Schweiz

Feuer in der Via Maderno

Steht heute oft leer: Synagoge in Lugano Foto: Peter Bollag

Werner und Maja Hönigsberg sind keine gebürtigen Tessiner, aber sie haben den überwiegenden Teil ihres Lebens in Lugano verbracht, der größten Stadt des Schweizer Südkantons. Sie waren aktive Mitglieder der dortigen jüdischen Gemeinde. Inzwischen leben sie in Zürich, »näher bei den Kindern und Enkeln«, wie sie sagen.

So wie die Hönigsbergs haben in den vergangenen Jahren viele die Gemeinde verlassen. Sie hat heute nur noch 30 bis 40 aktive Mitglieder. In ihren besten Zeiten in den 60er- und 70er-Jahren waren es mehrere Hundert, darunter viele Orthodoxe. Doch als immer mehr Juden das Tessin verließen und in größere Städte zogen, wurde es schwierig, die Strukturen einer funktionierenden Gemeinde aufrechtzuerhalten.

Molotowcocktail Und dann passierte auch noch das: Vor genau zehn Jahren, in der Nacht zum 15. März 2005, schleudert ein Unbekannter einen Molotowcocktail durch die Scheiben der Synagoge. In den Innenräumen breiten sich die Flammen aus. Die Gemeindebibliothek verbrennt, es entsteht ein Sachschaden von mehreren Zehntausend Franken.

Noch während die Löscharbeiten im Gang sind, bricht in einem benachbarten Textilgeschäft ebenfalls Feuer aus. Doch bei beiden Bränden kommen keine Menschen zu Schaden. Weil das Bekleidungsgeschäft einer jüdischen Familie gehört, entstehen sofort Gerüchte und Ängste: Ist hier eine Neonazi-Gruppe am Werk? Ausgerechnet im idyllischen Tessin, wo Juden seit Jahrzehnten in Ruhe und Frieden leben? »Wir dachten: ›Das kann kein Tessiner gemacht haben‹«, erzählt Werner Hönigsberg. »Offenen Antisemitismus hatten wir in Lugano kaum erlebt«, sagt seine Frau.

Eine Woche nach den Anschlägen kommen in der 30.000-Einwohnerstadt mehr als 1000 Menschen zusammen, um ihre Verbundenheit mit der jüdischen Gemeinde zu bekunden. Vertreter aller politischen Parteien sind dabei. Die Hönigsbergs erfahren in diesen Tagen im privaten Bereich eine ungeahnte Solidarität: »Unmittelbar nach der Tat standen unsere nichtjüdischen Nachbarn vor dem Haus und boten Hilfe an.« Firmen hätten anschließend beispielsweise auch die Renovationsarbeiten in der Synagoge durchgeführt, ohne dafür etwas zu verlangen, erinnert sich Werner Hönigsberg.

Kurz danach klären die Behörden das Verbrechen auf. Man ist in gewisser Weise erleichtert: Der Anschlag ist nicht die Tat einer organisierten Gruppierung, sondern eines Einzelnen. Ein 58-jähriger psychisch kranker Arbeitsloser war es, ein entlassener Busfahrer. Sein Motiv bleibt diffus, möglicherweise habe er sich über jüdische Fahrgäste geärgert, schreibt eine Zeitung.

Urteil Ein Gericht verurteilt den Täter zu zwei Jahren Gefängnis, setzt die Strafe aber zugunsten einer ambulanten Therapie aus. Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) kritisiert das Urteil.

Doch bald geht man in Lugano wieder zur Tagesordnung über, der Anschlag gerät schnell in Vergessenheit. Die frisch renovierte Synagoge steht zehn Jahre danach oft leer, der einzige Rabbiner am Ort, Jaakov Kantor, gehört zu Chabad Lubawitsch und veranstaltet Gottesdienste oft aus praktischen Gründen an anderen Orten.

Der Anschlag auf die Synagoge bleibt einer der wenigen gewalttätigen antijüdischen Akte in der Schweiz seit der Schoa, sei die Ursache der Tat nun eine psychische Krankheit oder nicht.

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