Polen

Der Juden-Vermisser

Ein Stuhl bleibt leer. Foto: tesknie.com

Polen

Der Juden-Vermisser

Aktionskünstler Rafal Betlejewski verstört das Land mit seinen Graffiti

von Gabriele Lesser  25.02.2010 00:00 Uhr

Unübersehbar groß prangen die schwarzen Lettern an der Warschauer Hauswand: »Tesknie za Toba, Zydzie!« Manche Passanten verlangsamen ihren Schritt, bleiben stehen, sichtbar irritiert, und drehen sich Rat suchend um. »Ich sehne mich nach dir, Jude!« Kommt jemand den Weg entlang, deuten sie auf die Graffiti: »Ist das antisemitisch oder nicht?«

In ganz Polen steht dieser Satz plötzlich an Hauswänden und Mauern. Dort, wo normalerweise antisemitische Parolen prangen wie »Hau ab, Jude!«, »Ab ins Gas, Jude!« oder »An den Galgen, Jude!«. An diese Schmierereien haben sich die meisten Polen schon gewöhnt, auch an die hässlich hingesprühten Davidsterne oder Galgen. Gleichgültig gehen sie an ihnen vorbei. Doch der Satz »Ich sehne mich nach dir, Jude!« ist neu und zunächst verstörend.

Rafal Betlejewski ist Aktionskünstler. Der heute 41-Jährige kann sich nicht erinnern, in seiner Kindheit oder Jugend je einen Juden gesehen oder von Juden gehört zu haben. Selbst auf dem obligatorischen Schulausflug nach Auschwitz war ihm nur von Polen als Nazi-Opfern erzählt worden. »Wir verbinden das Wort ›Jude‹ fast ausschließlich mit den antisemitischen Straßen-Graffiti«, sagt er. Außerdem mit antisemitischen Witzen und der festen Überzeugung, dass »die Juden« zu viel Einfluss in den Medien hätten und ständig über den Holocaust jammerten. Mit der Zeit habe »Jude« eine so negative Konnotation in Polen angenommen, dass sich kaum noch jemand traue, das Wort auch nur auszusprechen. Schließlich wolle man nicht als Antisemit gelten. Aber das sei Unsinn. Man dürfe den Antisemiten nicht das Feld überlassen.

zuspruch Während viele ratlos vor den Graffiti stehen und nicht wissen, wie der hingesprühte Satz zu verstehen ist, melden sich immer mehr Polen bei Betlejewski, um sich neben einem leeren Stuhl fotografieren zu lassen. Manchmal liegen auf dem Stuhl ein weißes Lammfell und eine schwarze Kippa. So ließ sich der Künstler selbst vor mehreren Häusern fotografieren, in denen vor dem Krieg Juden lebten. Betlejewski sitzt da, die Beine übereinander geschlagen, doch der Stuhl neben ihm ist leer. Vielleicht kommt noch jemand. Vielleicht auch nicht. Unter dem Foto steht im Stil der Mauergraffiti der Satz: »Ich sehne mich nach dir, Jude!« Auf der Website www.tesknie.com, die am ersten Tag der Aktion noch ziemlich leer wirkte, hinterlassen immer mehr Polen ihre Fotos und persönlichen Erinnerungen an Juden aus der Nachbarschaft.

»Betlejewski geht ein großes Risiko ein«, lobt Piotr Kadlcik, der Vorsitzende des Jüdischen Gemeindebundes in Polen, den Aktionskünstler. »Es gehört Mut dazu, den Kampf mit dem Straßen-Antisemitismus aufzunehmen.« Auf die Idee selbst musste erst einmal jemand kommen. »Diese Aktion spricht auch Leute an, die in kein Museum gehen, die keine Bücher und keine Zeitungen lesen. Und das sind in Polen sehr viele Menschen.«

befremden Bella Szwarcman von der jüdischen Kulturzeitschrift Midrasz hingegen ist skeptisch: »Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Ich selbst würde den Satz ›Ich vermisse dich, Pole!‹ oder ›Ich vermisse dich, Katholik!‹ nie sagen. Mir sind solche Sätze sehr fremd.« Dennoch hält auch sie dem Künstler zugute, das Wort »Jude« aus der antisemitischen Schmuddelecke zu holen. »Ob Straßengraffiti der richtige Weg sind, weiß ich nicht. Man muss abwarten, ob sich die Antisemiten einfach so ihre Wände und Mauern wegnehmen lassen.«

Die Schriftstellerin Magdalena Tulli wiederum, die aus einer polnisch-jüdischen und italienischen Familie stammt, wirft einen eher analytischen Blick auf die Aktion: »Hier nimmt ein Pole, der Bücher über den Antisemitismus in seinem Land gelesen hat, den Dialog mit den Straßenantisemiten auf.« Viele Polen nehmen seine Aktion positiv auf. Mit dem Satz oder auch dem Stuhl könne man dem Gefühl der Leere Ausdruck verleihen, ohne sich selbst gefühlsmäßig allzu sehr zu engagieren. Nach einer Weile setzt sie hinzu: »Mein Herz schlägt nicht höher, wenn mich eine Wand anschreit: ›Ich sehne mich nach dir, Jude«.

Die bisherigen Kunstaktionen, die an das einst pulsierende jüdische Leben in Polen erinnern und auch Trauer hervorrufen sollten, liefen meist ins Leere, da es im Gedächtnis der meisten Polen keinerlei Anknüpfungspunkte mehr gibt. Betlejewskis Projekt mit seiner Mitmach-Aufforderung hingegen mobilisiert zum ersten Mal in ganz Polen Menschen, sich darüber Gedanken zu machen, ob vielleicht in dem Ort oder sogar in dem Haus, in dem man wohnt, einmal Juden gelebt haben könnten. Manche lassen sich dann mit einem leeren Stuhl fotografieren und stellen das Foto zusammen mit einer kleinen Geschichte ins Internet. Ein Jahr lang soll die Kunstaktion dauern, die am 27. Januar, dem Holocaust-Gedenktag, begann. Bis dahin wächst die Website von Tag zu Tag.

Rückkehr

Wiener Stadttempel nach Restaurierung wiedereröffnet

Nach mehr als zehn Monaten Bauzeit konnte die jüdische Gemeinde in Wien wieder in ihre Synagoge zurückkehren. Nun steht ein großes Fest an - auch zum runden Jubiläum des größten Gotteshauses seiner Art in Österreich

von Johannes Peter Senk  10.09.2026

9/11

Das Gift des Terrors

Ein Vierteljahrhundert nach den islamistischen Anschlägen auf Amerikas Zentren der Macht findet tatsächlich ein Regime Change statt. Allerdings nicht in den Täterländern, sondern in den USA. Ein persönlicher Rückblick

von Hannes Stein  10.09.2026

Schweiz

Neues Holocaust-Memorial in Bern

In Bern soll bis Ende 2027 eine Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus errichtet werden, das den Namen »Unfolded minute« trägt

von Nicole Dreyfus  09.09.2026

Emirate

Generation Golf

Dubai boomt als Reiseziel für Israelis. Doch schon vor dem Beitritt zu den Abraham-Abkommen ist eine Gemeinde gewachsen, für die der jüdische Alltag in einem arabischen Land Normalität ist

von Mark Feldon  09.09.2026

Meinung

Ein Sonntag genügt!

Was gehen uns in der Schweiz die Wahlen in Sachsen-Anhalt an? Auf den ersten Blick nicht viel. Auf den zweiten wird klar: Das Problem ist nicht nur die Partei selbst

von Zsolt Balkanyi-Guery  08.09.2026

Nachruf

Gloria Steinem: Ein Leben im Dienst der Gleichberechtigung

Die Journalistin und feministische Aktivistin starb im Alter von 92 Jahren. Mit ihrem Magazin »Ms.« veränderte sie den Blick auf Frauen nachhaltig

 04.09.2026

Schweiz

»Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen!«

Der neunjährige Nathan Hertig ist eines von 25 jüdischen Kindern des FC Hakoah Zürich, die die Profis des FC Zürich ins Stadion begleiten durften. Im Interview erzählt er von diesem Erlebnis

von Nicole Dreyfus  03.09.2026

Terezín 2050

Theresienstadt: Zwischen Gedenken und Weiterleben

Einst Habsburger Festung, dann NS-Ghetto, heute tschechische Kleinstadt: Terezín (Theresienstadt) ist Erinnerungsort und lebendige Stadt zugleich. Internationale Forscher suchen nach Perspektiven für den Spagat zwischen Vergangenheit und Zukunft

 03.09.2026

Ungarn

Jüdisches Leben nach Orbán

Die neue Regierung verspricht eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Judenhass – und Partnerschaft auf Augenhöhe

von György Polgár  03.09.2026