Bahrain

Frau Nonoos Schweigen

Die Vertreterin des Königreichs Bahrain bei den Vereinten Nationen in New York antwortet nicht. Houda Ezra Nonoo meldet sich nicht auf E-Mails, ruft nicht zurück, lässt sich auf kein Gespräch mit der Presse ein. Haben wir uns das nur eingebildet, oder ist man im Sekretariat noch ein bisschen mehr zurückgezuckt, als es hieß, eine jüdische Zeitung wolle mit Ihrer Exzellenz, der Frau Botschafterin sprechen?

Unterdessen gehen in Bahrain immer mehr Menschen auf die Straße. Sie protestieren gegen König Hamad bin Isa Al-Khalifa. Vor zwei Wochen hat er auf die Demonstranten schießen lassen, acht Menschen blieben in ihrem Blut liegen, mehr als 100 sollen verwundet worden sein. Es ist alles nicht ganz so dramatisch wie in Libyen, aber doch aufregend und chaotisch genug: Nach dem Sturz von Muammar el-Ghaddafi wird wohl auch Bahrains Regierung fallen. Die Mehrheit der Untertanen von König Hamad sind schiitische Muslime, die von einer sunnitischen Minderheit unterdrückt werden. Die Botschafterin Bahrains für die Vereinten Nationen aber ist weder Sunnitin noch Schiitin. Sie ist überhaupt keine Muslimin, sondern Jüdin.

Houda Ezra Nonoo ist eine attraktive vollschlanke Dame von 47 Jahren mit dunklem Haar und dunklen Augen, die bei öffentlichen Auftritten stets vergnügt wirkt. Sie hat ihren Posten 2008 angetreten – zum großen Erstaunen vieler Beobachter. Eine Frau als Vertreterin eines arabischen Landes, und dann noch eine Jüdin! Sie selbst fand das damals halb so wild. »Letzten Endes bin ich eine Araberin«, sagte sie, »ich beschreibe mich selbst als arabische Jüdin. In England fragte mich mal jemand, ob ich mich zuerst als Jüdin oder als Bahrainerin fühle. Ich sagte, ich sei in erster Linie Bahrainerin. Er war ziemlich beleidigt, aber so fühle ich mich nun mal.«

Der Rest vom rest Die jüdische Gemeinde in Bahrain ist winzig – nach jüngsten Informationen zählt sie genau 36 Mitglieder. Sie ist, so könnte man sagen, der Rest von einem Rest von einem Rest. Zu den am wenigsten bekannten Geschichten gehört jene der Vertreibung der arabischen Juden aus ihren Heimatländern, in denen sie oft jahrtausendelang gelebt hatten, aus dem Irak, aus Marokko, aus Syrien, aus Libyen und Ägypten und dem Jemen.

Mehr als 800.000 Menschen, vielleicht sogar eine Million, verloren nach 1948 alles, was sie besessen hatten. Auch in Bahrain gab es antijüdische Ausschreitungen, und die meisten der 600 Juden – von denen viele ursprünglich aus dem Irak stammten – emigrierten: nach Großbritannien, Amerika und ins neu gegründete Israel. Aber ein paar Juden blieben eben doch da, und sie waren im Königreich Bahrain immer wohlgelitten.

Houda Ezra Nonoo hat eine sehr internationale Erziehung genossen: Als kleines Mädchen besuchte sie eine Schule, die von italienischen Nonnen geleitet wurde. »Unter den Schülern gab es Muslime, Hindus und Christen, also habe ich mich nie anders gefühlt als die anderen«, sagte sie einmal im Gespräch mit Journalisten. »Ich habe mich nie diskriminiert gefühlt.«

Menschenrechte Mit 15 ging sie nach Großbritannien aufs Carmel College, ein jüdisches Internat. Danach studierte sie Wirtschaftswissenschaften und dachte schon daran, in England zu bleiben. Aber als ihr Vater 1993 bei einem Autounfall ums Leben kam, ging sie zurück nach Bahrain. Da sie einer politisch aktiven Familie angehört – ihr Großvater war Mitglied der Stadtverwaltung, und ihr Cousin Ebrahim Daoud saß eine Zeitlang im Unterhaus der Schura, des vom König bestellten Parlaments – war es wohl logisch, dass sie ebenfalls eine politische Karriere anstreben würde. Auch sie saß also eine Zeitlang in der Schura, außerdem half sie mit, die Menschenrechtsorganisation Bahrain Human Rights Watch Society zu gründen. Dies verschaffte ihr so viel Aufmerksamkeit, dass sie in ihre neue Position katapultiert wurde. Dass Bahrain offiziell keine Beziehungen zu Israel unterhält, fand sie in öffentlichen Statements nicht so wichtig.

Man kann gut verstehen, dass Houda Ezra Nonoo jetzt schweigt. Denn es steht zu befürchten, dass die Juden in Bahrain den Preis auch für diesen Umbruch bezahlen werden. Vielleicht wird sie am Ende in New York bleiben – nicht als Botschafterin, sondern im Exil.

»Imanuels Interpreten« (24)

Stan Getz: Der Saxofon-Poet

Wenn Getz live spielte, wollten alle da sein und zuhören. Der Vollblutmusiker kämpfte jedoch über Jahrzehnte hinweg mit Dämonen, die ihn zerstörten

von Imanuel Marcus  07.09.2026

Nachruf

Gloria Steinem: Ein Leben im Dienst der Gleichberechtigung

Die Journalistin und feministische Aktivistin starb im Alter von 92 Jahren. Mit ihrem Magazin »Ms.« veränderte sie den Blick auf Frauen nachhaltig

 04.09.2026

Schweiz

»Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen!«

Der neunjährige Nathan Hertig ist eines von 25 jüdischen Kindern des FC Hakoah Zürich, die die Profis des FC Zürich ins Stadion begleiten durften. Im Interview erzählt er von diesem Erlebnis

von Nicole Dreyfus  03.09.2026

Terezín 2050

Theresienstadt: Zwischen Gedenken und Weiterleben

Einst Habsburger Festung, dann NS-Ghetto, heute tschechische Kleinstadt: Terezín (Theresienstadt) ist Erinnerungsort und lebendige Stadt zugleich. Internationale Forscher suchen nach Perspektiven für den Spagat zwischen Vergangenheit und Zukunft

 03.09.2026

Ungarn

Jüdisches Leben nach Orbán

Die neue Regierung verspricht eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Judenhass – und Partnerschaft auf Augenhöhe

von György Polgár  03.09.2026

USA

Warum Punk so jüdisch ist

In New York fing es an. In London wurde es Modetrend. Aber was hat eigentlich Lenny Bruce damit zu tun?

von Sarah Thalia Pines  31.08.2026

Interview

»Die Lage der schwedischen Juden ist schrecklich«

Schwedens Bildungs- und Integrationsministerin Simona Mohamsson über den Davidstern und die Vermischung von Israel-Kritik und Antisemitismus

von Michael Thaidigsmann  31.08.2026

Birmingham

Ermittlungen gegen früheren Polizeichef wegen Ausschluss israelischer Fußballfans

Der Ausschluss von Anhängern des israelischen Fußballclubs Maccabi Tel Aviv bei dessen Auswärtsspiel im November vergangenen Jahres in Großbritannien hat ein Nachspiel

 28.08.2026

Social Media

Prozess: Mark Zuckerbergs Meta will knapp 17 Milliarden Dollar zahlen

Das historische Verfahren zwischen Tech-Gigant Meta und fast allen US-Bundesstaaten gilt rechtlich nur für die USA. Doch es könnte auch globale Auswirkungen haben

 28.08.2026