Frankreich

Das Problem mit Mélenchon

Kandidat von »La France Insoumise« (Unbeugsames Frankreich): Jean-Luc Mélenchon Foto: picture alliance / abaca

»Als Jude ist es mir unmöglich, für Jean-Luc Mélenchon zu stimmen«, sagt Simon der Jüdischen Allgemeinen. Er ist ein antifaschistischer Aktivist und gehört dadurch eigentlich zu Mélenchons potenzieller Wählerschaft. Doch das Gegenteil trifft zu, denn Simon versucht, die Leute davon abzuhalten, den Linkspopulisten zu wählen.

Mit seinem Twitter-Kanal Le Bolchejuif, ein Kunstwort aus »Bolschewik« und »Jude«, adressiert der Aschkenase das Antisemitismusproblem der linksradikalen Szene. Auf Twitter folgen ihm mehr als 12.000 Leute – ein Erfolg, mit dem er anfangs nicht gerechnet hat und der ihm verdeutlicht, dass er die französische Politik an einem wunden Punkt trifft.

Simons Internet-Aktivismus ist ein gefährliches Unterfangen, weshalb hier auch ein Pseudonym verwendet wird: Simon heißt in Wahrheit nicht Simon. So schützt sich der junge Aktivist vor antisemitischen Angriffen. Die Gewaltdrohungen häufen sich – von rechtsextremen Gruppen, aber auch aus seiner eigenen Szene. »Als linker Jude stößt man überall auf Feinde«, erzählt er. »Mir wird ständig vorgeworfen, den Rechtsextremisten in die Karten zu spielen, sobald ich das Thema Antisemitismus anspreche«, führt Simon fort und schließt: »Wie absurd!«

historiker Die Rechtsextremisten sind in Frankreich zurzeit so stark wie noch nie. Gemeinsam kommen die Rechtspopulistin Marine Le Pen und der Essayist Éric Zemmour in Umfragen auf knapp 30 Prozent. Letzterem wird ebenfalls Antisemitismus vorgeworfen. Dabei verweist der rechtsnationalistische Kolumnist stets auf seine jüdisch-algerischen Wurzeln. In seinen Fernsehauftritten, Büchern und Kolumnen vertritt Éric Zemmour die groteske These, Marschall Philippe Pétain habe während der deutschen Besatzung 1942 nur ausländische Juden an die Nazis ausgeliefert, um die französischen Juden zu schützen – eine These, die seriöse Historiker wie Robert Paxton weitgehend widerlegen.

Im Fernsehsender BFM TV wurde Jean-Luc Mélenchon Ende Oktober vergangenen Jahres auf den Antisemitismus seines rechtsextremen Wahlgegners angesprochen. Was für den Kandidaten Mélenchon eine willkommene Gelegenheit hätte sein können, die Franzosen von seinem Intellekt zu überzeugen, endete in einer weiteren Bestätigung seines Antisemitismus.

Die Rechtsextremisten sind in Frankreich zurzeit so stark wie noch nie.

»Éric Zemmour kann kein Antisemit sein, weil er viele (jüdische) Kulturszenarien reproduziert: ›Wir vermeiden jegliche Vermischung mit anderen Kulturen, wie abscheulich!‹ Diese Traditionen stehen mit dem Judentum in Verbindung. Und das hat seine Vorteile! Dadurch konnte (das Judentum) überhaupt erst überleben«, dozierte Jean-Luc Mélenchon im Fernsehen.

Die Antisemitismusvorwürfe ließen nicht lange auf sich warten, doch Mélenchon und seine Parteikollegen gaben nicht nach. Er nahm seine Aussage weder zurück, noch folgte eine Entschuldigung. Stattdessen vermutete der Linkspopulist wieder eine mediale Verschwörung gegen ihn.

Seine Pressereferentin Muriel Rozenfeld sagte, sie als Jüdin könne bestätigen, dass ihr Chef kein Antisemit sei, und fügt hinzu, dass sich alle schämen sollten, die ihm dies vorwerfen. Eine Interviewanfrage der Jüdischen Allgemeinen lehnt sie kategorisch ab.

trugschlüsse Muriel Rozenfelds Begründung enthält zwei Trugschlüsse, erklärt der Pariser Politologe Jean-Yves Camus und nimmt Bezug auf den Satz »Wir vermeiden jegliche Vermischung mit anderen Kulturen, wie abscheulich!«. Juden hätten sich nicht dafür zu rechtfertigen, dass sie jüdische Gemeinden haben, betont Camus. »Das Judentum in einer Gemeinde zu leben, hindert uns nicht daran, im Alltag mit den offiziellen Institutionen zu interagieren.«

In Bezug auf Muriel Rozenfeld fügt der Extremismus-Forscher hinzu, dass man nicht jemandes Antisemitismus bestreiten könne, nur weil man selbst jüdisch ist. »Das Judentum ist ja nichts Normatives. Es gibt mindestens so viele Meinungen wie es Juden gibt – was auch wiederum ein beliebter Vorwurf ist. Es gibt Juden, die Marine Le Pen und Éric Zemmour unterstützen; es gibt Juden, die antizionistisch sind; und leider auch welche, die die Schoa leugnen«, so Camus.

Der Politologe leitet das Forschungsinstitut für politische Radikalität der Jean-Jaurès-Stiftung, die der Sozialistischen Partei nahesteht. Jean-Yves Camus kennt daher viele Politiker, die Jean-Luc Mélenchon bei seinem Wahlkampf begleiten. »Ich denke kaum, dass Herr Mélenchon einen ausgeprägten Judenhass hat«, so Camus. Dass er jedoch mit antisemitischen Klischees und antizionistischen Parolen Wahlkampf betreibt, daran hat der Ex­tremismus-Forscher keine Zweifel. »Die Delegitimierung des Staates Israel ist die häufigste Form von Antisemitismus innerhalb der Linken«, sagt er.

Er betreibt Wahlkampf mit antisemitischen Klischees und antizionistischen Parolen.

Einerseits würde Juden das Recht abgesprochen, einen eigenen Staat zu gründen, und andererseits würden französische Juden bei nahezu jedem Konflikt im Nahen Osten zur Rechenschaft gezogen, meint der Aktivist Simon.

»Wenn ich das Antisemitismusproblem thematisiere, ruft immer jemand zurück: ›Ey, und was ist mit Israel?!‹ Juden können nicht für den einzigen jüdischen Staat auf der Welt verantwortlich gemacht werden, denn dadurch wird uns immer wieder vermittelt, dass wir mit Ausnahme Israels keine Heimat haben«, analysiert der junge Antifaschist. Noch weiß er nicht, wen er im ersten Wahlgang am 10. April wählen wird. Die Präsidentschaftswahl »deprimiert« ihn, sagt er.

Desillusionierung Jean-Yves Camus kann nicht nachvollziehen, warum linke Juden desillusioniert sind. »Mich würde interessieren, was er (Simon) gegen Kandidatinnen wie Christiane Taubira oder Anne Hidalgo hat!« Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo hat im Juni 2019 einen Platz im 17. Arrondissement in »Jerusalemplatz« umbenannt. Die Zeremonie fand im Beisein ihres Jerusalemer Amtskollegen Mosche Lion statt. Er ist in der konservativen Likud-Partei, sie ist Sozialistin.

Für den Politologen Camus war das ein bedeutender Friedensakt. »Zum Glück repräsentiert Jean-Luc Mélenchon nicht das gesamte linke Spektrum«, so Camus. Doch der »Bolchejuif« ist von der Sozialistin Hidalgo wenig beeindruckt. »Ihr Umgang mit den Obdachlosen in Paris ist mit meinen Moralvorstellungen unvereinbar«, antwortet Simon.

Gemäßigt linke Kandidaten haben den Umfragen zufolge wenig Aussichten auf den Einzug in den Élysée-Palast. Seit Monaten steckt Anne Hidalgo bei drei Prozent fest, Christiane Taubira bei 3,5 Prozent. Jean-Luc Mélenchon liegt hingegen stabil bei zehn Prozent. Seine antisemitischen Aussagen schaden ihm kaum. Sie sind Teil seiner Wahlstrategie.

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