Entebbe

Die Aktualität von »Operation Jonathan«

Eine alte Dame umarmt ihren Enkelsohn, der das Geiseldrama in Entebbe überlebt hat am Flughafen Ben Gurion Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Entebbe liegt nicht im Gazastreifen, nicht in Israel und auch nicht in Deutschland. Aber die Stadt in Uganda ist hochaktuell.

1976 war der Flughafen von Entebbe der Schauplatz einer israelischen Aktion zur Befreiung von Geiseln. Und Admiral Daniel Hagari, Sprecher der israelischen Armee im aktuellen Gazakrieg, verglich die jüngste Befreiung von vier israelischen Geiseln in Rafah aus der Hamas-Gefangenschaft mit der Aktion von 1976: »Der Umfang der Vorbereitung war so groß wie bei der Entebbe-Operation«. Also unvorstellbar groß und höchst riskant.

Unvorstellbar groß und höchst riskant

Am 27. Juni 1976 war ein Air-France-Flug, der 248 Passagiere von Paris nach Tel Aviv bringen sollte, gekidnappt worden. Zwei palästinensische und zwei deutsche Terroristen von der PFLP (Volksfront zur Befreiung Palästinas) und von der RZ (Revolutionäre Zellen) waren bei einem Zwischenstopp in Athen an Bord gegangen. Sie zwangen die Piloten, zunächst zum Tanken nach Libyen zu fliegen und dann Uganda anzusteuern. Am 28. Juni um 15.15 Uhr landete die Maschine in Entebbe, Diktator Idi Amin empfing die Terroristen, die Geiseln wurden in den Terminal geleitet, und die ugandische Armee sicherte den Flughafen.

Derweil lief in Israel die Planung, ob und wie die Geiseln befreit werden können, auf Hochtouren. Eine Passagierin, die hochschwangere Patricia Martell mit britischer und israelischer Staatsangehörigkeit, hatte in Libyen eine Fehlgeburt vorgetäuscht und war freigelassen worden. Sie konnte dem Mossad die Zahl der Entführer und die von ihnen mitgeführten Waffen nennen. Zeitgleich beschaffte ein israelischer Ingenieur, dessen Firma einst den Flughafen von Entebbe gebaut hatte, die Pläne des Gebäudes. Und mit der kenianischen Regierung wurde über logistische Unterstützung verhandelt. Sogar Idi Amin, ein Verehrer Adolf Hitlers, wurde versucht zu kontaktieren.

Vier Maschinen unter dem Radar

Die israelische Armee flog mit vier Maschinen nach Uganda, immer nur in etwa 100 Fuß Flughöhe, wortwörtlich unter dem Radar. Ein Flugzeug war leer, um die Geiseln aufzunehmen, ein anderes brachte einen Mercedes, wie ihn auch Idi Amin nutzte, mit dem man beim Flughafengebäude vorfahren wollte.

Etliche Zeugen berichteten von einer Selektion in Nichtjuden und Juden

Trotz akribischer Vorbereitung ging die Aktion am Boden nicht ganz glatt über die Bühne. Ein ugandischer Soldat stoppte die Wagen, und Jonathan Netanjahu, der Bruder des heutigen israelischen Ministerpräsidenten, der eine Einheit zum Terminal bringen sollte, schoss. Weil der Überraschungseffekt verloren zu gehen drohte, liefen die israelischen Soldaten schnell zum Terminal, töteten zunächst drei Terroristen. Weitere Attentäter - in Entebbe waren vier weitere zum Terror-Kommando gestoßen - wurden erschossen, auch die zwei Deutschen Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann, insgesamt alle acht. Mindestens 45 ugandische Soldaten starben ebenfalls.

Doch bei der Befreiungsaktion kamen auch drei israelische Geiseln zu Tode: Jean-Jacques Mimouni, ein 19-jähriger französischer Einwanderer, Pasco Cohen, ein 52-jähriger Arzt und Schoa-Überlebender, und Ida Borochovitsch, eine Einwanderin aus der Sowjetunion. Eine weitere israelische Geisel, die 74-jährige Dora Bloch, war zwei Tage zuvor mit Erstickungsanfällen in ein Krankenhaus in Entebbe gebracht worden; nach der Befreiungsaktion haben ugandische Soldaten sie dort ermordet. Auch Jonathan Netanjahu wurde erschossen; zu seinen Ehren wurde die Militäraktion, die ursprünglich »Thunderbolt« (Donnerschlag) hieß, später »Operation Jonathan« genannt.

60 Minuten hatte die IDF für die Aktion eingeplant, nach 58 Minuten war sie abgeschlossen. Die meisten Geiseln waren gerettet.

Erinnerungen an den NS-Terror

Nach der Ankunft in Entebbe hatten die Terroristen die Geiseln in zwei Gruppen unterteilt: 148 Nicht-Israelis, die größtenteils freigelassen wurden, und Israelis, die weiter bedroht wurden. Zu dieser zweiten Gruppe gehörten nicht nur Israelis, sondern auch zwei orthodoxe Ehepaare aus den USA und Belgien sowie ein in Israel lebender Franzose. Etliche Zeugen berichteten von einer Selektion in Nichtjuden und Juden, die bei vielen Passagieren, darunter viele Schoa-Überlebende, Erinnerungen an den NS-Terror auslösten.

Entebbe gilt als Beweis dafür, dass der jüdische Staat sich auf seine eigene Kraft verlassen muss

Auch Berichte, wonach - unter Beteiligung der Deutschen Böse und Kuhlmann - eine Selektion anhand jüdisch klingender Namen stattgefunden habe, gibt es. Zugleich finden sich aber auch Zeugenaussagen, wonach nicht nach jüdischen, sondern nach israelischen Bürgern gesucht worden sei. Es gibt bis heute auch Stimmen in der deutschen radikalen Linken, die das für einen Beleg für das Fehlen von Antisemitismus bei dieser Terrortat halten, es sei doch »nur« um Antizionismus gegangen. Gleichwohl gab es sogar von der damals im Gefängnis Stuttgart-Stammheim einsitzenden Terroristin Gudrun Ensslin ein Zirkular, in dem sie schrieb, die Rote Armee Fraktion (RAF) hätte sich »beinahe davon distanziert«, nur aus bündnistaktischen Gründen habe man dies nicht getan.

»Akt der Aggression

Die internationalen Reaktionen auf die erfolgreiche Befreiung zeigen, wie viel Aktualität im Falle Entebbe bis heute steckt, auch 48 Jahre danach. Die Organisation für Afrikanische Einheit beschwerte sich 1976 beim UN-Sicherheitsrat, um Israels «Akt der Aggression» zu verurteilen, was von den USA und Großbritannien verhindert wurde. Kurt Waldheim, der UN-Generalsekretär aus Österreich, nannte die Aktion «eine schwere Verletzung der Souveränität eines Mitgliedstaats der Vereinten Nationen». Auch die DDR-Zeitung «Neues Deutschland» glaubte, einen israelischen «Aggressionsakt gegen die Republik Uganda» verdammen zu müssen.

In Israel hingegen gilt die Befreiungstat von Entebbe bis heute, ähnlich wie der Unabhängigkeits-, der Sechstage- oder der Jom-Kippur-Krieg, als Beweis dafür, dass der jüdische Staat sich auf seine eigene Kraft verlassen muss. Und zugleich gilt es als Verpflichtung, niemanden, der antisemitischem Terror ausgesetzt ist, allein zurückzulassen. Auch das zeigt die Aktualität von Entebbe.

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