Der US-amerikanische Dokumentarfilmer Frederick Wiseman ist im Alter von 96 Jahren gestorben. Sein Tod wurde von seiner Familie und seiner Produktionsfirma Zipporah Films bekanntgegeben. Wiseman galt als einer der einflussreichsten Vertreter des beobachtenden Dokumentarfilms und prägte über Jahrzehnte hinweg das Genre mit einem einzigartigen, unaufdringlichen Stil.
In einer gemeinsamen Erklärung hieß es, Wiseman habe über fast sechs Jahrzehnte ein außergewöhnliches filmisches Werk geschaffen, das soziale Institutionen und menschliche Erfahrungen dokumentierte. »Seine Filme – von Titicut Follies bis zu Menus-Plaisirs – Les Troisgros werden für ihre Komplexität, erzählerische Kraft und ihren humanistischen Blick gefeiert«, erklärten Familie und Produktionsfirma. Insgesamt drehte und produzierte Wiseman fast 50 Filme, darunter Ex Libris über die New York Public Library, In Jackson Heights über ein Viertel in Queens und City Hall über die Verwaltung von Boston.
Wiseman wurde 2016 mit einem Ehrenoscar ausgezeichnet. Sein Arbeitsstil war ungewöhnlich: Er führte keine Interviews, verzichtete auf Off-Kommentare und Musik und arbeitete ausschließlich mit natürlichem Licht und Originalton. Vor Beginn eines Projekts betrieb er bewusst keine Recherche. »Ich weiß normalerweise nichts über das Thema, bevor ich anfange«, sagte er bei der Oscar-Verleihung. »Ich beginne nie mit einer These oder einem Standpunkt, den ich beweisen will.«
Theater und Tanz
Im Jahr 1930 wurde Wiseman in Boston in eine jüdische Familie hineingeboren. Er studierte am Williams College und an der Yale Law School, diente nach dem Abschluss zwei Jahre in der US-Armee und lehrte später an der Boston University. Während seiner Lehrtätigkeit entdeckte er sein Interesse am Film und produzierte 1963 The Cool World. Sein Regiedebüt Titicut Follies über ein psychiatrisches Gefängnishospital sorgte für Kontroversen und wurde in Massachusetts jahrzehntelang für die Öffentlichkeit verboten.
Neben sozialen Institutionen widmete sich Wiseman auch der Welt des Theaters und des Tanzes, etwa in La Danse über das Pariser Opernballett oder Crazy Horse über das berühmte Pariser Cabaret. Politische und gesellschaftliche Fragen spielten in vielen seiner Werke eine Rolle, doch Wiseman wehrte sich gegen die Vorstellung, Dokumentarfilme seien Instrumente des politischen Aktivismus. »Dokumentarfilme sind wie Theaterstücke, Romane oder Gedichte – sie haben keine messbare soziale Nützlichkeit«, schrieb er 1994.
Sein letzter Film Menus-Plaisirs – Les Troisgros (2023) gewährte einen Blick hinter die Kulissen eines mit drei Michelin-Sternen ausgezeichneten französischen Restaurants. Wiseman betonte stets seinen Bildungsanspruch: »Jeder Film ist eine Gelegenheit, etwas Neues zu lernen. Ich befinde mich seit 50 Jahren in einem Erwachsenenbildungsprogramm, in dem ich jedes Jahr ein neues Thema studiere.«
Frederick Wiseman hinterlässt zwei Söhne und drei Enkelkinder. Seine Ehefrau Zipporah Batshaw Wiseman, mit der er 65 Jahre verheiratet war, starb 2021. im