Bulgarien

Diplomatischer Eklat

Sowjetisches Ehrenmal in Sofia Foto: Frank Stier

Läuft man von der Sofioter Adlerbrücke in Richtung Universität, passiert man linker Hand das Denkmal der Roten Armee. Auf einem hohen Sockel reckt ein Sowjetsoldat seine Maschinenpistole in die Höhe, umringt von einer bulgarischen Kleinfamilie. Das Monument war in den vergangenen Jahren mehrfach Stein des Anstoßes scharfer Auseinandersetzungen zwischen Bulgariens Russophilen und Russophoben. Letztere streiten ihm jegliche Berechtigung ab, habe die Rote Armee im Zweiten Weltkrieg Sofia doch keineswegs befreit, stattdessen Bulgarien der kommunistischen Diktatur unterworfen.

Eine antisemitische Schmiererei an dem Denkmal, »100 Jahre zionistische Okkupation«, die auf den Jahrestag der Oktoberrevolution anspielte, hat zu einer ernsthaften russisch-bulgarischen Kontroverse um die historische Wahrheit geführt, wer die bulgarischen Juden im März 1943 gerettet hat.

»Vandalen – ich kann sie nicht anders nennen – haben das Denkmal attackiert und an ihm Slogans mit unverhohlen antisemitischem Charakter angebracht«, protestierte die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharova. »Diese Eskapade ist vor allem deshalb zynisch, weil dank unserer Soldaten die Deportation der bulgarischen Juden im Zweiten Weltkrieg verhindert wurde, was rund 50.000 Menschen vor dem sicheren Tod bewahrt hat.«

Kritik Sacharovas Aussage empörte viele Bulgaren und veranlasste das bulgarische Außenministerium zu einer scharfen Zurückweisung. »Als die bulgarischen Bürger an den Eisenbahnstrecken standen, die zu den faschistischen Todeslagern führten; als die bulgarische politische, wirtschaftliche und geistige Elite Protestbriefe zur Verteidigung der bulgarischen Juden schrieb; als führende Geistliche der Bulgarischen Orthodoxen Kirche den bereits zusammengetriebenen Juden Beistand leisteten und erklärten, ihre Mitbürger könnten nur mit ihnen zusammen in die Lager verbracht werden; da stand die Rote Armee Tausende Kilometer von den bulgarischen Grenzen entfernt«, verlautete die diplomatische Note des bulgarischen Außenamts.

Die israelische Botschaft und Schalom, die Organisation der Juden in Bulgarien, verurteilten die antisemitische Schändung des Sowjetischen Ehrenmals in einer gemeinsamen Erklärung. »Die Mehrheit des bulgarischen Volkes und die Orthodoxe Kirche haben die bulgarischen Juden vor dem Abtransport in die Vernichtungslager bewahrt. Für diese Tat der Bulgaren werden Juden immer dankbar sein«, stellten sie klar.

Gleichzeitig erinnerten sie an die Deportation von 11.000 Juden aus Nordgriechenland und Teilen Jugoslawiens, als diese Gebiete unter bulgarischer Verwaltung standen. »Dies ist eine historische Tatsache und kann nicht geleugnet werden. Wir, die bulgarischen Juden, trauern um diese unschuldigen Opfer und bewahren ihr Andenken in Ehren.«

Schändung Als Sacharova, die Sprecherin des russischen Außenministeriums, die scharfe Kritik erwiderte und ihre Position bekräftigte, trat ihr der Soziologe und Abgeordnete der oppositionellen Bulgarischen Sozialistischen Partei (BSP) Ivo Hristov zur Seite. Sacharovas Aussage sei aus dem Zusammenhang gerissen worden, um das eigentliche Thema der Schändung russischer Denkmäler zu verdrängen, behauptete er.

»Was sagt Maria Sacharova? Man darf nicht vergessen: Wäre die Sowjetarmee nicht gewesen, wären 50.000 bulgarische Juden deportiert worden. Zweifelt jemand daran, dass es so gekommen wäre? Oder hätten wir zu Göring und Hitler gesagt, wir werden unsere Juden retten, und ihr kümmert euch um eure eigenen Angelegenheiten?«, fragte er rhetorisch.

Obendrein schockierte Hristov mit dem Verdikt, 80 Prozent des bulgarischen Volks seien debil und »empfänglich für Manipulationen«. Hristov vertritt wie Sacharova die These, Bulgarien habe die Hitler-Deutschland zugesagte Deportation der bulgarischen Juden nicht durchgeführt, weil nach der Niederlage in Stalingrad im Februar 1943 das Ende des Hitlerfaschismus absehbar gewesen sei. Der Abtransport der jüdischen Bulgaren sei daher dem bulgarischen Zaren Boris III. nicht mehr opportun erschienen.

Jerusalem

Großeltern umgebettet: Theodor Herzls letzter Wille ist erfüllt

Die Überreste von Schimon und Rikva Herzl, Vorfahren väterlicherseits des Zionismus-Begründers und prägende Gestalten in Theodor Herzls Jugend, wurden von Serbien nach Israel überführt und auf dem Herzlberg beigesetzt

 06.08.2026

Palma

Michael Douglas ist Ehrenbotschafter Mallorcas

Der Hollywood-Star mit jüdischem Familienhintergrund wird für seine enge Verbindung zu der spanischen Insel und sein Engagement für deren kulturelles Erbe geehrt

 06.08.2026

Frankreich

Eine Abrechnung mit dem Judenhass der neuen Linken

Nach 41 Jahren verlässt der anerkannte Journalist Jean Quatremer die beliebte Tageszeitung »Libération«. Er wirft Kollegen einen »entfesselten Antisemitismus« und eine ideologische Schreckensherrschaft vor

 06.08.2026

USA

Seitenwechsel

In Stanford hetzte Taryn Thomas auf Studentenprotesten gegen Israel. Dann sah sie die Nova-Ausstellung – und wurde zur »Verräterin«

von Daniel Zylbersztajn-Lewandowski  06.08.2026

Großbritannien

Tories wegen Nominierung von Ex-Neonazi in der Kritik

Die Chefin der Konservativen Partei hält ihn für resozialisiert, doch die jüdische Labour-Politikerin Luciana Berger ist skeptisch, was eine Kandidatur des früheren Rechtsextremisten Joshua Bonehill-Paine bei der Kommunalwahl 2027 anging

von Michael Thaidigsmann  06.08.2026

Litauen

Bima der Großen Synagoge von Vilnius endlich freigelegt

Während die Ausgrabungen voranschreiten, geht die Debatte über die Zukunft des Ortes weiter. Soll dort ein Gemeindezentrum entstehen, ein religiöses Zentrum oder eine Erinnerungs- und Bildungsstätte?

 05.08.2026

Nachruf

Holocaust-Überlebender und Historiker Marģers Vestermanis mit 100 Jahren gestorben

Seine Eltern und Brüder und weitere Angehörige werden 1941 beim Massaker von Rumbula ermordet. Er selbst überlebte als einziges Familienmitglied. Nach dem Krieg wurde er Historiker

 03.08.2026

Frankreich

Rückkehr nach Rennes

Unweit vom Dreyfus-Museum führen Schüler am Originalort den Prozess auf. Neben beeindruckenden Landschaften bietet die Bretagne auch eine Lektion in jüdischer Geschichte

von Mark Feldon  02.08.2026

Russland

Der schweigende Oligarch

Roman Abramowitsch ist immer wieder Ziel antisemitischer Propaganda. Doch er ist auch regelmäßig zu Gast im Kreml. Eine Annäherung

von Alexander Friedman  02.08.2026