Altersarmut

Einsam in Manhattan

Er klopft mit seinen Fingerknöcheln auf den weiß gestrichenen Holztisch. Dreimal, schnell hintereinander. »Dieses Geräusch ist die erste Erinnerung meines Lebens«, sagt José Urbach und klopft noch einmal. Das Hämmern hörte sich wuchtiger an, damals, im Herbst 1944. Urbach war vier Jahre alt und lag auf einer abgewetzten Matratze voller Flöhe.

49 andere Kinder waren in derselben Baracke des Zwangsarbeitslagers im polnischen Deblin eingepfercht. Es war nachts, und der Junge konnte nicht schlafen. »Am nächsten Tag haben wir herausgefunden, was dieses Geräusch war: Sie haben im Nebenraum einen Galgen errichtet. Dort wurde ein junger Mann, der ein Stück Seife gestohlen hatte, dann vor unseren Augen gehängt«, erzählt Urbach.

Akzent Der 75 Jahre alte Urbach sitzt in der Küche seines Apartments in Downtown Manhattan, die Beine übereinander geschlagen. Vor ihm ein Glas Wasser, von dem er während des dreistündigen Gespräches keinen Schluck nehmen wird. Urbach spricht Englisch mit spanischem Akzent, er hat eine hohe Stimme und wirkt konzentriert, man hat das seltsame Gefühl, als wäre er zu konzentriert, um Emotionen zu zeigen.

»Zwei Wochen hing der Mann damals am Galgen. Sein Vater stand jeden Tag regungslos davor und hat zu seinem Sohn hochgeschaut. Es war windig, und die Leiche schwankte hin und her. Wie eine Puppe«, sagt Urbach. Ab diesem Erlebnis setzen seine Erinnerungen an den Alltag in dem Arbeitslager für polnische Juden ein. 70 Jahre ist das her, doch manche Geschichten kann Urbach bis ins kleinste Detail erzählen. Vom Zerfall der Leichen, vom Verstecken vor den SS‐Offizieren zwischen den Betten, von der Typhus‐Epidemie, von den zwei bunten Bonbons zum fünften Geburtstag, von den stillen Tränen seiner Mutter, vom letzten, ängstlichen Blick seines Vaters.

Wo er war und warum, das habe er damals nicht verstanden. Urbach überlebte das Arbeitslager, ohne zu wissen, wie brutal es war. Er überlebte den Holocaust »wie durch ein Wunder«, sagt der Mann, der nach Kriegsende mit seiner Mutter erst nach Kolumbien auswanderte und später nach New York zog, um dort als Künstler und Buchdesigner für einen Verlag zu arbeiten. Heute kämpft Urbach wieder. Nicht um sein Leben, wie in seinen ersten fünf Jahren, auch wenn es damals unbewusst geschah. Er kämpft heute um ein erträgliches Leben. »Es ist nicht einfach. Es ist mühsam. Ich will mir nicht dauernd Gedanken um Geld machen müssen. Doch das muss ich«, sagt er.

Unterstützung Das Schicksal von José Urbach teilen Holocaust‐Überlebende auf der ganzen Welt. Sie leben in Armut, sind von staatlicher und privater Unterstützung abhängig und haben trotz der Hilfe große finanzielle Probleme.

Laut einer Studie der Non‐Profit‐Organisation »Selfhelp« lebt über die Hälfte der rund 60.000 Holocaust‐Überlebenden in der Metropolregion New York unter der offiziellen Armutsgrenze. »Es ist wirklich nicht zu akzeptieren, dass diese Menschen, die in ihrer Jugend so schmerzlich litten, ihre letzten Jahre in Armut und Isolation verbringen«, sagte Stuart Eizenstat, der Berater des US‐Außenministers John Kerry, vor einigen Wochen bei der »Living in Dignity Conference« in Prag.

Leben in Würde: Die Konferenz wurde vom European Shoah Legacy Institute organisiert. Ziel ist es, auf die existenziellen Sorgen der Holocaust‐Überlebenden aufmerksam zu machen. Versagt hier das kollektive Gedächtnis? Oder: Sind wir so sehr mit der Aufarbeitung der Geschichte beschäftigt, dass wir das gegenwärtige Leid ignorieren? Leben in Würde ist vor allem in New York, einer der »jüdischsten« Städte der Welt, ausgerechnet für viele Juden, die überlebt haben, nicht möglich.

Es ist schwül in Urbachs Apartment, wie an so manchen Tagen im drückend heißen New Yorker Sommer. Vierter Stock, die Ziegelwände sind unverputzt, die Wall Street nur ein paar Blocks entfernt. Im Wohnzimmer und in der Küche sind drei kleine Ventilatoren verteilt, die gegen die Hitze, draußen sind es 30 Grad, ankämpfen. Sie wehen nicht mehr als Lüftchen heran. »Wir können uns keine richtige Klimaanlage leisten«, sagt Urbach. Das Provisorium muss auch in diesem Sommer reichen.

Für Urbach weniger dringend, aber bezeichnend ist der Wunsch nach neuer Kleidung. Der schmächtige Mann mit den weißen, dünnen Haaren, die zum Mittelscheitel gekämmt sind, trägt ein schwarzes Longsleeve, eine schwarze Hose und schwarze Lederschuhe. »Es ist die einzige Kleidung, die ich seit zehn Jahren trage«, sagt Urbach. Komplett in Schwarz, wie so viele Künstler. Das ewig gleiche Outfit bekümmert Urbach nicht. Es wäre nur schön, wenn er es sich so ausgesucht hätte. Auch bei Lebensmitteleinkäufen muss das Ehepaar penibel auf die Preise achten. »Und wenn etwas in der Wohnung kaputtgeht, können wir es oft nicht ersetzen.«

Familie Dann betritt Urbachs Sohn Sebastian die Wohnung. Ein kleiner, durchtrainierter Mann, 33 Jahre alt, der an einer Highschool in Manhattan als Sportlehrer arbeitet und gelegentlich bei seinen Eltern wohnt. »Sebastian unterstützt uns. Er ist wirklich sehr spendabel. Ohne ihn wäre es noch schwerer«, sagt Urbach.

Seinen eigenen Vater sah Urbach das letzte Mal am 15. Januar 1945. Rund 300 Männer wurden an diesem Tag aus dem Arbeitslager in Tschenstochau, wo die Familie Urbach leben musste, ins KZ Buchenwald gebracht. »Sie standen dort in einer Reihe, der Größe nach, mit ihren gestreiften Anzügen, mein Vater ganz hinten«, erinnert sich Urbach. Aus der Baracke heraus beobachteten die Frauen und Kinder die Deportation. Hundegebell, Taschenlampengeflacker.

»Unterhalb des Fensters war ein kleiner Schlitz in der Holzwand, durch den ich nach draußen geschaut habe. Mein Vater drehte sich um, schaute kurz in die Richtung, weil er wusste, dass wir dort stehen. Dann hat ihm ein Offizier mit dem Maschinengewehr in den Rücken geschlagen. Dann war er weg«, sagt Urbach. Vier Monate später starb sein Vater, der damals 35 Jahre alt war, als er bei einem weiteren Transport im Zug von einer Bombe der britischen Luftwaffe getroffen wurde. Urbachs Großeltern waren bereits drei Jahre zuvor im Vernichtungslager Sobibor ermordet worden.

José Urbach und seine Mutter, eine Geschäftsfrau, lebten nach Kriegsende zwei Jahre in Lodz und wanderten dann nach Kolumbien aus, wo bereits eine Tante wohnte. In Bogotá wurde aus Juszek José. Er lernte Spanisch, fing an zu zeichnen, studierte erst Architektur, dann Wirtschaftslehre, lernte seine spätere Frau Marina kennen und stellte seine Werke in ersten Ausstellungen aus. 1968 siedelte das Paar nach New York über, wo José ein begehrtes Stipendium für die Art Students League bekommen hatte. 1975 zogen sie in das Apartment, in dem sie bis heute wohnen. Miete damals: rund 300 Dollar.

»Heute sind es 1200 Dollar, und das ist im Vergleich extrem billig, weil unser Vertrag so alt ist. Trotzdem wird es alle zwei Jahre sieben Prozent teurer«, sagt Urbach. Zusammen bekommen seine Frau und er 1600 Dollar im Monat staatliche Rente, die sogenannte Social Security. Privat rentenversichert ist das Paar nicht. Von der Bundesrepublik Deutschland erhält Urbach alle drei Monate eine sogenannte Wiedergutmachungszahlung von 1200 Dollar. Ob das angemessen ist, will Urbach nicht bewerten, er ist bescheiden. 71 Milliarden Euro hat Deutschland nach eigenen Angaben an Entschädigung für NS‐Unrecht insgesamt gezahlt.

Finanzkrise In New York kümmern sich mehrere Organisationen um Holocaust‐Überlebende, die in Armut leben. An der Spitze steht die UJA Federation, die rund 13.000 Personen betreut, vor allem in Brooklyn. Alexandra Roth‐Kahn arbeitet seit 2008 für die UJA, seit mehreren Jahren als Managing Director. »Viele Überlebende können ihre laufenden Kosten nicht decken, weil ihre Renten zu niedrig sind. Die meisten von ihnen leben nahe der Verzweiflung«, sagt Roth‐Kahn. 17 Millionen Dollar habe die UJA seit ihrer Gründung 2004 gesammelt.

Eine hohe Summe – die sich allerdings schnell relativiert, wenn man sie auf die Zahl der Klienten herunterrechnet. Die UJA kann nur das verteilen, was sie an Spenden bekommt. Deshalb schlägt Roth‐Kahn Alarm: »Die Schoa‐Überlebenden gehören zu den ärmsten New Yorker Juden. Es ist unsere moralische Verpflichtung, ihnen zu helfen und sie niemals zu vergessen«, sagt sie. Die Stadt New York förderte bis 2008 ein eigenes Programm zur Unterstützung von Holocaust‐Überlebenden. Dann kam die Finanzkrise.

Bei José Urbach wurde vor zwei Jahren Prostatakrebs diagnostiziert. »Zum Glück hat meine Krankenversicherung die Operation und die Nachsorgeuntersuchungen bezahlt«, sagt Urbach. Als er sich einer größeren Zahnoperation unterziehen musste, sprang die Organisation Selfhelp ein. Den alljährlichen Ganzkörpercheck, durch den der Krebs damals erst entdeckt wurde, muss er weiterhin selbst zahlen. »Dafür geht immer viel Geld drauf«, sagt er. Gesundheitlich gehe es ihm mittlerweile wieder besser. Laut der Selfhelp‐Studie leiden rund 15.000 Holocaust‐Überlebende in New York an einer schwerwiegenden Krankheit.

Aus Urbachs Küche heraus schaut man durch die Häuserschluchten direkt auf die Spitze des neuen One World Trade Center, das im vergangenen Jahr eröffnet wurde. Als die Flugzeuge im September 2001 in die Zwillingstürme einschlugen, spürte Urbach erst das Vibrieren der Fenster, sah dann die Explosion und später, wie die Türme in sich zusammenbrachen.

9/11 Anfang der 90er‐Jahre hatte er einen Job als Buchdesigner und Projektmanager bei einem Verlag nahe der Wall Street begonnen. »Nach 9/11 ist die Firma in Panik geraten und hat viele Stellen abgebaut«, erzählt Urbach. »Sie haben mich gefeuert.« 62 Jahre war er damals – kein dankbares Alter auf dem Arbeitsmarkt. Seine einzige Einnahmequelle sind seither die wenigen Bilder, die er verkauft. »Manchmal passiert monatelang nichts«, sagt Urbach, der nach 9/11 und dem Jobverlust jahrelang Albträume hatte.

Laut Experten fehlen New Yorker Holocaust‐Überlebenden pro Jahr durchschnittlich rund 5000 Dollar. »Wenn es irgendwann keine Holocaust‐Überlebenden mehr gibt, ist das eine andere Sache. Aber aktuell ist der Bedarf so groß, es ist verrückt«, sagt Masha Pearl, die die Non‐Profit‐Organisation »The Blue Card« leitet. Nach Berechnungen von Selfhelp wird es im Jahr 2025 in New York und Umgebung noch rund 23.000 Holocaust‐Überlebende geben. Je älter die Betroffenen, desto größer ihr Bedarf an Versorgung. Und desto größer auch die Sehnsucht nach sozialen Kontakten. Viele leben einsam.

Warum vergleichsweise viele Holocaust‐Überlebende im Alter in Armut leben, ob in New York, Israel oder in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion, hat verschiedene Gründe, erklärt Ulrike Jureit, Historikerin am Hamburger Institut für Sozialforschung. »Viele hatten wahnsinnig große Schwierigkeiten, im fremden Land mit fremder Sprache kulturell und beruflich anzukommen. Sie waren vor Ort auf sich allein gestellt und standen in vielen Fällen vor dem Nichts.«

Oft gehörten sie zu den wenigen in der Familie, oder seien gar die Einzigen gewesen, die den Holocaust überlebt haben. »Sie wurden aus ihrem Leben gerissen und damit aus ihren familiären und beruflichen Netzwerken. Es war also viel schwerer, Fuß zu fassen«, so Jureit. Zur Arbeit an sich hätten viele Holocaust‐Überlebende zudem ein ambivalentes Verhältnis. »Schließlich war ihre Arbeitskraft oft der einzige Grund, warum sie überlebten. Und nun sollten sie in der Leistungsgesellschaft der 50er‐, 60er‐ und 70er‐Jahre wieder neu bestehen.«

Spätfolgen Die meisten aus Urbachs Familie wurden in der Schoa ermordet. Ihren Besitz hatte man geraubt. Seine Mutter und er zogen nach Kolumbien ohne Geld, ohne Grundlage. Historikerin Jureit, die viele Überlebende interviewte, nennt einen weiteren Faktor: »Die psychischen und physischen Spätfolgen hatten auch Auswirkungen auf das Berufsleben. Viele Überlebende haben sich gefragt: Wem kann ich trauen? Was traue ich mir selbst zu?« Die Existenzängste und Selbstzweifel seien oft weitergetragen und vererbt worden.

»Meine Mutter war nie wieder dieselbe. Das habe ich fast jeden Tag gemerkt«, sagt José Urbach. Als er ihr damals von seinem Beruf erzählte, erwiderte sie, dass er doch kein Picasso sei. »Es hat mich traurig gemacht. Ich antwortete ihr, dass ich kein Picasso sein will.«

José Urbachs Künstlerdasein brachte ihm keine Millionen. Aber bereut hat er seine Berufswahl nie. Er schaffte es bis nach New York, seine gewählte Heimat – die er nicht mehr verlassen will, auch wenn es billigere Städte gibt. Er will nicht noch einmal gehen müssen.

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