Geschichte

Ein Attentat mit Folgen

Es war die Tat eines Verzweifelten: Vor 80 Jahren erschoss Herschel Grynszpan den Diplomaten Ernst vom Rath

von Michael Grau  08.11.2018 07:27 Uhr

Herschel Grynszpan bei seiner ersten polizeilichen Vernehmung am 8. November 1938 Foto: dpa

Es war die Tat eines Verzweifelten: Vor 80 Jahren erschoss Herschel Grynszpan den Diplomaten Ernst vom Rath

von Michael Grau  08.11.2018 07:27 Uhr

Der 7. November 1938 war ein Montag. Gleich morgens um 8.30 Uhr betrat in Paris der 17‐jährige Herschel Grynszpan aus Hannover das Waffengeschäft »À la fine lame« (Zur scharfen Klinge) und erstand für 235 Francs einen Trommelrevolver und Patronen.

Dann macht sich der junge Jude mit polnisch‐deutschen Wurzeln zielstrebig auf den Weg zur deutschen Botschaft in der Rue de Lille 78. In seiner Brieftasche trägt er eine Postkarte bei sich, die er vier Tage zuvor in Paris erhalten hat. Seine Schwester berichtet darin von der Deportation seiner Familie von Hannover nach Polen.

schüsse
In der Botschaft wird Grynszpan zum Legationsrat Ernst vom Rath vorgelassen. Er zaudert nicht lange und streckt den Diplomaten mit fünf Schüssen nieder. »Sie sind ein schmutziger Deutscher, und nun übergebe ich Ihnen im Namen von 12.000 schikanierten Juden die Quittung«, soll er gerufen haben. Vom Rath bricht schwer verletzt zusammen. »Es war eine spontane Racheaktion«, urteilt der Historiker Manfred Gailus vom Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin. Grynszpan lässt sich widerstandslos festnehmen.

Das Attentat in Paris vor 80 Jahren wird in den folgenden Tagen von der NS‐Propaganda als Vorwand für ein bis dahin beispielloses Verbrechen der deutschen Nationalsozialisten missbraucht – die Reichspogromnacht, früher auch »Reichskristallnacht« genannt. SA‐ und SS‐Trupps zünden in ganz Deutschland rund 1400 Synagogen an, verwüsten mehr als 7500 Häuser und Geschäfte und ermorden jüdische Frauen und Männer – am Ende gibt es mehr als 1300 Tote.

»Sie haben die Sache zum Anlass genommen, um das gesamte Judentum anzugreifen«, sagt Gailus. Kaum ist das Attentat bekannt, wird in Kassel bereits am 7. November ein jüdisches Café zerstört. Bis zum 13. November dauern die Pogrome. Am schlimmsten wütet der Mob in der Nacht vom 9. auf den 10. November.

MIGRATIONSGESCHICHTE Die Tat von Herschel Grynszpan ist auch das tragische Resultat einer jahrzehntelangen Migrationgeschichte. Denn die Familie Grynszpan (deutsch: Grünspan) war 1911 aus dem zaristischen Russland vor Armut und Pogromen in Richtung Westen geflüchtet. Herschels Vater Sendel lässt sich mit seiner Frau Riwka in Hannover nieder, ein Onkel geht nach Brüssel, ein anderer nach Paris. In der Altstadt von Hannover bewohnt die Familie mit polnischer Staatsbürgerschaft eine enge 40‐Quadratmeter‐Wohnung im zweiten Stock.

»Es waren bescheidene Verhältnisse«, sagt der Historiker Peter Schulze. Der Vater verdient sein Geld als Schneider. Von sechs Kindern sterben drei. Der 1921 geborene Herschel besucht die Volksschule. Doch mit dem Machtantritt der Nazis 1933 ändert sich für ihn alles: »Innerhalb von Wochen saßen die jüdischen Kinder abseits und wurden auch nicht mehr zu Kindergeburtstagen eingeladen.« Als er 14 ist, verlässt Herschel seine Heimat und zieht zuerst nach Brüssel zu seinem Onkel Wolf und dann zu seinem Onkel Abraham in Paris.

Währenddessen verschärft sich die politische Situation für die Juden in Deutschland. Weil Polen vielen Bürgern, die im Ausland leben, die Staatsbürgerschaft entziehen will, lässt der NS‐Staat rund 17.000 polnischstämmige Juden auf brutale Weise an die östliche Grenze abschieben. Auch Herschel Grynszpans Eltern und Geschwister werden in Hannover in einen schwer bewachten Zug gesetzt und im Niemandsland an der polnischen Grenze zwischen Feldern und Wäldern auf offener Strecke hinausgejagt.

Ohne Geld müssen sie sich nun durchschlagen. Sie habe nur die nötigsten Kleider in einem Koffer mitnehmen können, schreibt Berta Grynszpan auf der Postkarte nach Paris, die ihren Bruder Herschel am 3. November in Paris erreicht und zum Attentat treibt. »Das ist alles, was ich gerettet habe.«

brandrede Als Ernst vom Rath am 9. November um 16.30 Uhr in Paris seinen Verletzungen erliegt, ist die Führung des NS‐Staates in München versammelt. Minister Joseph Goebbels erkennt sofort, dass sich das Attentat propagandistisch ausschlachten lässt. Nach Absprache mit Hitler hält er eine Brandrede, macht eine angebliche »jüdische Weltverschwörung« für den Anschlag verantwortlich und ruft zu Pogromen auf. Parteifunktionäre der NSDAP tragen den Befehl per Telefon noch am selben Abend in alle Winkel des Landes.

Herschel Grynszpan wird 1940 von Frankreich an Deutschland ausgeliefert und kommt ins Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin. Goebbels plant einen großen Schauprozess gegen ihn, doch dazu kommt es nie. 1942 verliert sich seine Spur, nach dem Krieg wird er für tot erklärt. Doch seine Familie überlebt in der Sowjetunion und geht schließlich nach Israel. Sendel Grynszpan hat 1961 in Jerusalem einen viel beachteten Auftritt als Zeuge im Prozess gegen Adolf Eichmann und sagt dort über die Massenabschiebung der polnischen Juden 1938 aus.

Manfred Gailus sieht Herschel Grynszpan heute als einen von mehreren Einzeltätern, die sich durch Anschläge gegen den NS‐Staat auflehnten. Und für Peter Schulze ist er ein Getriebener in schwerer Zeit: »Hin‐ und hergeschleudert zwischen all den Herausforderungen musste er sich als Jugendlicher in der Welt zurechtfinden wie ein Erwachsener.«

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