7. Dezember 1970

»Eine ungeheure Genugtuung«

Der Präsident des Internationalen Auschwitz Komitees, Marian Turski Foto: Gesellschaft Jüdisches Historisches Institut

Herr Turski, was haben Sie gefühlt, als Willy Brandt am 7. Dezember 1970 vor dem Denkmal für die Helden des Warschauer Ghettoaufstands kniete?
Für mich war dieses Schuldbekenntnis eine ungeheure Genugtuung. Die Atmosphäre in Polen war noch immer durchdrungen von der antisemitischen Hetze der kommunistischen Partei im März 1968 und vom Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in die Tschechoslowakei. Es war großartig, diese Geste bei uns in Warschau zu erleben – kurz nach dem Ende des Prager Frühlings.

War es nicht so, dass die Zensur nur abgeschnittene Bilder zum Druck freigab?
Ja. Mit dieser Bildmanipulation sollte der Eindruck erweckt werden, dass Brandt vor dem Denkmal stand. Eine einzige Zeitung, die auf Jiddisch erscheinende »Fołksztyme«, durfte das Bild des knienden Kanzlers drucken.

Wozu dieses Bilderverbot?
Brandt kniete kurz nach der antisemitischen Parteihetze vor dem Denkmal. Damit maß er dem Leid der Juden einen sehr hohen Rang zu, anders als es die Kommunisten taten. Diese stellten in ihrer Geschichtspolitik vor allem das polnische Leid heraus. Außerdem wollte die Partei am Bild der westdeutschen Revisionisten festhalten, die trotz der neuen Ostpolitik der SPD und der Anerkennung der deutsch-polnischen Grenze »gefährlich« bleiben sollten.

Lässt sich der Kniefall mit der Versöhnungsmesse 1989 in Kreisau vergleichen, bei der sich Kanzler Helmut Kohl und Premier Tadeusz Mazowiecki umarmten?
Die beiden Versöhnungsgesten haben jeweils eine ganz andere Vorgeschichte. Durch die Jugendrevolten 1968 änderte sich die Mentalität der Menschen. Die jungen Leute fragten nach der Schuld und Verantwortung ihrer Väter und Großväter. In diesem Sinne war Brandt die Emanation einer neuen Sicht auf die Geschichte. Ganz anders die deutsch-polnische Versöhnungsmesse in Kreisau. Sie stand in der Tradition der deutsch-französischen Versöhnung.

Heute gibt es in Warschau ein Willy-Brandt-Denkmal. Wie kam es dazu?
1999 bat mich Außenminister Geremek um Hilfe. Ich war damals Vorsitzender des Vereins, der das Geschichtsmuseum der Polnischen Juden POLIN plante. Die Stadt Warschau hatte uns bereits das Gelände im ehemaligen Ghetto übereignet, an dessen Rand nun ein Denkmal zu Ehren der Geste Willy Brandts errichtet werden sollte. Noch am selben Tag berief ich den Vorstand ein, der dann auch geschlossen zustimmte.

Was bedeutet Willy Brandts Kniefall für Sie heute – 50 Jahre später?
Für mich ist es ein bis heute gültiger Aufruf, sich mit den dunklen Seiten der eigenen Nationalgeschichte auseinanderzusetzen und sie für sich anzuerkennen. Denn es gibt keine Nation, die sich in ihrer Geschichte nur engelsgleich und gut verhalten hätte.

Mit dem Schoa-Überlebenden und Redakteur des polnischen Nachrichtenmagazins »Polityka« sprach Gabriele Lesser.

Judenhass

Tourist mit Kippa in Rom zweimal attackiert

Antisemitische Vorfälle in Italien nehmen seit Jahren zu. Nun wurde ein junger Tourist in der Hauptstadt gleich zweimal angegriffen. Er trug eine Kippa

von Severina Bartonitschek  12.08.2026

Bern

Verantwortung lässt sich nicht neutralisieren

Die Schweiz debattiert anlässlich einer Volksabstimmung über ihre Neutralität

von Nicole Dreyfus  12.08.2026

Österreich

Vermisste Israelinnen in Wien: Familie befürchtet das Schlimmste

Im Fall der vermissten Mutter und Tochter sind neue Details bekannt geworden. Unter anderem über die Ferienwohnung in Wien

 12.08.2026

Schweiz

Den eigenen Weg gehen

Kollektive Begeisterung macht blind und dumm, ganz gleich, ob sie von rechts oder links kommt, findet Berns Botschafter in Israel. Und liefert literarische und filmische Quellen als Inspiration für das Schwimmen gegen den Strom

von Simon Geissbühler  11.08.2026

Frankreich

Schrecken der Milliardäre

Der jüdische Ökonom Gabriel Zucman fordert eine stärkere Besteuerung der Superreichen. Beim Geldadel stoßen seine Ideen jedoch auf heftigen Widerstand

von Christine Longin  11.08.2026

Österreich

Zwei Israelinnen in Wien vermisst

Die israelische Botschaft vor Ort bittet die Öffentlichkeit um Hilfe

 11.08.2026 Aktualisiert

Österreich

Drei orthodoxe Familien mit Hubschrauber gerettet

Ein hochalpiner Ausflug von drei jüdischen Großfamilien in Tirol endete mit einer Helikopterbergung. Auf über 2300 Metern waren sie auf Hilfe angewiesen.

von Nicole Dreyfus  11.08.2026

Flüge

US-Airline nimmt Route Tel-Aviv-New York wieder auf

Pünktlich zu Rosch Haschana gibt es wieder Direktflüge zwischen New York und Tel Aviv von anderen Anbietern als El Al

 09.08.2026

Großbritannien

Verdacht: Britische Hilfsorganisation könnte Hamas unterstützt haben

Die Anti-Terror-Polizei Londons untersucht, ob eine muslimische Hilfsorganisation von der Terrorfinanzierung mit ihren Spenden wusste oder nicht

 09.08.2026