Hella Pick

Chronistin der Weltpolitik

Im vergangenen Jahr erschien ihre Autobiografie »Unsichtbare Mauern« auf Deutsch: Hella Pick Foto: Daniel Zylbersztajn-Lewandowski

Die britisch-österreichische Journalistin Hella Pick ist tot. Sie starb in der Nacht auf Donnerstag im Alter von 94 Jahren in einem Krankenhaus in London, wie der Wiener Czernin Verlag unter Berufung auf den engsten Freundeskreis von Pick mitteilte. Bei dem Verlag war 2022 ihre Autobiografie Unsichtbare Mauern erschienen. Pick galt insbesondere auf dem Feld der außenpolitischen Berichterstattung als Pionierin für Journalistinnen.

Seit 1957 arbeitete die gebürtige Österreicherin als Journalistin und hörte nie damit auf. Ihr letzter Artikel, über Israels Krieg gegen die Hamas, erschien im Januar. Dem »Guardian« zufolge habe sie noch am Mittwoch zur Mittagszeit darauf bestanden, die Nachrichten zu hören, obwohl sie schon sehr schwach gewesen sei und Probleme beim Sprechen gehabt habe.

»Hella war eine unglaubliche Kraft und Inspiration«, sagte die Chefredakteurin des »Guardian«, Katharine Viner, wo Pick 1961 ihre erste Stelle aus Auslandskorrespondentin antrat. »Sie hatte konkurrenzlos viele Kontakte, ihr Wissen über das Weltgeschehen war immens und sie war immer eisern in ihrer Entschlossenheit, die Fakten herauszufinden. Dass sie noch bis vor ein paar Wochen gearbeitet hat, ist ein Zeugnis für ihre Hingabe und Hartnäckigkeit.«

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Die 1929 in Wien geborene, mit einem britischen Verdienstorden ausgezeichnete Journalistin hat in ihrem Leben viele der ganz großen Persönlichkeiten der politischen Weltbühne getroffen. Als sie noch für das »West Africa Magazins« arbeitete, waren es Politiker wie Kwame Nkrumah, Ahmed Sékou Touré, Ndamdi Azikiwe und Léopold Sédar Senghor, die ihre Länder in die Unabhängigkeit geführt hatten. Später traf sie für die britische Tageszeitung »The Guardian« politische Giganten wie die Kennedy-Brüder, Michail Gorbatschow, Lech Wałęsa und Willy Brandt treffen.

Die in Wien geborene Journalistin traf viele der großen Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts.

Pick berichtete über die Kubakrise genauso wie über Martin Luther Kings Protestmarsch von Selma nach Montgomery und die letzten Jahrzehnte der Sowjetstaaten, wo sie unter anderem Nicolae Ceaușescu interviewte. Über ihr Leben und ihre Karriere als Korrespondentin hat sie eine Autobiografie geschrieben, die 2022 auf Deutsch erschien.

Über das Erlebte gibt sich Pick bescheiden: »Ich war einfach nur Reporterin«, sagt sie, obwohl John F. Kennedy sie einst mit offenen Armen empfing und Willy Brandt mit ihr einen langen Abend in lebhafter Diskussion verbrachte. Nein, sie habe sogar viel erlebt, das von Grund auf langweilig gewesen sei, etwa die Berichterstattung über die Reden und Erklärungen der Vereinten Nationen. Vor dem Zeitalter des Internets sei der Aufwand dabei oft immens gewesen. Für sie war ihre Anwesenheit bei wichtigen historischen Momenten des 20. Jahrhunderts nur ein »Nebenprodukt« ihres Berufs.

Die gebürtige Österreicherin floh vor den Nazis nach Großbritannien

Pick musste sich auch gegen Schicksalsschläge behaupten. Das zentrale Erlebnis ihrer Kindheit war die erzwungene Emigration. 1939 gelangte sie im Alter von elf Jahren im Zuge der sogenannten Kindertransporte nach London. Ihre Mutter war in Wien verblieben. Als diese zu ihrer eigenen Überraschung von den Vorladungen der Gestapo zurückkehrte, konnte sie der Tochter wenige Monate später folgen. Für Picks Großmutter Olga, welche die Familie nach dem Anschluss Österreichs vorsichtshalber nach Prag geschickt hatte, kam die Einreiseerlaubnis nach England jedoch zu spät. Sie wurde ermordet.

Noch im Januar besuchte Hella Pick zusammen mit Lord Alfred Dubs eine Ausstellung im Berliner Paul-Löbe-Haus zu den »Kindertransporten«Foto: Chris Hartung

Hella Pick und ihre Mutter, die das Visum auf der Grundlage einer Anstellung als Haushaltshilfe bekommen hatte, mussten zunächst getrennt voneinander leben. Doch schon bald konnte die Mutter im Haushalt des LSE-Akademikers Theodore Chorley arbeiten – weil er Apfelstrudel und andere Wiener Köstlichkeiten liebte. Pick verbrachte den Rest der Kriegsjahre auf dessen Landgut im englischen Lake District, wo ihr eine solide Schulerziehung ermöglicht wurde.

Die Tatsache, dass sie jüdisch und Flüchtlingskind war, verdrängte sie dabei. Auch während ihrer späteren Karriere als Journalistin sprach sie wenig darüber. »Ich bin bei meiner Arbeit nie bewusst als Jüdin aufgetreten, und das Thema war nie Gegenstand des Gesprächs«, erzählt sie. ja/dpa

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