USA

»Es ist immer noch surreal«

Blumen und Turnschuhe: Gedenken an die Opfer des Anschlags vom 15. April Foto: Reuters

Bei dem christlich-jüdisch-islamischen Gottesdienst in der »Kathedrale vom Heiligen Kreuz« drei Tage nach dem Bombenanschlag in Boston war es ausgerechnet ein Muslim, der den Talmud zitierte: Nasser Weddady, der Vorsitzende des »Interreligiösen Konzils von Neu-England«.

Er stammt aus Mauretanien und wurde nach dem 11. September 2001 kurz inhaftiert, weil die Behörden ihn fälschlich verdächtigten. Jetzt in Boston sprach er über seine Einbürgerung und davon, wie es sich anfühlt, Amerikaner muslimischen Glaubens zu sein. Und dann zitierte er einen Satz, der oft zum Klischee zu erstarren droht: »Wer ein Leben zerstört, der hat eine Welt zerstört, und wer ein Leben rettet, der hat eine Welt gerettet.« Diese Maxime aus dem Talmud findet sich freilich wörtlich so auch im Koran.

Ronne Friedman, ein Reformrabbiner vom »Temple Israel of Boston«, sprach den 147. Psalm – zuerst auf Hebräisch, dann auf Englisch –, also jenen Psalm, der davon spricht, dass Gott die zerbrochenen Herzen heilt.

Synagogen Die zwei Bomben in Boston richteten sich nicht exklusiv gegen Juden. Doch inzwischen wird der in der vergangenen Woche verstorbene mutmaßliche Attentäter Tamerlan Tsarnaev mit der Ermordung von drei jüdischen Kampfsportlern am 11. September 2011 in Verbindung gebracht. Aus Vorsicht verstärkte man in den Stunden nach dem Anschlag die Polizeiwachen vor Synagogen und anderen jüdischen Einrichtungen.

Und selbstverständlich haben auch Juden ihre Geschichten von jenem Tag zu erzählen, dem rabenschwarzen 15. April 2013. Neil Bernstein zum Beispiel, ein 60-Jähriger, der jedes Jahr an zwei Marathonrennen teilnimmt. Bei dem Marathon in Boston war er zum zwölften Mal dabei.

Bernstein war ungefähr 20 Minuten von der Zielgeraden entfernt, als er merkte, dass etwas nicht stimmte. Er sah Leute, die auf ihre Smartphones starrten; er hörte Sirenen. Als er einen Kreisverkehr umrundete, fingen die Bürgersteige an, sich zu leeren. Und dann hieß es, das Rennen sei abgebrochen worden. Bernstein war durstig, er wollte an die Flaschen heran, die in seinem Rucksack lagerten. Der befand sich an Bord eines Busses, der für die Marathonläufer bereitgestellt worden war, und Neil Bernstein brauchte eine Stunde, bis er ihn wiederhatte, weil die Straßen mittlerweile abgesperrt waren.

»Nein«, sagte er Reportern des »Jewish Journal«, eines jüdischen Online-Magazins, dieser Anschlag werde ihn nicht davon abhalten, nächstes Jahr wieder mitzurennen. Er habe 17 Jahre in Israel gelebt und in einer Kampfeinheit der Armee gedient. Da sehe man solche Tragödien mit anderen Augen.

rendezvous Dann gibt es die Geschichte von der Familie, die, ohne es zu wissen, beinahe ein Rendezvous mit dem Tod gehabt hätte. Donna Kagan und die Ihren – vier Erwachsene, drei Kleinkinder in Kinderwagen – wollten ihren Schwiegersohn Jonathan Dubow sehen. Er lief zugunsten eines wohltätigen Vereins, der sich dem Kampf gegen Krebs verschrieben hat. Die Marathonläufer rannten die Boylston Street hinunter, eine geschäftige Straße im Herzen von Boston – und Donna Kagans Familie fand sich auf der »falschen« Straßenseite wieder, nicht jener, auf der sie eigentlich Plätze reserviert hatte.

30 Minuten später sollte genau da, wo sie standen, der erste der zwei mit Sprengstoff und Schrapnell gefüllten Druckkochtöpfe hochgehen. Just jene halbe Stunde brauchten Donna und ihre Familie, um Sicherheitskontrollen zu passieren und auf die gegenüberliegende Seite der Boylston Street zu gelangen. Acht Minuten und 45 Sekunden nach 16 Uhr passierte dann Jonathan Dubow die Ziellinie, und eine Minute später passierte es: Knall, Feuer, Rauch, Panik, Blut. Die Familie kam mit dem Schrecken davon, doch froh ist ihr nicht zumute, wenn sie an diesen Montag zurückdenkt.

Retraumatisierung Ganz andere Erinnerungen kamen dann am Freitag hoch, als gepanzerte Fahrzeuge durch Boston fuhren und die Polizei nach dem zweiten Attentäter fahndete. Viele Juden leben in den Vorstädten von Boston. Viele von ihnen wurden um sechs Uhr morgens von Anrufen geweckt, sie sollten lieber zu Hause bleiben und sich nicht auf die Straße begeben.

Dem »Forward« sagten Zeugen, die Stimmung habe sie an die zweite Intifada erinnert, als in ganz Israel die Angst vor marodierenden Selbstmordattentätern umging. Rabbinerin Sara Pasche-Orlow, die als Seelsorgerin ein Netzwerk von jüdischen Seniorenheimen betreut, äußerte sich außerdem besorgt, bei Überlebenden des Holocaust könnten alte Traumata wieder wach werden.

Ganz andere Erinnerungen löste der Terroralarm laut »Forward« bei Rabbinerin Claudia Kreiman aus, die einer konservativen Synagoge in Boston vorsteht. Kreiman stammt aus Argentinien; ihre Mutter gehörte zu den 85 Todesopfern des Anschlags auf das jüdische Gemeindezentrum in Buenos Aires 1994. Ausgeführt wurde der Anschlag von der Hisbollah im Auftrag der iranischen Führung. »Diese Woche ist für mich sehr hart gewesen«, sagte Rabbi Kreiman dem »Forward«. »Ich verstehe das immer noch nicht – wie geht das zusammen mit dem Bombenanschlag von 1994? Es ist immer noch zu surreal. Ich schaue aus dem Fenster, und ich habe in dieser Gegend noch nie eine so leere Straße gesehen.«

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