Niederlande

Der geteilte Himmel

Links die Lütticher Gräber: Friedhof in Eijsden Foto: Dimitri Boutylkov

Niederlande

Der geteilte Himmel

Seit rund 200 Jahren finden belgische Juden auf einem Friedhof hinter der Grenze ihre letzte Ruhe

von Pieter Lamberts  26.08.2021 13:15 Uhr

Hätten sich die Belgier 1830 nicht gegen das 1815 entstandene Königreich der Niederlande aufgelehnt, um ihren eigenen Weg zu gehen, würden sie sich wahrscheinlich noch immer mit den Nachbarn dieselbe Heimat teilen. Und die Lütticher Juden hätten ein Problem weniger. Denn sie könnten nach ihrem Tod die unbegrenzte Ruhefrist genießen.

Doch leider garantierte der belgische Staat das ewige Ruherecht nicht. Darum hat man in der »Ville Ardente«, wie Lüttich sich wegen seines aufmüpfigen Charakters gern nennt, nach der Entzweiung eine Lösung ausgetüftelt: Die Verstorbenen überqueren die Grenze zu den Niederlanden.

Dort gibt es im Dörfchen Eijsden fünf Kilometer südlich von Maastricht einen kleinen jüdischen Friedhof. Da muss für ein paar Lütticher Juden auch noch Platz sein, wird man sich gedacht haben.

Schlüsselhalter Dimitri Boutylkov, Sekretär der Hauptsynagoge von Maastricht und Einwohner von Eijsden, weiß viel über die Geschichte des kleinen Friedhofs zu erzählen, auf dem es an die 300 Gräber gibt. Er hat den Schlüssel zum Guten Ort. »Wer den Friedhof besuchten möchte, kann mich anrufen«, sagt er, »dann komme ich und öffne das Tor.« Auch wenn man bei einer Bestattung keinen Minjan zusammenbekommt, kann man Boutylkov in Anspruch nehmen.

Das geschieht nicht mehr oft, denn in Eijsden leben nur noch wenige Juden, und ein Lütticher Begräbnis gibt es nur ein- bis zweimal im Jahr. Dies sei früher anders gewesen, sagt Boutylkov. »Vor mehr als zwei Jahrhunderten waren bis zu 15 Prozent der Einwohner Eijsdens jüdisch. Sie durften nicht in Maastricht leben. Das wollten die dortigen Zünfte nicht, der Konkurrenz wegen.« Die Juden handelten mit Käse, Tabak und Gewürzen, aber auch mit Gold und Silber. Also ließen sie sich im zehn Kilometer südlich von Maastricht entfernten Eijsden nieder. Und dort brauchten sie dann auch einen Friedhof.

Graf De Geloes, der das örtliche Schloss bewohnte, übergab ihnen eine Parzelle, damit sie ihre Toten im eigenen Dorf begraben konnten. Welche Gegenleistung der Adlige dafür bekommen hat, ist nicht bekannt. Vielleicht war er ein Philanthrop.

Weil das neue Königreich der Belgier nicht die ewige Ruhefrist gewähren wollte, schaute die jüdische Gemeinde Lüttich über die Grenze, wo es in Eijsden eine jüdische Gemeinschaft gab und auch einen Friedhof.

Weil das neue Königreich der Belgier nicht die ewige Ruhefrist gewähren wollte, schaute die jüdische Gemeinde Lüttich über die Grenze, wo es in Eijsden eine jüdische Gemeinschaft gab und auch einen Friedhof. Er war groß genug und reichte auch für die benachbarten Lütticher, denen man sogar einen eigenen Teil zuwies. Man liegt bis heute getrennt: die niederländischen Juden auf der einen Seite, die belgischen mit den französischen Grabinschriften auf der anderen.

Das wird wahrscheinlich auch so bleiben, denn viel passiert auf dem jüdischen Friedhof von Eijsden nicht mehr. Er bekommt, fast wie von selbst, mehr und mehr den Status eines Denkmals. Erinnerung an eine Zeit, in der die Lütticher Juden dem europäischen Gedanken eines grenzenlosen Europas ihre ganz eigene Auslegung gaben.

Maastricht »Die meisten Eijsdener Juden lassen sich auf dem allgemeinen Friedhof in Maastricht begraben, wo es auf dem jüdischen Teil reichlich Platz gibt«, sagt Dimitri Boutylkov. »Und diejenigen Juden aus Lüttich, die hier begraben werden wollen, haben bei uns meistens Angehörige liegen.«

Doch nicht mehr viele hegen diesen Wunsch. Dies ist ein Grund dafür, dass die jüdische Gemeinde schon in den 60er-Jahren etwa die Hälfte des damaligen Friedhofs an die Kommune Eijsden verkaufte, die sich als Gegenleistung dazu verpflichtete, den Friedhof instand zu halten, erzählt Boutylkov.

Dennoch gebe es derzeit ein Problem, das ihn bedrückt: Das »Metaheerhuisje«, wie eine Leichenhalle auf Niederländisch heißt, sei baufällig und müsse dringend saniert werden, aber dies koste einiges. »Wir sammeln Spenden und versuchen, die benötigte Summe zusammenzubekommen. Denn wie wollen, dass der Friedhof der Nachwelt in einem guten Zustand erhalten bleibt.«

Irak

»Ich wurde von Idioten entführt«

903 Tage lang war die russisch-israelische Wissenschaftlerin Elizabeth Tsurkov als Geisel in der Gewalt pro-iranischer Terroristen. Dies ist ihre persönliche Feldstudie zur Brutalität autoritärer Regime

von Elizabeth Tsurkov  16.03.2026

Karin Prien

»Meine Großmutter war für die Nazis genau so eine Frau«

Die Bildungsministerin begegnet beim Besuch des Holocaust-Museums in Washington der Erinnerung an ihre eigene Familie. Und sie zieht Schlüsse für ihre heutige Aufgabe

 15.03.2026

Rotterdam

Brandanschlag auf Synagoge: Vier Personen festgenommen

Die niederländische Polizei hat am Freitag vier Personen im Zusammenhang mit dem Brandanschlag auf eine Synagoge festgenommen

 14.03.2026

Amsterdam

Explosion an jüdischer Schule

Nach einem nächtlichen Angriff auf eine jüdische Schule betonen Stadt und Regierung: Antisemitismus darf keinen Platz haben. Die Überwachung jüdischer Einrichtungen bleibt verstärkt

 14.03.2026

Rotterdam

Wieder Brandanschlag auf Synagoge - diesmal in Holland

Erneuter Terrorakt gegen die jüdische Gemeinschaft: Am Freitagmorgen wurde am Eingang des Gotteshauses der jüdischen Gemeinde Rotterdam ein Feuer gelegt

 13.03.2026

Michigan

Anschlag auf Synagoge: »Gezielter Gewaltakt gegen die jüdische Gemeinschaft«

Der Täter fährt mit einem Fahrzeug in die Synagoge »Temple Israel«. Dort wird er erschossen, bevor er Gemeindemitglieder ermorden kann

 13.03.2026

Trondheim

Vorfall vor Synagoge in Norwegen

Im norwegischen Trondheim drang ein bewaffneter Mann in die Synagoge ein. Die Polizei konnte ihn festnehmen

 13.03.2026 Aktualisiert

Michigan

Antisemitischer Anschlag: Amokläufer fährt mit Truck in Synagoge

Ein Amokläufer hat ein jüdisches Gemeindezentrum angegriffen, in dem sich auch ein Kindergarten befindet. Donald Trump spricht von einer »schrecklichen Sache«

 13.03.2026 Aktualisiert

Belgien

Steckt der Iran hinter dem Terroranschlag von Lüttich?

Ein Bekennervideo, das die Explosion vor der Lütticher Synagoge am frühen Montagmorgen zeigt, deutet auf einen islamistischen Hintergrund der Tat hin

 12.03.2026