Tschechien

Das Vermächtnis bewahren

Terezín – Theresienstadt: eine Gedenkstätte inmitten in einer bewohnten Stadt Foto: Kilian Kirchgessner

An jenem Tag, an dem er seine Hochzeit feierte, liefen viele Fäden zusammen, die im Leben von Jan Roubinek eine Rolle spielen, in seinem privaten wie im dienstlichen: Er heiratete in der alten Synagoge von Luze, dem ostböhmischen Ort, in dem er seine Kindheit verbracht hatte. »Es war die erste jüdische Hochzeit seit 1940, die dort gefeiert wurde«, sagt er im Rückblick auf jenen Tag im Jahr 2010. Das letzte Paar, das mehr als 70 Jahre zuvor dort geheiratet hatte, kam kurz darauf mit seinem kleinen Kind in Theresienstadt ums Leben – in jenem Konzentrationslager, an das heute die Gedenkstätte erinnert, die Jan Roubinek leitet.

Roubinek, 47 Jahre alt, sitzt an seinem Schreibtisch, auf dem sich Unterlagen stapeln. »Wir haben gerade richtig viel zu tun«, sagt er und hebt entschuldigend die Achseln. Vor anderthalb Jahren ist er in dieses Büro mit seinen dunklen Holzmöbeln gezogen, davor saß er mehrere Jahre lang eine Etage weiter unten im Gebäude, er leitete die Dokumentations­abteilung.

Die viele Arbeit, die er derzeit als Direktor der Gedenkstätte hat, liegt nicht zuletzt an der Schlagzahl, die er vorlegt: Er will die ganze Institution nach und nach modernisieren, will neue Schwerpunkte setzen und vor allem eine Verbindung schaffen von der Vergangenheit, die in der Gedenkstätte dokumentiert wird, zu den Problemen der Gegenwart.

Eines seiner Hobbys wird Roubinek bei der Aufgabe sicher helfen: Er ist Marathonläufer – eine gute Voraussetzung für die Arbeit, deren Vorzeichen sich gerade radikal ändern, denn Ausdauer wird er dafür in jedem Fall brauchen.

kommunisten »Man könnte die Vergangenheit unserer Gedenkstätte in drei Etappen einteilen«, sagt Roubinek. »Zunächst war da die Zeit unter den Kommunisten, die die Gedenkstätte als Mittel des politischen Kampfes instrumentalisierten. Um die Schoa ging es eher am Rande, umso stärker wurden dafür die Widerstandskämpfer aus den Reihen der Kommunisten in den Vordergrund gestellt.« Beispielhaft zeigte sich das in den Gebäuden, die mitten im einstigen jüdischen Ghetto lagen – hier war in den 80er-Jahren eine lobhudelnde Ausstellung über die kommunistische Polizei untergebracht.

Das änderte sich mit der politischen Wende, die für die Gedenkstätte in Theresienstadt die nächste Epoche einläutete. Im Vordergrund steht seither, die Überbleibsel zu sichern, die an die Zeit als Ghetto und Konzentrationslager erinnern.

27 Jahre lang oblag diese Aufgabe Jan Munk, dem Vorgänger von Jan Roubinek als Gedenkstättenleiter, der heute Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Prag ist. »Er hat tatsächliche Pionierarbeit geleistet«, sagt Roubinek anerkennend. Und jetzt, unter der Führung von Jan Roubinek, bricht in der Gedenkstätte die dritte Phase an, wiederum befeuert durch die politische Entwicklung.

»Jetzt, wo unsere Gesellschaft so gespalten ist, ist es nur eine Frage der Zeit, bis man versucht, die Geschichte neu zu interpretieren«, fürchtet Roubinek. In den 90er-Jahren sei die tschechische Gesellschaft in ihren Meinungen und ihrer Weltanschauung weitgehend homogen gewesen. Die Abkehr von der Vergangenheit und die Hinwendung zu demokratischen Werten sei das vorherrschende Thema gewesen.

Extremisten Derzeit aber bekommen Extremisten von Rechtsaußen im Land starken Zulauf, sie stellen sogar den stellvertretenden Präsidenten des Abgeordnetenhauses in Prag. Ein Parlamentarier dieser Partei bezeichnete vor einiger Zeit das Konzentrationslager im böhmischen Ort Lety, das die Nazis als »Zigeunerlager« eingerichtet hatten, als »Pseudokonzentrationslager«.

Jan Roubinek schüttelt den Kopf. »Wenn das in den 90er-Jahren jemand gesagt hätte, wäre er sofort als freilaufender Verrückter eingestuft worden.« Dass er gegen solche Positionen Stellung bezieht und etwa auch seine Kollegen vom Museum für Roma-Kultur in der öffentlichen Debatte verteidigt – das sieht er als eine der wichtigen Aufgaben seiner Gedenkstätte an: »Wir wollen ein Leuchtturm sein!«

Dieser Anspruch ist manchmal eine Gratwanderung. Das weiß Jan Roubinek. Deshalb schiebt er auch gleich den Satz hinterher, dass er kein Politiker sei und die Gedenkstätte keine Politik mache. Aber: »Das Vermächtnis von Theresienstadt wollen und werden wir bewahren.« Und dazu gehöre eben bisweilen eine Einmischung in den öffentlichen Diskurs. »Wenn manche versuchen, eine Debatte darüber herbeizuführen, ob es den Holocaust gegeben hat oder nicht, dann ist einfach Schluss!«

familienfotos Viele seiner Vorfahren und Familienmitglieder sind in den Konzentrationslagern der Nazis ums Leben gekommen. »Über einem geflochtenen Korb mit Familienfotos bin ich Historiker geworden«, sagt Jan Roubinek.

In dem Städtchen Luze ist er in Sichtweite der Synagoge aufgewachsen, in der er später heiratete. Das Elternhaus steht in einer Gasse, die einst zum jüdischen Ghetto gehörte. »Von früh auf hatte ich Respekt vor meinen Vorfahren; vor dem, was sie während der Schoa erlebt haben«, erzählt Roubinek. »Aber bis ich 16 Jahre alt war, hatte ich nicht das Gefühl, dass ich ein Teil davon bin. Wir haben zu Hause die jüdischen Feiertage nicht begangen, ich hatte zum Judentum eine passive Beziehung – teilweise sicher auch aus Unkenntnis.«

Viele seiner Vorfahren sind im KZ ums Leben gekommen.

Das änderte sich nach der politischen Wende: Roubinek, der 1989 Abitur machte, stand die Welt offen. Er ging nach Israel, wo er an der Universität Tel Aviv Geschichte studierte mit einem Schwerpunkt auf dem Nahen Osten. Danach lebte er lange in Großbritannien und Frankreich – »17 Jahre im Ausland, bis ich 2011 wieder nach Tschechien kam«.

Die Krankheit seines Vaters war damals der Anlass für die Rückkehr. Jan Roubinek heiratete, zog in die Nähe von Theresienstadt, schrieb sich für ein weiteres Studium an der Prager Karls-Universität ein und bekam eine Stelle in der Gedenkstätte. In kürzester Zeit lebte er sich in der alten Heimat wieder ein. Heute hat er zwei Kinder und ist Mitglied der jüdischen Gemeinde in Prag.

Festungsstadt Die Arbeit der Gedenkstätte Theresienstadt ist auch deshalb so kompliziert, weil sie nicht in einem abgeschiedenen Denkmal stattfindet, sondern mitten in einer bewohnten Stadt.

Im 18. Jahrhundert wurde Terezín – so der tschechische Name von Theresienstadt – von der österreichischen Armee als Festungsstadt angelegt. Tiefe Gräben ringsum und die mächtigen Festungsmauern waren damals der neueste Stand der Wehrtechnik. Im Innern der befestigen Anlage reihen sich Kasernengebäude und Offiziershäuser aneinander, in der Mitte gibt es einen großen Marktplatz mitsamt Rathaus und Kirche.

Die Nazis erkannten, wie gut sich diese besondere Anordnung für ihre Zwecke missbrauchen ließ: In einem Teil der Festungsanlage, die heute den Sitz der Gedenkstätte bildet, richteten sie ein Gefängnis für ihre vermeintlichen Widersacher ein – mitsamt Hinrichtungsplatz. Und in der Stadt selbst nutzten sie die Gebäude und die Befestigung, um dort die Juden aus dem ganzen Land einzusperren. »Der Führer schenkt den Juden eine Stadt« – dieser zynische Leitspruch, der ursprünglich der Titel eines Propagandafilms über Theresienstadt war, stammt von hier.

Oft verlieren sich die Spuren deportierter Juden aus Tschechien und der Slowakei in Theresienstadt. Viele wurden hier ermordet, die meisten jedoch deportierte man in die Vernichtungslager im Osten.

ablehnung Nach der Schoa zog in die Festungsstadt das frühere Leben wieder ein. Heute hat der Ort rund 3000 Einwohner. Nicht alle sind glücklich über die Touristenströme, die sich Tag für Tag über die Stadt ergießen – 300.000 Besucher sind es im Jahr –, und manche würden am liebsten mit jener Vergangenheit abschließen, die in der Nazizeit spielt. Wenn die Gedenkstätte zu einer Vernissage einlädt, ist häufig kein einziger Einwohner von Theresienstadt dabei. Es ist, so wirkt es nach außen, eher ein Neben- als ein Miteinander.

Jan Roubinek antwortet auf die Frage nach dem Zusammenspiel von Stadt und Gedenkstätte diplomatisch: »Wir sind mit der Stadt im Kontakt und lösen kons­truktiv die Probleme, die uns gemeinsam angehen – derzeit etwa die Parkplatzsitua­tion.«

Mit der Stadt hat er allerdings auch im Alltag immer wieder zu tun, denn viele der insgesamt mehr als 20 Ausstellungen unter der Regie der Gedenkstätte sind über die ganze Stadt verteilt. Wegen ihrer historischen Bedeutung gehören viele Gebäude quer über das ganze Stadtgebiet zur Gedenkstätte.

Hier wartet eine der großen Aufgaben auf Jan Roubinek, denn die meisten Ausstellungen sind in die Jahre gekommen. Eine neue Vermittlung der Vergangenheit, eine zeitgemäßere Präsentation – das soll nach und nach gelingen, aber auch hier wird sich Roubineks Qualität als Langstreckenläufer erweisen müssen: Personalkapazitäten und vor allem die Budgets sind überschaubar.

beit terezín Zugleich sucht er die Zusammenarbeit mit neuen Institutionen. Mit der Forschungseinrichtung Beit Terezin in Israel etwa hat er eine Kooperation angebahnt. Eine Mischung aus Kontinuität und Neuanfang ist die Arbeit für ihn, nachdem sein Vorgänger die Einrichtung 27 Jahre lang prägte. Kontinuität vor allem personell, weil die meisten Mitarbeiter geblieben sind; und ein Neuanfang bei der behutsamen Modernisierung, die etwa in einer neuen, aufwendigen Webseite schon nach außen sichtbar ist.

Im Moment verhandelt Jan Roubinek mit der Stadt darüber, ein renoviertes Haus mitten in der Stadt anzumieten. Die Bildungsabteilung soll dort einen neuen Platz bekommen, denn bislang platzt sie aus allen Nähten. Zwischen 6000 und 7000 Teilnehmer pro Jahr kommen für Studienaufenthalte nach Theresienstadt, von Schulklassen bis zu Studenten. »Wir haben viel mehr Anfragen, die wir aber ablehnen müssen«, sagt Roubinek. Diese Bildungsarbeit ist indes einer der Bereiche, die er weiter ausbauen will.

Für ihn schließe sich hier in Theresienstadt der Kreis zu seiner Kindheit und Jugend, sagt Jan Roubinek. »Ich bin dankbar für das Erbe meiner Vorfahren, und jetzt ist es mir eine große Ehre, es weitergeben zu können.«

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