Jüdische Emigration

Die Niederlande - Ein Ort der Zuflucht für Juden?

Das Haus in der Prinsengracht, in dem sich Anne Franks Familie verstecken musste. Foto: imago images/Richard Wareham

Otto Frank machte sich keine Illusionen über die neuen Zeiten, die nach der Machtergreifung der Nazis 1933 anbrachen. Er organisierte zügig die Übersiedlung in die als sicher eingeschätzten Niederlande, wo er in Amsterdam mit seiner Frau Edith und den Töchtern Margot und Anne ein neues Zuhause am Merwedeplein fand.

Die Familie Frank ist heute vielleicht die bekannteste jüdische Emigrantenfamilie in den Niederlanden. In katholischen Kreisen fällt dann auch der Name der jüdischen Philosophin Edith Stein, die als Nonne den Ordensnamen Teresia Benedicta a Cruce annahm. Nach den Novemberpogromen 1938 suchte sie mit ihrer Schwester Rosa Schutz in dem Karmeliterkloster in Echt. Beide Familien waren kein Einzelfall, ganz im Gegenteil. Die in Berlin lebende Historikerin Christine Kausch hat das Leben jüdischer Flüchtlinge in den Niederlanden unter dem Titel »Zuflucht auf Zeit« untersucht.

Die Niederlande waren bei den Flüchtlingen begehrt, weil sie als sicher eingeschätzt wurden. Kausch zitiert eine Studie, die von etwa 24.000 jüdischen Flüchtlingen aus Deutschland in den Niederlanden ausgeht sowie von rund 11.000 weiteren Menschen, die sich nur einige Tage dort auf Durchreise aufgehalten haben sollen. Die bevorzugten Auswanderungsziele waren jedoch die USA und das britische Mandatsgebiet Palästina sowie nach 1938 vor allem Großbritannien.

Das Leben in der Emigration - eine Herausforderung

Kausch geht insbesondere der Frage nach, wie sich das Leben der Flüchtlinge gestaltete. Die Antwort ist nicht einfach, denn nach ihren Erkenntnissen kam es darauf an, wann die Menschen in den Niederlanden ankamen und ob sie Fuß fassen konnten. Älteren Emigranten fiel es nach ihrer Erkenntnis schwerer, sich dem Neuen zu öffnen als das bei Jüngeren der Fall war.

Der Staat machte es ihnen nicht leicht, denn gerade die Akademiker unter den Flüchtlingen konnten aufgrund gesetzlicher Bestimmungen kaum noch ihren erlernten Beruf ausüben. Sie mussten sich oft genug neu orientieren. »Aus Juristen und Ärzten wurden nun etwa Restaurantbesitzer, Weinhändler oder Holzimporteure«, sagt Kausch.

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Die Wahl des Wohnortes spielte nach Angaben der Historikerin eine wichtige Rolle im Hinblick auf Lebensqualität und Integration. Amsterdam war der beliebteste Ort für deutsche Flüchtlinge, denn dort konnten sie andere Menschen mit einem ähnlichen Schicksal treffen und fühlten sich weniger allein oder entwurzelt. Bereits um den Jahreswechsel 1940/41 erwies sich jedoch die Wohnortwahl als Nachteil, weil die Amsterdamer Juden zur Zielscheibe der Nationalsozialisten wurden, bevor die Verfolgung an anderen Orten spürbar wurde.

Von der Zuflucht auf Zeit zur Todesfalle

Für die meisten Flüchtlinge stellte der Aufenthalt in den Niederlanden nur eine Zuflucht auf Zeit dar, stellt die Autorin fest. Viele versuchten aus verschiedensten Gründen weiterzuwandern, sei es, weil sie Schwierigkeiten hatten, sich eine neue Existenz aufzubauen, oder weil ihnen die drohende Kriegsgefahr eine Emigration in ein außereuropäisches Land geraten sein ließ. Letzteres wurde allerdings zusehend aussichtslos. »Die Niederlande entwickelten sich daher gegen Ende der 1930er Jahre mehr und mehr zu einem Wartesaal, in dem die Menschen festsaßen - ohne Zukunftsperspektiven vor Ort und mit geringen Chancen wegzukommen«, so die Historikerin.

Als die deutsche Wehrmacht im Mai 1940 die Niederlande überfiel, saßen die Juden endgültig in der Falle, nicht nur die Flüchtlinge aus Deutschland. Sie allerdings gerieten zu Beginn der Verfolgung besonders ins Visier der Besatzungsmacht. Das führte zu einem falschen Gefühl der Sicherheit für niederländische Juden, während die Emigranten sich nach Möglichkeiten umsahen, der Verfolgung zu entgehen, in der Regel jedoch ohne Erfolg, so Kausch.

Im Juli 1942 begannen die Deportationen in die Vernichtungslager. Insgesamt wurden knapp 103.000 Juden aus den Niederlanden ermordet. Das entspricht rund 75 Prozent der jüdischen Bevölkerung. Nur osteuropäische Länder wie Polen oder Gebiete wie das Baltikum wiesen noch höhere Vernichtungszahlen auf. Der sicher geglaubte Zufluchtsort wurde zur Todesfalle.

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