Interview

»Die Angst ist hoch«

»Meiner Meinung nach ist es sicher für einen orthodoxen Juden durch die Straßen zu laufen.« Foto: dpa

Interview

»Die Angst ist hoch«

Michael Whine über Antisemitismus in Europa und die Situation in Deutschland

von Katrin Richter  26.03.2015 12:12 Uhr

Herr Whine, Samstagnacht wurde eine Synagoge in London von offenbar Betrunkenen angegriffen. Das ist nicht der einzige Übergriff in der letzten Zeit. Wie sicher sind Juden in Europa?
Das hängt davon ab, über welchen Teil des Kontinents wir reden. In Großbritannien zum Beispiel ist die Wahrscheinlichkeit, dass Gewalt gegenüber Juden ausgeübt wird, geringer als in anderen Ländern. Meiner Meinung nach ist es sicher für einen orthodoxen Juden durch die Straßen zu laufen. Das sieht in Frankreich und Belgien anders aus – auch vielleicht in Deutschland.

Der britische Premier David Cameron hat in der vergangenen Woche zusätzlich drei Millionen Pfund für die Sicherheit jüdischer Gemeinden freigegeben. Hilft das?

Ja, man muss allerdings zwischen Antisemitismus und Terrorismus differenzieren. Natürlich gibt es da eine Verbindung, aber dieses Geld wurde nach einer Terrorismus-Bewertung freigegeben, die sich mit Rückkehrern aus Syrien und dem Irak befasst hat. Daraufhin wurde das Bedrohungslevel gegenüber der Jüdischen Gemeinschaft von der Polizei als hoch eingestuft.

Ist denn Geld das adäquate Mittel, um jüdische Einrichtungen vor der Bedrohung durch Antisemitismus zu schützen?

Nicht gegen antisemitische, aber gegen terroristische Bedrohung hilft es. Wir hatten bereits zwei Millionen Pfund zusätzlich bekommen. Damit werden zum Beispiel Bewacher vor jüdischen Schulen finanziert. Das beschränkte sich allerdings auf staatliche jüdische Schulen. 60 Prozent der jüdischen Kinder in Großbritannien besuchen private jüdische Schulen. Und genau die waren in diesem Fonds nicht mit einberechnet.

Wie ist denn das Feedback der jüdischen Gemeinschaft?

Die Angst, dass Juden genauso wie in Frankreich, Belgien oder Dänemark auch in Großbritannien angegriffen werden könnten, ist natürlich hoch. Die Menschen sind sehr besorgt. Und wir merken es an den vielen Anrufen, die wir auf unser Hotline bekommen, die wir für antisemitische Notfälle eingerichtet haben, bekommen

Der Community Security Trust (CST) hat 2014 eine Verdoppelung antisemitischer Taten festgestellt.
Ja, allerdings muss man dazu sagen, dass es 2013 einen Rückgang dieser Vorfälle gab. Aber 2014 sah auch schon vor dem Gaza-Konflikt schlecht aus: Weltweit gab es einen Zuwachs an antisemitischen Überfällen.

Könnte Ihr Modell des CST auch ein Modell für Deutschland sein?
Ich kann natürlich nichts empfehlen, aber mir ist bewusst, das Deutschland keine solche Organisation hat. Aus der Geschichte heraus erwarten deutsche Juden, dass sie von der Regierung beschützt werden. Auffällig ist jedoch, dass viele jüdische Gemeinden eine Art Community Security Trust haben – Deutschland ist ein besonderer Fall.

Mit dem Government and International Affairs Director vom CST sprach Katrin Richter.

Gespräch

»Israel ist stark und schützt uns«

Kommende Woche wird sie im Bundestag die Rede zum Holocaust-Gedenktag halten. Gemeinsam mit ihrem Enkel Aron Goodman spricht Tova Friedman im Interview über ihre Sicht auf Deutschland - und ihre Aktivitäten auf TikTok

von Michael Thaidigsmann  23.01.2026

Studien

Trauma, Resilienz und Lebenswille: Warum manche Schoa-Überlebende so alt werden

Die Forschung ist einem bemerkenswerten Phänomen auf der Spur: Viele Überlebende des Holocausts werden auffallend alt

 23.01.2026

Der diesjährige Lerntag "Jom Ijun" findet am 1. Februar im Gemeindezentrum der ICZ in Zürich statt.

Interview

»Wir sind in der kleinen jüdischen Welt einsam«

Der diesjährige Lerntag »Jom Ijun« beleuchtet das innerjüdische Spannungsfeld zwischen Gemeinschaft und Individualismus. Warum auch der jüdische Diskurs davon betroffen ist, erklären die Organisatoren Ron Caneel und Ehud Landau im Gespräch

von Nicole Dreyfus  22.01.2026

USA

Ein Stück Heimat

1943 gründeten Flüchtlinge aus Europa einen Stammtisch in New York. Mehr als acht Jahrzehnte war er eine Institution. Mit dem Tod einer der letzten Überlebenden aus dieser Zeit endet eine Ära

von Heidi Friedrich  22.01.2026

Ukraine

Die Kältefolter

Rund drei Stunden mit Licht und Wärme, gefolgt von etwa zehn Stunden ohne: So sieht heute der Alltag – oder vielmehr der Überlebenskampf – der meisten Kyiver aus

von Michael Gold  21.01.2026

Entscheidung

Noam Bettan startet beim ESC für Israel

Mehrere Länder boykottieren wegen Israels Teilnahme den Eurovision Song Contest 2026. Jetzt wurde entschieden, wer für das Land in diesem Jahr bei dem Musikwettbewerb an den Start geht

von Cindy Riechau  21.01.2026

Nachruf

Zum »idealen arischen Baby« erklärt: Hessy Levinsons Taft gestorben

Der Fotograf sagte Tafts Familie damals, er habe bewusst das Foto eines jüdischen Kindes eingereicht, um die Rassenideologie der Nazis ad absurdum zu führen

von Imanuel Marcus  19.01.2026

USA

Top-Cop im Dilemma

Jessica Tisch, New Yorks erste jüdische Polizeipräsidentin, bleibt auch unter dem antizionistischen Bürgermeister Zohran Mamdani im Amt – zumindest vorerst

von Katja Ridderbusch  18.01.2026

USA

Old Shul

Bundesrichter Alvin K. Hellerstein leitet das Verfahren gegen Venezuelas Ex-Präsidenten Nicolás Maduro. Er ist 92 Jahre alt und orthodoxer Jude

von Michael Thaidigsmann  18.01.2026