USA

Edelmans Versprechen

Die New England Patriots im Spiel gegen die Kansas City Chiefs am 20. Januar Foto: Getty Images

Super Bowl«, dieses Phänomen elektrisiert die Vereinigten Staaten. 2018, beim 41:33-Überraschungssieg der Philadelphia Eagles über den Favoriten New England Patriots, sahen 103,4 Millionen Amerikaner zu – und das war die schlechteste Quote seit 2009.

Im Schnitt schaltet jedes Jahr ein Drittel aller in den USA lebenden Menschen die Übertragung des Finales der National Football League (NFL) ein. Zieht man die Kleinkinder, Kranken und Greise sowie jene winzige Minderheit, die sich aus diesem Sport nichts macht, ab, so sitzt rund die Hälfte aller mündigen Amerikaner vor dem Fernseher, wenn die Top‐Teams der abgelaufenen Football‐Saison aufeinandertreffen. Sie spielen im Super Bowl, wie das Spektakel seit 1967 heißt, die – wie könnte es in den Staaten anders sein – »World Championship« aus.

Dieses Jahr, am kommenden Sonntag, sind es bei der 53. Auflage des Super Bowl die New England Patriots, die auf die Los Angeles Rams treffen. Schauplatz des Spektakels ist Atlanta mit seiner neuen Arena, dem »Mercedes‐Benz Stadium«.

milliardengeschäft Das größte Einzelsportereignis der Welt und die dazugehörige Liga sind ein Multi‐Milliardengeschäft. Allein das einzigartige neue Stadion der Atlanta Falcons und des Fußballvereins Atlanta United hat 1,6 Milliarden Dollar gekostet. Dafür ist es momentan aber auch das nachhaltigste und wohl auch eleganteste seiner Art.

Gleich einem Objektiv öffnet sich das Dach linsenförmig und gibt den Blick frei in den Himmel Atlantas. Darunter verläuft, in einem geschlossenen 360‐Grad‐Kreis, die größte Anzeigetafel der Welt. Der Super Bowl und American Football, so viel ist klar, leben von Superlativen dieser Art. So kosten etwa 30 Sekunden Werbung während des Super Bowl an die 5,3 Millionen Dollar!

Nicht umsonst heißt das Spiel, ein Abkömmling des britischen Rugbys, Football. Es spiegelt im Sport das wider, was die Geschichte vorgegeben hat. Mutter England, Kind Amerika. Das Kind ist nun erwachsen und erfolgreicher als die Eltern.

Nur neun von den knapp 2000 Spielern der National Football League sind jüdisch.

Football ist, neben dem Cricket‐Kind Baseball, die amerikanische Sportart schlechthin. Aber, so viel scheint auch klar, American Football ist nicht die jüdischste aller Sportarten – wenn es so etwas denn überhaupt gibt.

Die Quarterbacks, die Spielmacher, waren bis vor relativ kurzer Zeit die Inkarnation des WASP – des »White Anglo‐Saxon Protestant«. Jede Highschool hatte mindestens einen dieser »Jocks«, die das deutsche Wikipedia recht treffend mit einem »sportlich aktiven und sexuell erfolgreichen, aber intellektuell eher überforderten jungen Mann« umschreibt.

SONNYBOYS Kein Klischee trifft jemals gänzlich zu, aber das Bild der Sonnyboys prägte auch die höchste Football‐Liga. Die weißen Quarterbacks führen und werfen elegant die Bälle, die schwarzen Jungs sind für die physische Drecksarbeit in Abwehr und Angriff zuständig – um entweder dem gegnerischen Quarterback zuzusetzen oder dem eigenen den Weg freizuräumen.

Dieses ungeschriebene Gesetz, das Hautfarbe und Herkunft als Prägung für die jeweilige Spielposition vorsah, ist mittlerweile zum Glück Geschichte, wenn es auch immer noch wesentlich mehr weiße als schwarze Quarterbacks gibt.

Gastgeber An der Emanzipation des Sports hatten, wen wundert’s, Juden einen großen Anteil. Und in der heutigen NFL ist der Anteil jüdischer Eigentümer bei den Teams recht hoch. Etwa ein Dutzend der 32 Team‐Eigentümer sind jüdisch.

Dazu befragt, sagte der 76‐jährige Arthur Blank, Owner der Atlanta Falcons und somit Gastgeber des diesjährigen Super Bowl, einmal: »Ich habe lange überlegt, warum es so viele jüdische Eigentümer in der NFL gibt. Ich glaube, es geht in Amerika um Erfolg. Und Menschen unseres Glaubens haben anscheinend Erfolg bei Dingen, die mit anderen Leuten zu tun haben. Das ist keine Solo‐Leistung. Ich habe 31 Partner am Tag nach einem Spiel. Wir teilen unsere Umsätze. Die Eigentümer arbeiten gern zusammen. Und das ist auch Teil der Geschichte unseres Glaubens: als Gruppe zusammenzustehen.«

Eine Ikone aus dieser elitären Gruppe der Teambesitzer ist Robert Kraft. Bis heute wohnt der mittlerweile 77‐jährige Eigentümer der New England Patriots in seinem Geburtsort Brookline, Massachusetts.

SCHABBAT Wäre es nach seinem Vater Harry gegan­gen, Couturier und engagiertes jüdisches Gemeindemitglied aus Boston, wäre Robert Kraft Rabbiner geworden. Er war sehr religiös und verpasste während der Gymnasialzeit meist die Sportangebote, weil er nach der Schule Hebräischunterricht hatte und den Schabbat hielt.

1971 kaufte sich Kraft erstmals eine Dauerkarte bei den Patriots. Und 1995 erwarb der Selfmademan, der sein Vermögen von 4,8 Milliarden Dollar mit der Herstellung von Verpackungsmaterialien aus Papierprodukten gemacht hat, das ganze Team – für 172 Millionen Dollar.

Es war einer der besten Deals von Kraft. Inzwischen (Stand September 2018) sind die Patriots laut Forbes 3,8 Milliarden wert und somit das zweitwertvollste Team der NFL nach den Dallas Cowboys (5 Milliarden Dollar).

PUTIN Fünfmal gewann Kraft bisher mit seinem Team den Super Bowl. Ein Championship‐Fingerring fehlt ihm allerdings, der von 2005. Er ist jetzt im Kreml mit anderen Staatsgeschenken ausgestellt. Zeitungsberichte, der damalige und heutige russische Staatspräsident Wladimir Putin habe den Ring gestohlen, wurden seinerzeit dementiert.

Russische Medien hatten berichtet, Kraft habe den Ring gegen Ende eines Treffens mit Geschäftsleuten in St. Petersburg an Putin übergeben. Der habe ihn anprobiert, ihn dann in seine Tasche gesteckt und sei gegangen. Kraft ließ verlauten, er habe Putin den Ring geschenkt. Später bestritt er das und sagte laut New York Post: »Ich nahm den Ring ab und zeigte ihn ihm. Er zog ihn an, sagte: ›Damit kann ich ja jemanden erschlagen‹ und ging davon.«

Das Weiße Haus drängte Kraft später, auf den Ring zu verzichten. Putin beharrt darauf, er sei ein Geschenk gewesen. Mittlerweile sieht Kraft die Sache großzügig gelassen. »Er findet es großartig, dass der Ring im Kreml ist«, sagte sein Sprecher zu CNN.

Großzügig, das impliziert schon die Tatsache, dass Robert Kraft als »jüdischer Philanthrop« bezeichnet wird, ist er übrigens auch sonst: Mehr als 100 Millionen Dollar haben Kraft und seine Frau Myra, die 2011 starb, für Bildung, Gesundheitsfürsorge, Jugendsport und Israel‐Jugendreisen ausgegeben. Dafür wurde Kraft Anfang dieses Jahres der Genesis‐Preis, der »jüdische Nobelpreis«, zugesprochen.

Das Preisgeld von einer Million Dollar möchte Kraft »Initiativen zukommen lassen, die Antisemitismus und andere Formen von Vorurteilen und Versuche bekämpfen, den Staat Israel zu delegitimieren«.

teambesitzer Noch eine weitere Biografie eines jüdischen Teambesitzers sei hier erwähnt. Als Zygmunt »Zygi« Wilf 1950 in München geboren wurde, ging es nicht um Football, sondern um die nackte Existenz. Er war der Sohn jüdischer Überlebender aus Polen. Wilfs Mutter Elizabeth hatte einen Großteil des Krieges im Versteck auf einem Bauernhof in Polen zugebracht.

Wie sein Vater Joseph die Nazi‐Okkupation überlebte, ist nicht überliefert, nur, dass er nach dem Krieg von den Sowjets nach Sibirien deportiert wurde. Eine seiner Schwestern starb im Warschauer Ghetto.

In den 50er‐Jahren zogen die Wilfs nach Hillside, New Jersey. Vater und Onkel bauten ein erfolgreiches Immobilienunternehmen auf. Nach Jurastudium und einer Zeit als Staatsanwalt stieg Zygi Wilf in das Familienunternehmen ein.

IMPERIUM Mittlerweile gehören etliche Einkaufszentren und rund 90.000 Wohnungen im ganzen Land zum Wilf‐Imperium. Im Jahr 2005 erwarb Wilf mit vier Partnern das Team der Minnesota Vikings für rund 600 Millionen Dollar. Die Vikings aus Minneapolis, die eine eisige Rivalität mit den Greenbay Packers aus Wisconsin pflegen, sind eines der Kult‐Teams der National Football League.

2013 wurde Wilf in einem Betrugsprozess zu 84,5 Millionen Dollar Schadenersatz verurteilt, die er an zwei ehemalige Geschäftspartner zahlen sollte. Die Höhe der zu erstattenden Summe beeinflusste den Stadionneubau der Vikings allerdings nicht. Die 477 Millionen Dollar Eigenanteil Wilfs an dem rund eine Milliarde teuren Neubau seien nicht gefährdet, so das Ergebnis einer staatlichen Untersuchung, da »Wilfs Reichtum erheblich« sei.

Im vergangenen Jahr fand in der Arena denn auch der Super Bowl statt. Ein später Triumph für Wilf. Auf der Forbes‐Liste taucht Wilf zwar nicht auf, weil er über sein Vermögen nicht spricht. Allerdings wird es mit 5,3 Milliarden Dollar beziffert. Das langte allemal für den Eigenanteil.

megastar Was die Spieler angeht, ist die NFL alles andere als eine jüdische Liga. Ganze neun Aktive (von 1696 Spielern in der NFL) sind Juden. Aber einer ist ein Megastar: Julian Edelman, 32, Wide Receiver und Teil des magischen Angriffstrios bei den Patriots. Zusammen mit Quarterback‐Legende Tom Brady (41) und Tight End Rob »Gronk« Gronkowski bildet Edelman den Kern der Offensive des fünffachen Champions.

Der gebürtige Kalifornier engagiert sich offensiv für Israel und für Amerikas Juden. Nach der Terrorattacke auf die Synagoge in Pittsburgh im vergangenen Jahr trug Edelman beim Gastspiel der Patriots bei den Pittsburgh Steelers ein Paar eigens angefertigte Schuhe mit einem Davidstern und der Parole »Stronger than Hate« sowie dem Logo der »Tree of Life«-Synagoge, in der bei dem Anschlag elf Menschen getötet worden waren. Zudem trug er nach dem Angriff häufig eine Baseballmütze mit Davidstern.

Julian Edelman engagiert sich offensiv für Israel und für Amerikas Juden.

Das Engagement neben dem Spielfeld ist für Edelman, der auch ein Kinderbuch schrieb und bereits seine Autobiografie vorgelegt hat, ähnlich wichtig wie die Performance auf dem Spielfeld. Er und Tom Brady werden einen großen Anteil daran haben, ob die Patriots ihren sechsten Championship‐Ring holen.

TROPHÄE Zeigen sie ihr blindes Verständnis füreinander wieder auf dem Spielfeld, so wie beim dramatischen Halbfinale gegen die Kansas City Chiefs, dürften die »Pats«, wie ihre Fans sie nennen, erneut die Vince Lombardy Trophy in die Höhe stemmen. Sollten sie am Sonntag hingegen nicht in Topform sein, dann könnte es doch zu der Sensation kommen, dass die Los Angeles Rams mit Jared Goff (24), dem jüngsten Quarterback, der je in einem Super Bowl spielte, und Sean McVay (33), dem jüngsten Cheftrainer der Super‐Bowl‐Geschichte, wirklich den Titel holen. Patriots‐Trainer‐Legende Bill Belichik ist mit 66 Jahren doppelt so alt.

An einen Erfolg der Rams mag also kaum einer so richtig glauben. Zumal Edelman bei der Opening Night der Super‐Bowl‐Woche noch ein Versprechen gegeben hat, das viele Fans elektrisieren dürfte: Holen die Patriots den Titel, will Edelman seinen Vollbart abrasieren – womöglich würde auch das im Fernsehen zum Quotenhit.

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