GTS 20«. Keine Konkurrenten? Stehen sie nicht schon Schlange? Adidas, Puma, Nike? Elisha lacht verschmitzt und auch ein bisschen verschwörerisch. Kann ja noch kommen!

Entdeckt hat er seine Leidenschaft fürs Laufen vor sechs Jahren, als er seinen Job verlor, da habe er sich selbst beweisen wollen, dass es möglich sei, wieder auf die Beine zu kommen. Ein übles Jahr habe er durchlebt, keine Perspektiven, Gewichtsprobleme, finanzielle Sorgen. Dann sei er gelaufen, und es sei etwas passiert mit ihm. Er habe kapiert, dass dieselbe Motivation, die er im Sport aufbrachte, auch auf das Leben übertragbar sei. Du verspürst Schmerz? Du wirst ihn überwinden! Kein Ende scheint absehbar? Du wirst die Zielgerade erreichen!

Er ist davon überzeugt, dass man alles schaffen kann − wenn man nur will.

Aber wann? Wann denn nur? Ab Kilometer 30, davon ist Elisha überzeugt. Nach 30 Kilometern verselbstständigt sich der Lauf. Irgendetwas anderes, etwas Undefinierbares ergreife Besitz von seinem Körper. Das klingt spooky, nach einer alienhaften Kreatur, die sich den armen Läufer einverleibt. Elisha meint damit jedoch eine Loslösung, eine Befreiung des Geistes und des Körpers, etwas frei Schwebendes.

Euphorisiert sei er dann, wenn die Endorphine ausgeschüttet werden, jedoch manchmal auch von Trauer überwältigt. Alles, was er fein sortiert habe in seinem Kopf, wirble dann durcheinander. Die Schublade des Hasses, voll der Gewalterinnerungen aus der Kindheit, öffne sich plötzlich und heraus drängten Gedanken und Erlebnisse, die nach Verwandlung riefen.

erkenntnismittel Genau das gelinge ihm dann, er schaffe es mit jedem Kilometer besser, all die Negativität in etwas Positives umzuformen. Der Marathon sei das beste Training und Erkenntnismittel für das Leben. Alle Phasen, die man während dieser 42 Kilometer durchlaufe, fänden sich auch im wirklichen Leben wieder. Gut investierte sieben Stunden also, wenn daraus ein Erkenntnisgewinn für mehr als 80 Jahre resultiert!

Elisha lacht, er ist coquin, ein Schlingel, mit einem goldenen Herzen obendrein. So wie er täglich Haltung zeigt, begegnet er auch Freunden und Kollegen und natürlich der Maman, der er auf Instagram Dutzende von Herzchen zum Geburtstag schickt. Die Maman sei eben sein Ein und Alles. Un bon fils, ein guter Sohn ist er, aber auch ein perfektes Team mit seiner Lebensgefährtin. Schließlich laufe er zu Hause nicht nur, sondern koche auch sehr gern.

Außerdem habe er auch noch zu schreiben begonnen, ja, eine Art Corona-Tagebuch. Ganz und gar ungewöhnlich sei das für ihn, aber auch auf diesem Feld habe er plötzlich eine Leidenschaft entwickelt. Fast ein wenig schüchtern berichtet er von diesen Schreibversuchen, um dann sogleich ganz zuversichtlich die nächste Etappe seines Abenteuers zu verkünden.

Begeisterung Ein Buch will er schreiben, denn er spüre, er wisse, dass die Menschen ein starkes Bedürfnis nach Motivation und Begeisterung haben. Er aber habe das mannigfach unter Beweis gestellt und will seine Erfahrung teilen mit all jenen, denen es an Zutrauen und Selbstbewusstsein mangelt. Man glaubt es ihm sofort, dass er der richtige Botschafter ist für Durchhaltevermögen und Ausdauer. Nicht im Geringsten überlegen wirkt er dabei, keine Spur von Hybris weist dieser junge Mann auf, wohl aber eine unbändige Lust, Spaß zu bereiten und einen ungebrochenen Elan zu verbreiten.

Wie oft er denn noch laufen wolle? Beabsichtige er, nun gänzlich zu den professionellen Athleten überzulaufen?

Nein, so anmaßend sei er nicht. Dazu fehlten ihm dann doch gewisse Voraussetzungen. Er laufe aus Vergnügen und um anderen zu zeigen, dass man alles schaffen kann, wenn man nur will. Elisha strahlt und geht hinaus auf seinen Balkon, sein sieben Meter langes Reich der Freiheit, und beginnt zu laufen. Die Muskeln spannen sich unter dem Trainingsoutfit, der Blick ist konzentriert. Schon ist er ganz in seiner Welt.

Ein nächster Schritt, ein neues Ziel? Ein Wunsch, ein dringlicher. Einer seiner Brüder lebt in Israel mit seiner Frau und dem neugeborenen Sohn. Wenn das Geld beisammen ist, will er die Verwandtschaft besuchen. Und natürlich den nächsten Tel-Aviv-Marathon laufen! Im nächsten Frühjahr, wenn der kleine Neffe laufen lernt. Elisha steht dann schon bereit und hält ihn fest, wenn die Tränen nach dem ersten Bobo über die Wangen kullern.

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