USA

Ein Land im Aufruhr

Ausschreitungen in Minnea­po­lis (28. Mai) Foto: imago

Stundenlang zog die Hausärztin Vivian Fischer am Samstag durch das verwüstete Minneapolis. Wie sie der Nachrichtenagentur JTA später erzählte, hatte sie sich am Morgen das Stethoskop geschnappt, ihren Rucksack mit Mundschutzmasken, Gummihandschuhen, Asthma-Inhalatoren und Verbandsmaterial gefüllt so­wie mit Pinzetten, um Glassplitter aus Schnittwunden zu entfernen. Dann war die 58-Jährige losgezogen ins Stadtzentrum, um zu schauen, wo sie helfen konnte.

Auf den Straßen sah sie unzählige Menschen, die das Glas zerbrochener Schaufenster zusammenfegten, die im Chaos der Unruhen am Freitagabend eingeschlagen worden waren. Manche Helfer hatten sich dabei verletzt, Fischer verband ihnen die Wunden. »Es ist schrecklich, meine Stadt niederbrennen zu sehen«, sagte sie im Gespräch mit Journalisten.

»Dieser Mann hätte nicht sterben dürfen«, sagt Jacob Frey, der Bürgermeister von Minneapolis.

In Minneapolis und im ganzen Land ist nichts mehr, wie es war, seit am Montag vergangener Woche der 46-jährige Afroamerikaner George Floyd an den Folgen eines brutalen Polizeieinsatzes starb. Ein weißer Polizist hatte ihm einige Minuten lang sein Knie in den Nacken gedrückt und Floyds Flehen »Ich kann nicht atmen« ignoriert.

Seitdem entladen sich Zorn und Wut vor allem der schwarzen Unterschicht im Land. Protestdemonstrationen eskalieren, mehrere Menschen kommen ums Leben, Geschäfte werden geplündert, Brände gelegt, die Medien diskutieren über die strukturellen Benachteiligungen von Schwarzen, ein Polizist wird wegen Mordes an George Floyd angeklagt.

SOLIDARITÄT »Dieser Mann hätte nicht sterben dürfen«, sagt Jacob Frey, der Bürgermeister von Minneapolis. Wie die Ärztin Vivian Fischer wuchs auch Frey in einem jüdischen Elternhaus auf. Sie beide und viele andere Juden in den USA sind entsetzt über die Tötung von George Floyd. Man trauere gemeinsam mit seiner Familie und seinen Freunden, hieß es in Statements jüdischer Organisatio­nen. »Wir stehen in Solidarität mit der schwarzen Community, die viel zu lange von der Polizei angegriffen wurde und unter zügellosem Rassismus gelitten hat.«

Begannen die Demonstrationen nach dem mutmaßlichen Mord als wütende Proteste gegen die Polizei, entwickelten sie sich rasch zu Aktionen, die von wahllosem Zorn angetrieben wurden. Weil am Wochenende in mehreren amerikanischen Städten blinde Zerstörungswut um sich zu greifen drohte, trugen manche Rabbiner die Torarollen aus ihren Synagogen und brachten sie in Sicherheit.

An die Synagoge Beth El in Los Angeles wurden antisemitische Parolen gesprüht.

In Minneapolis wurden bei den Ausschreitungen bislang keine Synagogen angegriffen, doch entdeckte man an einer Bushaltestelle gegenüber der Gemeinde Shir Tikvah kurz vor Beginn der ersten Proteste antisemitische Graffiti.

Auch an die Synagoge Beth El in Los Angeles wurden antisemitische Parolen gesprüht, und in Manhattan schmierte ein Mob, als er in Richtung Fifth Avenue marschierte, Hassgraffiti an die Wände der St. Patrick’s Cathedral.

UNTERSTÜTZUNG Viele Mitglieder jüdischer Gemeinden überlegen in diesen Tagen, wie sie helfen können. Während sich die Ärztin Vivian Fischer um die Wunden der Menschen kümmerte, verteilen andere in Minnea­po­lis Lebensmittel an diejenigen, die durch die Ausschreitungen obdachlos geworden sind.

Einer der Freiwilligen ist Dave Snyder, der gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Shir-Tikvah-Gemeinde versucht, in den Latino-Vierteln der Stadt diejenigen zu unterstützen, die nach den Brandstiftungen nichts mehr haben. Die Tatsache, dass er jüdisch ist, motiviere ihn, die Schwächsten in seiner Stadt zu schützen, sagte Snyder der Jewish Telegraphic Agency.

Der 44-Jährige leitet die Organisation Jewish Community Action, die in Minneapolis über Denominationsgrenzen hinweg zu Fragen der Rassen- und Wirtschaftsgerechtigkeit arbeitet.

Noch vor zwei Wochen hätte er sich nicht träumen lassen, dass er einmal gespendete Feuerlöscher verteilen würde. »Wir versuchen buchstäblich, unsere Stadt vor Feuer zu schützen«, sagte er im Gespräch mit amerikanischen Journalisten. »Es ist eine äußerst verzweifelte und traumatisierende Situation.«

Meinung

Wer definiert das Judentum?

Die Theologische Fakultät der Universität Freiburg im Üechtland verleiht dem messianischen Rabbiner Mark S. Kinzer die Ehrendoktorwürde. Das belastet das jüdische Verhältnis zu einem katholischen Partner

von Zsolt Balkanyi-Guery  11.05.2026

Runder Geburtstag

Meister der Linien: Architekt Daniel Libeskind wird 80

Er hat weltberühmte Gebäude entworfen – aber noch nie eines für sich selbst. Für den Architekten ist das gar kein Widerspruch, denn ihn interessiert ja etwas anderes

von Julia Kilian  11.05.2026

New York

Familie orthodoxer Jugendlicher verklagt Uber nach mutmaßlicher Vergewaltigung

Ein Uber-Taxichauffeur soll das minderjährige Opfer transportiert und damit gegen Regeln verstoßen haben, bevor es zu dem Sexualverbrechen kam

 11.05.2026

London

Mann nach antisemitischem Angriff angeklagt

Der 34-Jährige soll in Enfield mehrere Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft bedroht, beleidigt und attackiert haben

 11.05.2026

London

Tausende demonstrieren gegen Judenhass

Die Kundgebung nahe der Downing Street fand vor dem Hintergrund einer Serie antisemitischer Vorfälle und Angriffe in Großbritannien statt

 11.05.2026

New York

Abe Foxman gestorben

Der Holocaust-Überlebende und frühere ADL-Chef galt über Jahrzehnte als eine der bekanntesten Stimmen im Kampf gegen Judenhass in den USA

 11.05.2026

Kanada

B’nai Brith: »Jüdische Kanadier werden terrorisiert«

Kanada erlebt eine Serie antisemitischer Gewalttaten. Laut einer jüdischen Organisation ist das Jahr 2026 für die Gemeinschaft bereits jetzt das gewalttätigste in ihrer jüngeren Geschichte

 10.05.2026

Medien

Kristin Helberg, der Hass auf Israel und der urdeutsche Wunsch nach Entlastung

Ein Kommentar von Jan Fleischhauer

von Jan Fleischhauer  10.05.2026

Berlin

Daniel Libeskind warnt vor Judenhass und AfD-Erfolgen

In einem Interview kritisiert der Architekt die israelische Regierung und äußert Sorgen in Zusammenhang mit dem Erstarken der AfD in der Bundesrepublik. Auch spricht er über jüdische Identität

 08.05.2026