Im Dezember 1938 erscheint in der sozialistischen Schweizer Presse ein Artikel mit dem Titel »Das Elend an der Grenze. Herr Motta, Herr Baumann, verantworten Sie das?«. Giuseppe Motta und Johannes Baumann sind Schweizer Bundesräte. Erzählt wird die Geschichte einer Flucht über den Alten Rhein bei Diepoldsau in die Schweiz.
Ein jüdisches Ehepaar aus Wien mit Kleinkind versucht, nachts durch das eiskalte Wasser zu waten. Ein Schweizer Grenzwächter entdeckt sie und soll sie aufhalten. Der Vater ist in Wien von den Nazis fast totgeschlagen worden. Das Kind leidet an einer Mittelohrentzündung, und als die Mutter stolpert und alles nass wird, fängt es zu schreien an. Der Grenzwächter richtet die Waffe auf die Familie. Doch diese weigert sich, umzukehren. Schließlich hat der Beamte ein Einsehen; er bringt die Flüchtlinge auf den Schweizer Grenzposten. Die Mutter mit ihrem kranken Kind wird von einer Grenzwächterfamilie aufgenommen, der Vater kommt ins örtliche Flüchtlingslager. Die Familie ist gerettet.
Den Zeitungsbericht über diese Flucht vom Dezember 1938 nahm ich kürzlich wieder hervor, als wir Robert Kreutner (1937-2026) beerdigten. Kreutner war das Baby in der Geschichte, und dank des Grenzwächters, dank der Unerschrockenheit seiner Eltern, aber auch dank dem St. Galler Polizeihauptmann Paul Grüninger, der die Einreise der Familie zu genehmigen hatte, überlebte er den Dezember 1938 um fast neunzig Jahre.
Unklar, wie viele Menschen an der Schweizer Grenze abgewiesen wurden
Als die Zeitungen die Flucht der Familie Kreutner 1938 beschrieben, war die Schweizer Grenze für jüdische Flüchtlinge seit Monaten gesperrt. Der Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich und die sofort einsetzenden Pogrome hatten seit März 1938 zu einer Massenflucht geführt. Die Schweizer Regierung reagierte darauf, indem sie den Antisemitismus der Nazis nachvollzog und zuerst für Einreisende aus Österreich einen Arierausweis verlangte, dann die Grenze für Jüdinnen und Juden überhaupt sperrte, schließlich mit dem Naziregime vereinbarte, dass die Pässe aller deutschen und österreichischen Juden mit einem J-Stempel gekennzeichnet wurden, damit man die Passbesitzer an der Grenze besser aussortieren konnte.
Die Schweizer Regierung wollte mit solchen Maßnahmen die »Verjudung« des Landes verhindern. Niemand weiß, wie viele zehntausend Menschen in den folgenden Jahren an der Schweizer Grenze zurückgewiesen wurden und dadurch den Nazis in die Hände fielen.
Aber nicht überall setzt man 1938 die eidgenössischen Befehle sofort um. Die Regierung des Kantons Basel-Stadt weigert sich einige Monate lang, die von Bern geforderten Abschiebungen zu vollziehen. An der Ostgrenze im Kanton St. Gallen rettet Polizeihauptmann Grüninger nicht nur der Familie Kreutner das Leben, sondern hilft vielen hundert, vielleicht einigen tausend Menschen, in die Schweiz zu entkommen.
Dazu lässt der Polizeikommandant dieses Grenzkantons unter anderem Einreisedaten verändern, Dokumente und Statistiken fälschen, er drückt, wo immer es geht, ein Auge zu. Bis er im Frühjahr 1939 auf Betreiben der Bundesbehörden fristlos entlassen und später gerichtlich wegen Amtspflichtverletzung verurteilt wird. Er wird nie mehr eine feste Arbeit finden. 1972 stirbt er in Armut.
Nach über zehn Jahren wieder ein normales Leben
Robert Kreutner lernte ich kennen, als ich 1993 ein Buch über den Fall Grüninger veröffentlicht hatte. Ein Fernsehteam kam in mein Büro, und nach dem Dreh fragte mich einer vom Team, ob mir bei meinen Recherchen vielleicht auch dieser Zeitungsartikel aus der sozialistischen Presse begegnet sei. Er sei nämlich, sagte der Fernsehmann, darin das Baby gewesen. Ich konnte ihm den Artikel aus dem Archiv heraussuchen und schicken.
Robert Kreutner wuchs ab 1939 im Flüchtlingslager Wald-Schönengrund als staatenloser Flüchtling auf. Der Vater absolvierte Schweizer Arbeitslager und baute Straßen. Die Familie wurde 1955, zehn Jahre nach dem Krieg, in Zürich eingebürgert, erst da begann für sie wieder ein normales Leben. Ab 1968 arbeitete Kreutner mit einer kaufmännischen Ausbildung beim Schweizer Fernsehen, er war einer der frühesten Mitarbeiter und blieb 33 Jahre. Jüngere Kolleginnen und Kollegen erinnern sich an einen freundlichen, zurückhaltenden und noblen, sehr angenehmen, für Gespräche stets offenen Disponenten und Produktionsleiter. Seine große Leidenschaft, sagt der zweite seiner drei Söhne, sei Fußball gewesen.
Über die Fluchtgeschichte wurde in der Familie wenig gesprochen, bis eines Tages dieses Thema wieder aufkam. Es gibt einen Spielfilm über Polizeihauptmann Paul Grüninger, in dem die Geschichte der Kreutners erzählt wird. Robert Kreutner wurde, einmal auch zusammen mit seinen Eltern, für Dokumentarfilme interviewt und trat an Veranstaltungen auf.
Er war wohl der letzte von Paul Grüninger gerettete Flüchtling, der noch lebte. Zeugnis abzulegen über seine Geschichte, sagt der Sohn Jonathan Kreutner, sei seit den 90er Jahren, seit den großen Diskussionen über die Rolle der Schweiz im Nationalsozialismus, für seinen Vater zu einem Lebensinhalt geworden.
Der Autor ist ein Schweizer Journalist und Historiker.