Nach Angaben des Bürgermeisters der ukrainischen Hauptstadt, Vitali Klitschko, erlebt die Stadt die schwerste Energiekrise seit Februar 2022. Klitschko rief die Bewohner sogar dazu auf, Kiew zu verlassen, um die Infrastruktur zu entlasten.
»Das ist wohl der härteste Blackout während des gesamten Krieges«, bestätigt Rachel Strugatsky, Lehrerin für jüdische Geschichte und Tradition an der Schule »Simcha«. »Im Winter 2023 wurde der Strom zwar auch abgeschaltet, aber nicht für zwei bis drei Tage am Stück, wie es heute in einigen Häusern der Fall ist. Zudem gab es damals nicht solch eine Kälte; aktuell sinken die Temperaturen nachts auf bis zu minus 18 Grad.«
Familie Strugatsky hat noch relatives Glück, da sie in einem Altbau mit Gasheizung wohnt. Das bedeutet, dass man zumindest Wasser erhitzen, ein Mittagessen kochen und sich notfalls einfach in der Küche versammeln und die Türen schließen kann, um nicht zu frieren.
Während der nächtlichen Luftalarme teilt sich die Familie auf: Rachel und ihre ältere Tochter bleiben in ihren Betten und ziehen sich die Decken über den Kopf. Ihr Mann und der Sohn fahren in die Tiefgarage und übernachten im Auto, wo Schlafplätze eingerichtet sind und Decken bereitliegen. Einen Schutzraum gibt es weder in ihrem Haus noch in den benachbarten Gebäuden.
Kinder müssen manchmal dreimal täglich in den Schutzraum
Viele Schüler der »Simcha«-Schule wohnen jedoch am linken Dnipro-Ufer Kiews, meist in Hochhäusern. Während eines Blackouts verwandeln sich diese Gebäude in bloße Betonkästen – ohne Licht, ohne Wärme, ohne Wasser. »Wasservorräte kann man noch anlegen, und diese Gewohnheit wird uns wohl für immer bleiben – jedes Gefäß wird gefüllt, da man nie weiß, wann es wieder fließt«, erzählt Rachel. »Sich aufzuwärmen ist jedoch viel schwieriger. Manche bauen sich provisorische Öfen aus Ziegelsteinen, aber selbst in vielen Häusern, in denen noch geheizt wird, bleiben die Heizkörper kaum lauwarm.« Aus diesem Grund erscheint kaum die Hälfte der Schüler zum Unterricht, obwohl es in der Schule selbst warm ist, ein Generator läuft und es warmes Wasser sowie Essen für die Kinder gibt.
Es ist anzumerken, dass Kiew im vergangenen Jahr tagsüber fast gar nicht beschossen wurde, während Pädagogen und Kinder heute manchmal dreimal täglich im Schutzraum sitzen müssen. Die Dauer hängt davon ab, was auf die Stadt abgefeuert wird: Bei einer ballistischen Rakete sind es 20 Minuten, doch kürzlich, als eine »Shahed«-Drohne kreiste, saß Rachel mit den Kindern bis sieben Uhr abends im Keller. Dieser Terror lässt weder Schlaf noch Lernen zu.
Kiewer tauschen »Lifehacks« aus
Gleichzeitig vergisst die jüdische Gemeinde am linken Ufer ihre Mitglieder nicht und bietet Evakuierungen in ein Sanatorium bei Schytomyr an, wo Verpflegung und Unterkunft kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Doch laut unserer Gesprächspartnerin gibt es nur wenige, die dieses Angebot annehmen. Alle Freunde, Bekannten und Kollegen Strugatskys, die Kiew 2022 nicht verlassen haben, versuchen, in ihrer Heimatstadt zu überleben. Trotz der russischen Angriffe verlieren sie nicht den Mut und tauschen neue »Lifehacks« aus.
Jeder hat seine eigene Methode zum Heizen: Manche umgeben sich mit Wärmflaschen, andere basteln Mini-Öfen mit Abzug durch das Fenster, und fast alle haben sich kleine Gaskartuschen und kompakte Campingkocher zugelegt. Viele nutzen Spirituskocher, andere Petroleumlampen. Und ausnahmslos jeder hat sich mit Powerbanks eingedeckt – das ist derzeit das beste Geschenk für einen Ukrainer. »Und dabei«, resümiert Rachel, »jammert niemand. Im Gegenteil, wir versuchen, die Illusion eines normalen Lebens aufrechtzuerhalten und zählen die Wochen bis zum Frühling und den ersten Sonnenstrahlen.«
Nicht alle sind optimistisch
Eugene Ziskind, stellvertretender Vorsitzender des Synagogenvorstands in Podil und Direktor des Verbands der jüdischen Organisationen der Ukraine, ist weniger optimistisch. Er beklagt, dass die Abschaltpläne für den Strom nicht eingehalten werden. Zudem brennen oft die Sicherungen durch, wenn nach einem langen Stromausfall alle Bewohner gleichzeitig ihre Elektrogeräte einschalten.
Man muss Elektriker rufen, doch es mangelt an Fachkräften, weshalb man auch mal zwei oder drei Tage ohne Licht dasitzen kann (in den Medien kursierte die Meldung, dass zwei Klempner, die drei Tage ohne Pause arbeiteten, an Überanstrengung starben). Die Mehrheit der Häuser ist betroffen; die alten Leitungen halten der Überlastung schlicht nicht stand. Ziskinds Familie wohnt im siebten Stock, und mit einem kleinen Enkelkind ohne Aufzug hinauf- und hinunterzusteigen, ist keine leichte Aufgabe. Und wie geht es erst denen im 15. Stock?
Dennoch kann man auch Eugene zu den »Glücklichen« zählen – in seiner Wohnung sinkt die Temperatur nicht unter 18 Grad. Ein Mitarbeiter der Matze-Bäckerei der Synagoge hat zu Hause hingegen nur 5 Grad. Der Mann musste in die Wohnung seiner Kinder ziehen, die nach Europa evakuiert wurden.
Matze-Bäckerei will wieder öffnen
Vor diesem Hintergrund wirkt die Situation in der Synagoge in Podil fast idyllisch. Der Generator läuft, alle Programme finden statt, der Minjan versammelt sich täglich, Frauen- und Jugendclubs treffen sich, und in der Jeschiwa wird gelernt. Sogar das koschere Hotel und das Restaurant sind geöffnet, auch wenn es kaum Gäste gibt. Anfang Februar plant Ziskind, mit den Vorbereitungen für das Matze-Backen zu beginnen – in besseren Jahren versorgte die Synagoge in Podil nicht nur alle Juden der Ukraine damit, sondern auch Gemeinden in fast allen GUS-Staaten sowie in Frankreich und Deutschland.
Allerdings versehen die Ukrainer heute jegliche Pläne mit dem Wort »wenn«. Wenn es keinen Beschuss gibt, wenn der Strom nicht abgeschaltet wird und so weiter. Nach Angaben des Energieministers gibt es im Land kein einziges unbeschädigtes Kraftwerk mehr.
In diesem Zusammenhang kündigte die stellvertretende Ministerpräsidentin Julija Swyrydenko die Einrichtung neuer »Unbesiegbarkeitspunkte« (Points of Invincibility) an, die über Vorräte an Wasser, Strom und Schlafplätzen verfügen sollen. Aktuell sind im ganzen Land mehr als 10.000 solcher Punkte dauerhaft in Betrieb, fast 3.000 weitere stehen bereit, um bei Bedarf geöffnet zu werden.
Ob der Frühling dem geschundenen Land den lang ersehnten Waffenstillstand bringen wird? Die Zeit wird es zeigen.