Schweiz

Der geblendete Rebbe

Gesichter einer Jeschiwa (Collage des Autors) Foto: Roger Reiss

Im Jahr 1985 schloss die Jeschiwa »Ez Chajim« in Montreux am Genfer See ihre Pforten. Die Gründerfamilie Botschko zog nach Jerusalem, damit endete die 60-jährige Präsenz der ersten Talmudschule in der Schweiz. Raw Mosche Botschko erfüllte sich mit seiner Alija nicht nur einen Lebenstraum, sondern baute in Jerusalem eine moderne Talmudschule auf, die inzwischen bis zu 200 Studenten aufnehmen kann.

Lange vor der Schließung verbrachte ich als Jugendlicher ein Jahr in Montreux, um mein jüdisches Wissen zu vertiefen. Nie werde ich vergessen, wie ich Wochen zuvor mit den anderen 30 Schülern, dem berühmt-berüchtigten Purimspiel entgegenfieberte. Die Jeschiwa organisierte einen Chojsek-Wettbewerb, der darin bestand, dass derjenige Jeschiwabocher zum »König« erkoren wurde, der den waltenden Rosch Jeschiwa Rakow am besten parodierte.

Montreux Die schicksalhafte Wendung der Purimgeschichte, ihr glücklicher Ausgang – die Errettung des jüdischen Volkes aus drohender Gefahr in der persischen Diaspora – wurde allen voran von den Gelehrten zu einem Freudenfest verwandelt. So auch auf der Anhöhe von Montreux. Es gab keine Ausrede: Jeder Schüler war verpflichtet, einen Vortrag zu halten, und jedem wurde die Gelegenheit gegeben, sich vor einer Jury mit anderen zu messen.

Obgleich ich der Jüngste aller Schüler war, schien mir diese Aufgabe Spaß zu machen. Fieberhaft studierte ich bei jeder mir gebotenen Gelegenheit Rakows hageres Gesicht mit den auffallenden Muskelzuckungen, sei es bei seinen längeren Vorträgen oder beim gemeinsamen Essen. Trotz seines jugendlichen Alters gehörte Rakow, ein Abgesandter aus der Jeschiwa Gateshead, zum alten Schlag: ein orthodoxer Chassid in seiner reinsten Ausprägung.

spiegelbilder Als meine Kameraden, vom langen Schabbat erschöpft, bereits schliefen, schlich ich mich ins Badezimmer und bereitete mich auf meinen Auftritt vor. Ich imitierte einige Tics des Rebben, die stark übertrieben zu eigentümlichen Grimassen ausarteten. Beim Erblicken dieser verzerrten Spiegelbilder fragte ich mich, was ich mir da einbrockte. Für das erdachte Finale schlüpfte ich in meine klobigen Winterschuhe und tanzte im Stil des Rebben, bis ich nach einigen Runden auf dem glitschigen Kachelboden ausrutschte.

Nach diesem nächtlichen Intermezzo schlich ich mich ins Schlafzimmer zurück, zog meine Schuhe aus und legte mich ins Bett. Von einer geruhsamen Nacht konnte keine Rede sein. Mein Stubenkamerad stöhnte im Schlaf, murmelte von einem Karakof, der ihm anscheinend auch auf den Wecker ging, doch nach einigem nervösen Zucken drehte er sich auf die Seite und schnarchte unruhig weiter.

Spazierstock Der große Tag stand vor der Tür. Nachdem man mich mit meinem hebräischen Vornamen Elieser zum Almemor gerufen hatte, hängte ich mir einen langen Mantel um und setzte mir einen zwei Nummern zu großen Schtrejml auf, den ich draußen am Eingang in der Garderobe auf dem Hutständer gefunden hatte. Gemächlich nahm ich einen Spazierstock in die Hand und ging bedächtigen Schrittes zum Rednerpult. Schulmeisterlich klopfte ich mit einem Stock auf eine Metallstange und rief mit strenger Stimme auf Hebräisch: »Scheket, Scheket, bewakascha! – Ruhe im Saal!« Mein autoritäres Gehabe zeigte sofort Wirkung.

Der Rebbe, der auf seinem Ehrenplatz saß, zwinkerte mir zu, endlich zu beginnen. Ich schlug einen der mitgebrachten Talmudbände auf, setzte Rakows zweite Hornbrille auf und begann, meine Ausführungen in der fest einstudierten Talmudsprache der Frage-und-Antwort-Dialektik herunterzuleiern. Völlig überrascht staunten meine Lehrer über meine wendigen Interpretationskünste, die Stimmung war zum Besten.

Glücksbringer Mitten im Vortrag legte ich meinen Mantel ab, unter dem ein funkelnder Anhänger, ein von Strass bestückter Magen David hervorstach, der an einer Kette hin und her bammelte. Mein Glücksbringer schaffte Wunder: Als ich mich leicht nach vorn bückte, blendete ich den Rebben mit dem glitzernden Schmuckstück – so stark, dass er seine Augen schloss und nach kurzer Weile dahin döste. Ein Raunen ging durch den Saal.

»It’s now or never«, sagte ich mir im Stillen. Mit gedämpfter Stimme kürzte ich meine Ausführungen und schloss mit einem Appell: dass wir nächstes Jahr an Purim – Maschiach hin, Maschiach her – alle zusammen an der kostümierten Parade in Tel Aviv mitmachen sollten.

Gekicher Ein nervöses Gekicher ging durch die Reihen. Meine zionistische Ader war geplatzt: Ich wollte nicht mehr auf den erlösenden Maschiach warten, um nach Israel auszuwandern. Doch allein dieser Gedanke war dem Rebben offenbar zu viel. Der Einzige, der von Weitem alles verfolgte, war der schmunzelnde Botschko, doch versteckte er sich lieber hinter seinen starken Brillengläsern.

Kaum hatte ich meinen Wunsch ausgesprochen, machte ich mich, aus Furcht vor Rakows Repressalien, aus dem Staub. In Sekundenschnelle war das Rednerpult leer. Mit der eingebrochenen Stille kippte die Stimmung. Mein aus Jerusalem stammender Lehrer Raw Stern half mir aus der Patsche und stimmte ein chassidisches Tanzlied an, das den verschlafenen Rebben in die komfortable Realität des Purimspiels zurückholte. Arajngefaln in meine Purim-Meschugassen tanzten meine Chawejrim laut singend die rechte Hand auf der Schulter des Vordermanns. Sie bahnten sich einen Weg durch die Gänge, bis die holprige und immer wieder stockende Raupe kläglich auseinanderfiel.

Siegerpose Dann wurden wir alle zur Preisübergabe zurückgepfiffen. Die Jury, allen voran Raw Stern, erklärte mich für das Jahr 5722 einstimmig zum Nachahmer-König. Der Rebbe schüttelte seinen Kopf, doch ließ er es damit bewenden. Meine Kameraden hieften mich zu sechst auf einen Stuhl, auf dem ich mich – mit herrlicher Sicht auf den Genfer See – in triumphierender Siegerpose sonnte.

Unter lautem Beifall überreichte mir die Jury eine importierte Flasche Carmel-Rotwein. Unser Koch, der klein gewachsene Gefen, öffnete die Flasche und schenkte mir in einen silbernen Becher den Wein ein, und ich kippte ihn – man ließ mir keine andere Wahl – in einem Zug hinunter, was die spaßige Gesellschaft reichlich belustigte.

Am Tag darauf war dieses Einmal-im-Jahr-Purim-Gelächter, für welches die europäischen Talmudschulen lange vor der Schoa berühmt waren, verstummt. Will man heute einem solch amüsanten Spektakel beiwohnen, kann man es in der von Mosche Botschkos Sohn geführten Jeschiwat »Heichal Elijahu« tun. Zwar sind die Akteure, 50 Jahre danach, nicht mehr dieselben, doch treibt das unberechenbare Purimspiel in all seiner Dynamik weiterhin Blüten.

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