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Der Davidstern vereint russischsprachige Juden im Netz – wo auch immer sie leben. Foto: Frank Albinus

Durch soziale Netzwerke wie Facebook, StudiVZ oder das in Russland populäre Odnoklassniki (Klassenkameraden) finden sich Jugendfreunde wieder, die sich über Jahre aus den Augen verloren haben. Die Moskauer Alexej Fischman und Awraam Grozman haben die Chance erkannt, die das World Wide Web für die zwischenmenschliche Kommunikation bietet. Sie wollen ihr Netzwerk Jewrnal.ru zum führenden Internet-Treffpunkt für russischsprachige Juden in der ganzen Welt machen. »Es gab in den vergangenen zehn, 20 Jahren große Auswanderungswellen. Juden haben Russland verlassen und sich in Israel, den USA oder Deutschland niedergelassen. Familien sind heute über mehrere Kontinente verteilt«, erklärt Fischmann, wie die Idee für das neue soziale Netzwerk entstand. Internetportale wie Jewrnal.ru seien sehr hilfreich, um miteinander in Kontakt zu bleiben.

Das Potenzial der Webseite schätzen die beiden Gründer auf rund drei Millionen russischsprachige Juden weltweit. Anderthalb Jahre nach dem Start haben sich auf der Webseite fast 4.200 Nutzer registriert. In den Nutzerprofilen sind Namen, Geburtsdatum, Wohnort und Ausbildungsstätten aufgelistet. Wer einen Verwandten oder ehemaligen Schulkameraden sucht, kann zum Beispiel den Familiennamen oder den Namen der gemeinsam besuchten Schule in ein Suchfeld auf der Webseite eingeben und findet dann mit etwas Glück seine Verwandte oder den alten Freund wieder.

Interessengruppen »Die meisten Nutzer kommen derzeit noch aus Russland, die zweitgrößte Zahl von Nutzern gibt es in der Ukraine, und auf Platz drei folgen die USA«, sagt Grozman. Deutschland liegt auf Platz vier. Das lässt schon die große Zahl von Interessengruppen vermuten, die nach deutschen Städten benannt sind. Berlin, München, Düsseldorf und Köln sind vertreten, daneben aber auch Hanau, Dresden, Hof oder Freiburg.

Amir Jonathan Slawin ist gleich zwei Städtegruppen beigetreten. »Ich lebe in Düsseldorf. In Dortmund studiere ich zurzeit Wirtschaft«, gibt der 27-Jährige auf Russisch Auskunft. Amir kam vor zehn Jahren aus Dnepropetrowsk im Südosten der Ukraine nach Deutschland. Mittlerweile betreibt er ein eigenes Foto- und Videostudio und fühlt sich im Rhein-Ruhr-Gebiet heimisch. »Nach Dnepropetrowsk sehne ich mich nicht, aber nach meinen Verwandten schon«, sagt Amir. Mit seinen Verwandten und alten Freunden in der Ukraine kommuniziert er vorerst jedoch weiter über die bekannteren Netzwerke Odnoklassniki und wKontakte (Im Kontakt). Das auf die jüdische Gemeinde spezialisierte, jüngere Jewrnal.ru empfahlen ihm Bekannte vor etwas mehr als einem Jahr. Amir nutzt es heute, um neue Kontakte innerhalb der weltweiten jüdischen Gemeinde zu knüpfen und zu pflegen. »Auf Jewrnal.ru sind vor allem Juden registriert. Ich kann mich mit Gleichen unterhalten. Das macht die Seite für mich interessant«, sagt Amir.

Ganz gezielt nach russischsprachigen jüdischen Seiten im World Wide Web suchte die 25-jährige Moskauerin Marina. Über Yandex, das russische Äquivalent der Suchmaschine Google, stieß sie auf das Portal Jewrnal.ru. »Besonders gut hat mir gefallen, dass es einen Chat gibt und ich mich in Echtzeit unterhalten kann«, sagt »kisa0 843« (Kätzchen0843), wie sich die junge Anwältin bei Jewrnal.ru nennt. »Neue Bekanntschaften und Austausch mit Juden in aller Welt – all das ist sehr, sehr interessant«, schwärmt sie.

ohne altersgrenzen Jewrnal.ru ist aber nicht nur ein Treffpunkt für die Jungen. 447 Nutzer sind zwischen 50 und 60 Jahre alt, 224 zwischen 60 und 70, und 68 Nutzer sind sogar 70 bis 80 Jahre alt. Die Kommunikation über die Altersgrenzen hinweg, zwischen Alt und Jung, funktioniert hervorragend. So hat sich »Josele« aus dem nordwestlich von Moskau gelegenen Dedowsk mit »kisa0843« angefreundet. Josele, mit bürgerlichem Namen Josif und 70 Jahre alt, findet sich in der virtuellen Internet-Welt offenbar problemlos zurecht. Auf seiner Pinnwand tauscht er mit neuen Freunden Nachrichten über seine aktive Zeit als Arzt aus. Oder er präsentiert stolz Schwarz-Weiß-Bilder aus seiner Kindheit und Jugend im Fotoalbum.

Die Homogenität der Zielgruppe wird von den Nutzern geschätzt. Die klare Ausrichtung, die leichte Auffindbarkeit über Suchmaschinen und die Anonymität, die das Internet seinen Nutzern gewährt, stellen aber auch ein Sicherheitsrisiko dar. Denn registrieren kann sich jeder, und alle Nutzer haben Zugriff auf Namen, Wohnorte und Fotos der anderen. »Wir messen der Sicherheit große Bedeutung bei«, versichert Grozman. Mit den wenigen Standarddaten, die bei der Registrierung abgefragt würden – Stadt, Name und Foto – könne kein Missbrauch betrieben werden. »Mit diesen Daten wird sich in der Millionenmetropole Moskau niemand auf die Suche nach einem Nutzer machen, um ihm etwas anzutun«, ist er überzeugt.

Für Moskau mag das stimmen. Gilt das aber auch für Kleinstädte und Dörfer? Zweifel scheinen angebracht und Zurückhaltung bei der Preisgabe von persönlichen Daten. Denn auf Jewrnal.ru gibt es Nutzer, die offensichtlich auf Konfrontation aus sind: »Otto« hat das Foto eines SS-Soldaten eingestellt. Nutzer »Hitler« gibt unter »Land« die »russische Erde« an und unter »Stadt« NSD, die Abkürzung für »Nationalsozialistische Bewegung« auf Russisch. Es gebe immer wieder Nutzer, die sich unter seltsamen Spitznamen anmelden, kommentiert Grozman. »Aber solange sie nichts Anrüchiges sagen, lassen wir sie gewähren.« Eine tolerante Einstellung, die, so wünschen sich manche, überdacht werden sollte.

anstupsen Online-Projekte müssen ständig verbessert werden. Allein schon deshalb, weil sich die Kommunikationsgewohnheiten der Zielgruppen rasend schnell verändern. Fischman und Grozman wissen das. Nach und nach wollen sie Jewrnal.ru mit neuen Services ausbauen und dem Anspruch als führendes soziales Netzwerk für russischsprachige Juden gerecht werden. Ihr Vorbild ist Facebook. Das weltweit führende soziale Netzwerk hat größere Entwicklungsressourcen als das siebenköpfige Moskauer Team. Das übernimmt gute Services und Instrumente und passt sie an die Zielgruppe an. Schon bald soll das Kommunikationsinstrument »Schalom« eingeführt werden. Es entspricht dem »Anstupsen« bei Facebook: Gefällt einem das Foto eines anderen Jewrnal.ru-Nutzers, es fehlt aber das Thema für den Gesprächseinstieg, so schickt man ein freundschaftliches »Schalom« – womöglich der Beginn einer neuen Freundschaft.

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