Frankreich

Eingeständnis der Imame

Die Große Pariser Moschee im Quartier Latin Foto: dpa

Nach den bestialischen Morden an Juden in Frankreich im März und April dieses Jahres ging ein Aufschrei der Empörung durchs Land. Die beiden Opfer, die 66‐jährige Rentnerin Sarah Halimi und die 85‐jährige Schoa‐Überlebende Mireille Knoll, wurden zunächst in ihren Wohnungen brutal misshandelt und dann aus dem Fenster geworfen beziehungsweise erstochen und dann angezündet.

In beiden Fällen waren junge Muslime die Täter, und in beiden Fällen war das Motiv Antisemitismus. Dennoch fiel es der Politik schwer, eine eindeutige Einordnung vorzunehmen.

Das wiederum ließ sich die französische Zivilgesellschaft nicht bieten. Am 21. April erschien in der Zeitung »Le Parisien« das »Manifest gegen einen neuen Antisemitismus«. Unter den 250 Unterzeichnern waren Frankreichs ehemaliger Präsident Nicolas Sarkozy und der frühere Premier Manuel Valls sowie etliche Künstler wie Françoise Hardy, Gérard Dépardieu und Charles Aznavour. Das Besondere an diesem Manifest war jedoch weniger die Vielzahl prominenter Unterzeichner als vielmehr dessen Ausrichtung.

So wird – mit den Unterschriften etwa des Imams der Drancy‐Moschee in Paris und des prominenten Bloggers Waleed al‐Husseini – dezidiert der muslimische Klerus in Frankreich aufgefordert, zu erklären, dass antisemitische Passagen des Korans nicht mehr gültig sind.

Das Manifest nimmt außerdem Bezug auf das Zweite Vatikanische Konzil und verweist darauf, dass sich künftig niemand mehr auf religiöse Vorgaben berufen könne, um damit Rassismus und Antisemitismus zu rechtfertigen.

Manifest Der lautstarke Hinweis des Manifests und dessen klare Aussage, dass der radikalisierte Islam und dessen antisemitische Auswüchse aus Angst vor weiteren Eskalationen kleingeredet werden – in Frankreich leben acht Millionen Muslime und 450.000 Juden –, traf den Nerv einer Gesellschaft, die durch die blutigen Anschläge der vergangenen Jahre, die antisemitischen Gewalttaten und die Auswanderung von 52.000 französischen Juden – das sind rund zehn Prozent der gesamten jüdischen Bevölkerung – ohnehin schon aufgeschreckt ist.

Das Manifest sorgte dafür, dass – zumindest zwischenzeitlich – die dramatischen Probleme, die Frankreich mit der sozialen Entwurzelung von Hunderttausenden jungen Muslimen aus dem Maghreb und Schwarzafrika sowie der daraus resultierenden Radikalisierung dieser verlorenen Generation hat, hinreichend und präzise artikuliert werden.

Die Tatsache, dass muslimische Geistliche feststellen, dass die Rolle einiger Koranpassagen und deren Auslegung beim islamistischen Antisemitismus und Terrorismus eine Rolle spielen, ist eine revolutio­näre Entwicklung. Denn sie nimmt die großen Islamverbände in Frankreich mit ins gesamtgesellschaftliche Boot, das seinen demokratischen Kurs zum Wohle aller halten soll.

Kritik Die wütenden Reaktionen konservativer Islamverbände sowie der türkischen Regierung auf die Erklärung haben eher noch dafür gesorgt, die gesellschaftliche Langzeitwirkung des Manifests zu verstärken.

»Wir erwarten, dass der Kampf gegen den Antisemitismus zu einer nationalen Angelegenheit wird, bevor es zu spät ist – und bevor Frankreich nicht mehr Frankreich ist«, heißt es am Ende des Manifests.

Seit dessen Veröffentlichung ist zwar nicht alles gut geworden in Frankreich, doch die klare Benennung der gesellschaftlichen und religiösen Probleme hat zu einer Art französischem »Wir schaffen das« geführt.

Dass die muslimischen Verbände und deren religiöse Zentren dabei eine führende Rolle spielen, erscheint vielen als der einzig mögliche Ausweg aus der sich immer schneller drehenden Spirale religiös verbrämter Gewaltkriminalität und des Terrors.

In Deutschland ist man von einer solchen Erkenntnis zurzeit noch weit entfernt. Bis heute wird bei jedem Akt von islamistischem Antisemitismus stets vor einer Verallgemeinerung und einem Generalverdacht gewarnt, dem die Muslime ausgesetzt seien. Klartext sowohl vonseiten der muslimischen Verbände als auch vonseiten der Kleriker wie in dem französischen Manifest fehlt in Deutschland bislang völlig.

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