Syrien

Ein Neuanfang für Syriens Juden?

Bachur Chamntub, der Vorsteher der jüdischen Gemeinschaft in Syrien, vor den Überresten der Elijahu-Hanawi-Synagoge in Damaskus Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Zum ersten Mal seit 15 Jahren steht Bachur Chamntub vor der Elijahu-Hanawi-Synagoge in einem Vorort von Damaskus. Er habe gehört, dass das Bethaus in Dschobar beschädigt worden sei, sagt der 74-jährige Vorsitzende der jüdischen Gemeinschaft in Syrien. Aber dass Teile der Synagoge nur noch ein Trümmerhaufen sind, habe er nicht erwartet. »Ich bin, ehrlich gesagt, aufgewühlt«, sagt Chamntub. »Diese Synagoge bedeutet uns sehr viel.«

Syrien war einst Heimat einer der größten jüdischen Gemeinden der Welt. Heute lebten nur noch neun Menschen jüdischen Glaubens in Syrien, fast ausschließlich ältere Männer und Frauen, so Chamntub. Die Gemeinschaft glaube, dass in einigen Jahren keine syrischen Juden mehr im Land leben werden.

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Der Damaszener Vorort Dschobar ist weitgehend zerstört. Während er in der Hand von Oppositionskämpfern war, haben ihn Regierungstruppen jahrelang unter Beschuss genommen. Nach dem Sturz von Präsident Baschar al-Assad Anfang Dezember können die wenigen verbliebenen Juden Syriens hier wieder eine der ältesten Synagogen der Welt aufsuchen, in der einst Menschen aus der ganzen Region gebetet haben.

Während des 13 Jahre anhaltenden Bürgerkriegs wurde die Synagoge größtenteils zerstört. Mauern und Dächer sind eingestürzt, Artefakte sind verschwunden. Ein marmornes Schild in arabischer Sprache am Tor besagt, dass die Synagoge 720 Jahre vor Christus erbaut wurde. Chamntub sagt, jüdische Menschen aus aller Welt hätten ihn angerufen und ihre Bereitschaft erklärt, beim Wiederaufbau zu helfen.

3000 Jahre jüdische Geschichte

Die jüdische Gemeinde in Syrien geht auf den Aufenthalt des Propheten Elija in Damaskus vor fast 3000 Jahren zurück. Nach 1099, als christliche Armeen im Ersten Kreuzzug Jerusalem eroberten und die muslimischen und jüdischen Einwohner der Stadt massakrierten, flohen Berichten zufolge etwa 50.000 Juden nach Damaskus, wo sie damals fast ein Drittel der Einwohner ausmachten.

Später kamen Juden, die vor der spanischen Inquisition flohen, die im 15. Jahrhundert begann, nach Syrien. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählte die jüdische Gemeinde in Syrien rund 100.000 Mitglieder. In den Jahren nach der Gründung des Staates Israel sahen sich die syrischen Juden zunehmenden Spannungen und Einschränkungen ausgesetzt. Viele emigrierten nach Israel, in die USA und andere Länder.

Unter der 54 Jahre währenden Herrschaft der Assad-Familie genossen die Juden in Syrien zwar Religionsfreiheit, doch wurden die Mitglieder der Gemeinschaft bis Anfang der 1990er Jahre daran gehindert, ins Ausland zu reisen, damit sie nicht nach Israel reisen konnten. Als die Reisebeschränkungen nach Beginn der israelisch-palästinensischen Friedensgespräche aufgehoben wurden, verließen viele von ihnen das Land.

Feindseligkeit gegenüber Israel

Nach Ausbruch des Bürgerkrieges 2011 hat Chamntub sich geweigert, Syrien zu verlassen. Seine zwölf Geschwister reisten aus. Chamntub sagt, er sei glücklich in Syrien und von Menschen umgeben, die ihn respektierten. Er sei einer der wenigen Juden gewesen, die offen über ihren Glauben redeten und nie diskriminiert wurden. Andere Juden sprächen lieber nicht so offen, weil in Syrien eine Feindseligkeit gegenüber Israel herrsche und viele fürchteten, als Spion oder Kollaborateur abgestempelt zu werden.

Vor Beginn des Bürgerkriegs kamen Chamntub und andere verbliebene Juden samstags zum Gebet in die Synagoge in Dschobar. Er erinnere sich an eine auf Gazellenleder geschriebene Tora, Kronleuchter, Wandbehänge und Teppiche, sagt er. Das alles ist verschwunden, wahrscheinlich von Plünderern gestohlen.

Der Muslim Barakat Hasrumi ist in der Nähe der Hanawi-Synagoge geboren und aufgewachsen. Er erzählt, wie die Gläubigen ihn samstags gebeten hätten, für sie das Licht einzuschalten oder eine Kerze anzuzünden, weil Juden am Schabbat keine körperliche Arbeit verrichten dürfen. »Es war ein wunderschöner religiöser Ort«, sagt Hasrumi über die Synagoge, die während des Krieges eine gewisse Zeit von Rebellen geschützt worden sei. Sie und der gesamte zerstörte Vorort müssten von Grund auf wieder aufgebaut werden, sagt er.

Das Versprechen freier Religionsausübung

Assads Streitkräfte haben Dschobar 2018 von den Rebellen zurückerobert, aber strenge Sicherheitsvorkehrungen getroffen, die viele Menschen daran hinderten, das Gebiet zu erreichen. Die neuen Machthaber in Syrien, die von der islamistischen Gruppe Haiat Tahrir al-Scham angeführt werden, haben versprochen, Anhängern aller Religionen die freie Ausübung ihrer religiösen Pflichten zu gestatten. Es gab jedoch bereits einige sektiererische Angriffe, die sich hauptsächlich gegen Angehörige der Minderheit der Alawiten richteten, zu denen die Assads gehören.

Weil die jüdische Gemeinde so klein ist, hat sie Schwierigkeiten, koschere Lebensmittel zu finden. Chamntub erhält mindestens einmal im Jahr Fleischpakete von Geschwistern in den USA, die Menschen mitbringen, die nach Syrien reisen. Früher ging er mit einem jüdischen Freund, der Hühner schlachtete, zum Hähnchenmarkt, aber der Mann könne heute kaum noch gehen. Er ernähre sich hauptsächlich von vegetarischen Gerichten, sagt Chamntub. Fast jeden Morgen koche er für sich und die 88 Jahre alte Firdos Mallach, eine Jüdin aus der Gegend, die keine anderen Verwandten mehr in Syrien hat.

Chamntub lebt von Mieteinnahmen und hofft, dass die Syrer nach dem Sturz Assads mehr Freiheiten genießen werden, sowohl in wirtschaftlicher als auch in anderer Hinsicht. In der Vergangenheit hätten ihn die Behörden daran gehindert, ohne Erlaubnis Interviews zu geben, sagt er. Das Chanukka-Fest begeht Chamntub gerade allein zu Hause. »Ich bin Jude, und ich bin stolz darauf«, sagt er.

Alice Zaslavsky

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