Bulgarien

Die Spur der Hisbollah

Flughafen Burgas, 18. Juli 2012: ZAKA-Freiwillige aus Israel beginnen mit der Bergung der Toten. Foto: Flash 90

Bulgarien wird nie wieder sein, wie es war!», schrieb Maxim Behar wenige Stunden, nachdem am frühen Abend des 18. Juli 2012 am Flughafen Sarafovo bei Burgas ein Reisebus explodiert und fünf Israelis, der türkisch-bulgarische Busfahrer und ein mutmaßlicher Attentäter ums Leben gekommen waren. Das Attentat hält der PR-Unternehmer Behar, eine der exponiertesten Stimmen der bulgarischen Juden, für die größte Tragödie im Bulgarien der vergangenen 20 Jahre. «Und das in einem Land, das seine jüdischen Brüder und Schwester vor den Todeslagern bewahrte», so Behar im Online-Portal Novinite.

Die folgenden Wochen schienen Maxim Behars düstere Prophezeiung zu widerlegen. Kaum waren die bedauernden Worte über das Schicksal der Getöteten und die Trauer ihrer Hinterbliebenen gesprochen, begann eine rege bilaterale Reisediplomatie mit dem Ziel, Normalität herzustellen. «Mein Besuch hier ist ein Zeichen, dass die Israelis trotz gegen sie verübter Grausamkeiten weiterhin normal leben und ohne Furcht reisen, wohin sie wollen», sagte Israels Tourismusminister Stas Misezhnikov fünf Tage nach dem Attentat in der Synagoge von Sofia. Eine Woche später bewarb sein bulgarischer Kollege Deljan Dobrev in Israel das Reiseland Bulgarien.

Die üblichen politischen Ränkespiele verdrängten das Thema «Attentat Burgas» schnell aus dem Fokus des öffentlichen Interesses. Nur gelegentlich gewann es kurzfristige Aktualität, wenn Journalisten Bulgariens Innenminister Tsvetan Tsvetanov nach dem Stand der Ermittlungen fragten. «Erst wenn die Untersuchung abgeschlossen ist und wir eindeutige Beweise haben, werden wir die Schuldigen benennen», lautete seine Standardantwort. Es war dies die ehern behauptete Position der bulgarischen Regierung noch bis Mitte Januar.

Annahme Am Dienstag vergangener Woche sprach Minister Tsvetanov aber plötzlich über die «begründete Annahme – und ich möchte wiederholen – begründete Annahme, dass zwei der identifizierten Attentäter dem militärischen Arm der Hisbollah angehören». International wurde dies als Bestätigung der von Israel und den USA bereits unmittelbar nach dem Attentat behaupteten Urheberschaft der Hisbollah interpretiert. Die Forderung, die EU müsse die schiitische Organisation auf die Terrorliste setzen, damit deren Vermögen in Europa eingefroren wird, schienen bekräftigt.

Manche zweifeln allerdings daran, dass der von Tsvetanov präsentierte Ermittlungsstand ausreichend fundiert ist. Während die Identität des bei der Explosion getöteten vermutlichen Attentäters weiterhin unbekannt ist, konnten die Namen von zwei Komplizen laut Tsvetanov ermittelt werden. Einer von ihnen soll einen australischen, der andere einen kanadischen Pass haben, und beide sollen sich seit 2006 beziehungsweise 2010 im Libanon aufhalten. Auch sei in Beirut der Drucker ermittelt worden, mit dem die gefälschten Führerscheine hergestellt wurden, die die Attentäter während ihres Aufenthalts in Bulgarien benutzten.

Ein Foto, das Verwandte eines der Verdächtigen zusammen mit Hisbollah-Angehörigen zeigt, und eine festgestellte Überweisung der Hisbollah auf ein Konto eines der Männer sind die wichtigsten Indizien, auf die Tsvetanov seine Annahme stützt.

Die Namen der angeblich identifizierten Verdächtigen nannte Tsvetanov nicht, auch keine Einzelheiten zu dem in Beirut gefundenen Drucker oder zu der ermittelten Geldüberweisung. Er blieb bei seinen Ausführungen so vage, dass Zweifel an ihrer Stichhaltigkeit aufkamen. «Die Untersuchung dauert offensichtlich an», urteilte der frühere sozialistische Ministerpräsident Sergej Stanischev. Die Regierung, so kritisierte er, gefährde auf Druck Israels die nationale Sicherheit und bringe das bulgarische Volk in Gefahr. Generalstaatsanwalt Sotir Tsatsarov relativierte Tsvetanovs «begründete Annahme»: Vor Gericht hätten die ermittelten Indizien keine Beweiskaft, sagte er.

Internet Die jüdische Journalistin Tatiana Vaksberg hält eine Schuld der Hisbollah am Attentat zwar für möglich, kritisiert aber die bulgarischen Behörden für ihre Ermittlungsführung und Minister Tsvetanov dafür, wie er deren vorläufige Ergebnisse publik machte. «Das Problem der bulgarischen Regierung ist, dass sie unbedingt will, dass man sie ernst nimmt», schrieb Vaksberg in dem Online-Medium Glasove.

Der Präsident der Sofioter B’nai-B’rith-Carmel-Loge, Solomon Bali, begrüßte dagegen das Hisbollah-Verdikt. In der Jerusalem Post äußerte sich Bali aber besorgt über wachsende Spannungen gegenüber der jüdischen Minderheit in Bulgarien. Es sei nicht schön, in Internetforen zu lesen, Bulgarien habe «wegen der Juden und Amerikaner» die Hisbollah für verantwortlich erklärt und dass dies den Terrorismus ins Land bringe.

Bonn/Berlin

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