Bolivien

Die Luft wird dünn

Die Blumenkübel dienen als Sperre gegen mit Bomben präparierte Autos. Sie sind vor fast jeder Synagoge in Lateinamerika zu finden«, erklärt Ricardo Udler, Präsident des Circulo Israelita, der jüdischen Dachorganisation des Landes, und schreitet auf die Eingangstür zu. Dann hält er seinen Ausweis an ein Lesegerät, und im nächsten Moment öffnet sich die schwere, mit einer Maserung verzierte Stahltür, um den Weg ins Innere des jüdischen Zentrums von La Paz freizugeben.

Sicherheit wird großgeschrieben, und von außen wirkt das rechteckige Gebäude mit seinen vergitterten Fenstern, den Kameras und den Polizisten, die davor Wache halten, wie eine Trutzburg. Innen hingegen wartet ein schöner ruhiger Hof mit Tennis‐ und Kinderspielplatz auf den Besucher. Dort hat die Gemeinde auch die Gedenktafeln aus den 30er‐Jahren anbringen lassen, die aus der alten Synagoge hierher überführt wurden. »Was sollten wir paar Leute noch mit so einem großen Haus?«, fragt Udler und schüttelt lächelnd den Kopf mit den zurückgekämmten grauen Haaren.

umzug Vor fünf Jahren zog das Direktorium der Gemeinde die Konsequenzen und suchte ein neues, deutlich kleineres Zentrum. Im Süden, im Stadtteil Obrajes, wurde sie fündig. Hierher, in die reicheren Bezirke, hat sich ohnehin das Gemeindeleben verlagert, weil das Gros der Juden dem Norden von La Paz den Rücken gekehrt hat. »Ich lebe zwar immer noch hier oben, nahe der Universität, wo sich früher auch unser Circulo befand, aber das Viertel verkommt immer mehr«, meint Susan Ajke missbilligend.

Sie ist mit 82 Jahren eine der Ältesten in der Gemeinde. Gemeinsam mit ihrem Sohn gehört sie zu den regelmäßigen Betern der Synagoge in der Calle Primero in Obrajes. Ajke kämpfte in Frankreich im Widerstand gegen die Nazis und kam 1947 über Chile nach Bolivien. »Das ist meine zweite Heimat geworden. Und obwohl wir immer weniger hier werden, will ich nicht mehr weg«, sagt die rüstige Frau mit dem weißen Haarschopf.

Das Gleiche gilt für die acht Frauen und ein gutes Dutzend Männer, das sich am Freitagabend in der Synagoge eingefunden hat, um dem Rabbiner Luis Brandis zu lauschen. Auffällig ist, dass die gesamte Gemeinde die hebräischen Gebete beherrscht. »Bei den rund 70 Mitgliedern der konservativen Gemeinde Cochabamba und den etwa 150 Mitgliedern der Reformgemeinde in Santa Cruz ist das allerdings nicht mehr so«, räumt Ricardo Udler auf Nachfrage ein.

Nachwuchs aus den eigenen Reihen gibt es kaum noch. Der 57‐Jährige denkt daher gemeinsam mit dem Direktorium darüber nach, wie die Schule der Gemeinde veräußert werden kann. »Unter den 290 Schülern befindet sich gerade noch ein einziger Jude. Wir brauchen derzeit eher ein Altersheim als eine Schule, denn es gibt nur noch zehn Kinder in unserer Gemeinde«, erklärt Udler mit bitterer Miene.

Abwanderung Die jungen Gemeindemitglieder orientieren sich eher in Richtung Ausland. Seine eigenen Kinder sind dafür das beste Beispiel. Die beiden Söhne leben mittlerweile in Israel beziehungsweise Panama, und die Tochter, die in La Paz geboren wurde und aufwuchs, macht derzeit in New York Karriere – typische Biografien. »Die Jungen gehen zum Studieren ins Ausland und kommen dann schlicht nicht mehr wieder«, erklärt Josef Epelbaum.

Denn auch seine drei Töchter leben mittlerweile im Ausland. Der kleine Mann mit dem schütteren Haupthaar wurde in Polen geboren, kam mit sieben Jahren nach Bolivien und spricht noch ein sauberes Jiddisch. So überrascht es kaum, dass zum Schabbatgottesdienst heute gerade noch ein einziger junger Mann im Minjan auszumachen ist.

Die großen Tage der traditionsreichen Gemeinde sind schlicht vorbei. Erste jüdische Spuren gehen zurück auf das 16. Jahrhundert. Noch in den 70er‐Jahren des vergangenen Jahrhunderts zählte die bolivianische Gemeinde annähernd 1.500 Mitglieder – heute sind es maximal 400, davon 180 in La Paz. Die Mehrheit von ihnen ist bereits im Pensionsalter.

Flucht Udlers Vater kam zu Beginn der 30er‐Jahre aus Odessa hierher, seine Mutter 1948. In La Paz schließlich endete die jahrelange Flucht der beiden vor den Nazis. Deshalb war die Mutter auch so entsetzt, als sich ihr Sohn zu Beginn der 80er‐Jahre entschied, seine Ausbildung zum Mediziner ausgerechnet in Deutschland fortzusetzen. »Ich habe in Gelsenkirchen meinen Facharzt gemacht, meine beiden Söhne sind dort geboren, und 1987 bin ich dann nach La Paz zurückgekehrt«, erklärt der sympathische Arzt mit dem sorgsam gestutzten grauen Vollbart.

Viele Mitglieder der Gemeinde haben deutsche Vorfahren, mehrere sprechen noch einige Brocken Deutsch und sind froh, dass ihre Eltern von der Regierung in La Paz damals mit offenen Armen aufgenommen wurden. 15.000 Visa wurden ausgegeben, viele davon dienten der Weiterreise nach Argentinien oder in die USA.

Beziehungen »Auf 4.000 Meter Höhe, in der dünnen Luft, wollten nur wenige leben«, stichelt Susan Ajke. Sie kam mit 16 Jahren nach Bolivien. Doch die Höhe ist nur ein Grund, weshalb kaum ein Jude aus Venezuela oder Argentinien nach La Paz zieht. Es hat vor allem politische Gründe. »Evo pflegt keine Beziehungen zu Israel«, erklärt Udler die Situation. Mit Evo ist Evo Morales, der Präsident Boliviens, gemeint. Der stellt sich eher mit Venezuela und dem Iran gut.

Und das ist genauso wenig in jüdischem Interesse wie die Wirtschaftspolitik des Landes. Die nämlich spricht sich für den Sozialismus und gegen das kapitalistische Modell aus, was in den vergangenen Jahren dazu geführt hat, dass noch mehr Familien das Land verlassen haben. »In 20 Jahren wird es unsere Gemeinde kaum noch geben«, da ist sich Ricardo Udler sicher.

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