Warschau

»Erinnerung plus«

Das Tagungshotel in der Grzybowskastraße ist umgeben von sozialistischen Plattenbauten und modernen Bürohäusern aus Glas und Beton. Mitten in der Warschauer Innenstadt. Nichts erinnert hier an die besondere Geschichte dieses Ortes. Doch an ebendieser Stelle stand einst ein Gebäude der Jüdischen Gemeinde, im Warschauer Ghetto. Auch der Judenrat soll sich hier getroffen haben.

Insofern genau der richtige Ort für eine Konferenz, die aus Anlass des 70. Jahrestages des Aufstandes im Warschauer Ghetto tage, erklärt Michael Yedovitzky von der Jewish Agency, der für die Veranstaltung verantwortlich ist: »Wir wollen hier über das Ghetto sprechen, etwas über den Ort und die Geschichte erfahren.«

Teilnehmer Rund 300 junge jüdische Erwachsene im Alter zwischen 18 und 35 Jahren, hauptsächlich aus Deutschland, waren von Donnerstag bis Sonntag in der polnischen Hauptstadt, um sich in Seminaren, Workshops, Diskussionen und Besichtigungen mit der Bedeutung des Warschauer Ghettoaufstandes auseinanderzusetzen.

Eine von ihnen ist Roxana Schimilechis. Die 25-Jährige aus Osnabrück hat, nachdem sie kürzlich ihren Master in International Business Studies gemacht hat, etwas freie Zeit und erfuhr von Freunden vom Angebot der Jewish Agency. »Es ist eine gute Möglichkeit, auch andere junge Juden kennenzulernen.« Dafür stünden die Chancen in Deutschland, insbesondere, wenn man aus kleineren Gemeinden komme, sonst nicht so gut. Und das Programm findet sie sehr spannend.

Auch Georgy (25), Student des Wirtschaftsingenieurwesens aus Kaiserslautern, freut sich über die Möglichkeit, Gleichaltrige zu treffen. Es ist bereits die dritte derartige Konferenz der Jewish Agency, die er besucht. Zuvor war er schon in Weimar und Budapest. »Insofern ist es auch ein Wiedersehen mit Freunden«, sagt er. Besonders begeistert ist er diesmal vom thematischen Angebot. »Damit haben sie uns wirklich gut abgeholt«, meint er. Sich der Geschichte des Ghetto-aufstandes auch einmal mit einer philosophischen Betrachtung zu nähern, das interessiert ihn als ehemaligen Gymnasiasten mit Prüfungsfach Philosophie besonders.

Programm Georgy spricht damit einen Programmpunkt am Freitag an. Dabei referiert der deutsche Brigadegeneral Erich Vad, der mehrere Jahre als militärischer Berater in der Politik tätig war, zuletzt auch im Berliner Kanzleramt, über den Aufstand im Warschauer Ghetto und die philosophischen Ideen von Friedrich Nietzsche. Es geht um die Idee des Menschen, der über sich selbst hinauswächst und sein Schicksal annimmt. »Das ist auf jeden Fall etwas, was hier vor 70 Jahren beim Aufstand im Warschauer Ghetto geschehen ist«, sagt Vad.

Zur gleichen Zeit, im Konferenzraum nebenan, spricht Rabbiner Jechiel Brukner über biblische und talmudische Quellen zu Schoa, Schmerz und Tod. Weitere Referenten sind unter anderem Yacov Livne vom israelischen Außenministerium, der über die Narrative der Schoa in Israel spricht, die Erziehungswissenschaftlerin Katia Novominski, die sich mit der Pädagogik von Janusz Korczak auseinandersetzt, oder der Medien- und Politikwissenschaftler Oren Osterer, der unter anderem über den Widerstandskämpfer Mordechai Anielewicz und die Frage ethischer Entscheidungen im Konfliktfall redet.

Identität »Viele der Konferenzteilnehmer waren noch nie in Warschau«, sagt Michael Yedovitzky. »Wir wollten ihnen erzählen, was vor 70 Jahren hier geschah. Zugleich wollten wir ihnen aber auch die Verbindung zur heutigen Zeit aufzeigen.« Das geschieht in Lerngruppen, mit Referenten oder Madrichim der Jewish Agency. Jeder soll hier Erfahrungen machen, die auch für sein heutiges Leben relevant sind, sagt Yedovitzky. »Es geht nicht nur um Erinnerung. Es geht eben auch um die Frage, darüber nachzudenken, was es bedeutet, im Europa von heute Jude zu sein.«

Er sieht die Aufgabe der Jewish Agency in der Stärkung der jüdischen Identität, der Stärkung der Verbindung zum jüdischen Volk und damit auch zum Staat Israel. Die Konferenz sei ein Baustein der Arbeit der Jewish Agency in Deutschland. Es ist bereits die fünfte derartige Veranstaltung. Zuvor fanden die Treffen unter anderem in Weimar statt, wo es um Theodor Herzl und den Zionismus ging, und in Budapest, wo der 50. Jahrestag des Eichmann-Prozesses Thema war.

Erwartungen Daniil Gelfand (29) ist Physiker aus Heidelberg. Er sitzt gerade an seiner Promotion, aber die Teilnahme an der Konferenz war ihm wichtig. Auch er hat bereits an mehreren Aktivitäten der Jewish Agency teilgenommen. Vor sechs Jahren war er mit dem Taglit-Programm in Israel, danach besuchte er eine Konferenz in Maastricht. Nun also Warschau.

Und seine Erwartungen wurden erfüllt, meint Gelfand am Sonntag. Man habe es geschafft, einem historischen Ereignis aktuelle Bezüge zu geben. »Das war keine Tagung zu einem historischen Thema, das war Erinnerung plus.« Was er mit nach Hause nimmt? Viele Eindrücke der jüdischen Geschichte Warschaus, Wissen über die Geschichte des Ghettos. Aber auch Anregungen zum Nachdenken und Handeln, vor allem zur Frage, ob man sich mit dem Judentum zu Hause verkriechen oder offen und selbstbewusst mit der jüdischen Identität leben solle, wie er sagt.

Emotionen Eine ganz besondere Erinnerung an diese vier Tage wird er von seinem Erlebnis am Freitagabend mit nach Hause nehmen. Gottesdienst in der Nozyk-Synagoge, die als einziges jüdisches Gotteshaus von ehemals mehr als 200 Synagogen in der Stadt die Schoa überstanden hat. Heute hat die Gemeinde nur noch 650 Mitglieder, einige wenige finden den Weg zum Gebet.

An diesem Abend ist es anders. »Schon als wir 300 junge Juden gemeinsam, die Männer alle mit Kippa auf dem Kopf, durch die Straßen Warschaus zur Synagoge gegangen sind, das war ein sehr emotionaler Moment.« Er erzählt, wie Rabbiner Brukner beim Gottesdienst ausgerufen hat, dass man an einem wahren Wunder teilnehme, bei dem 70 Jahre nach der Vernichtung und der Auslöschung des Ghettos die Synagoge wiederbelebt werde. »Damit haben wir ein Zeichen gesetzt«, ist sich Daniil Gelfand sicher.

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