Schweden

»Das ist nicht Meinungsfreiheit«

Rabbiner Moshe David HaCohen Foto: Tobias Kühn

Rabbi HaCohen, ein in Schweden lebender Ägypter wollte kürzlich in Stockholm eine Torarolle verbrennen. Wie kam es dazu?
Der Mann wollte zeigen, dass es in Schweden bei der Behandlung von Muslimen und Juden doppelte Standards gibt. Ende Januar hatte der rechtsextreme dänische Politiker Rasmus Paludan in Stockholm einen Koran verbrannt und sich dabei auf das Recht berufen, seine Meinung frei zu äußern.

Und der muslimische Mann wollte nun zeigen, dass es in Schweden nicht von der Meinungsfreiheit gedeckt wäre, wenn er eine Torarolle verbrennt?
Ja, er meldete seine Aktion bei den Behörden an, und diese genehmigten sie. Laut schwedischem Recht können die Behörden so etwas leider erlauben. Wir als jüdische Gemeinde denken aber, das Verbrennen von etwas Heiligem sollte nicht erlaubt sein – so etwas ist Hass und nicht Meinungsfreiheit.

Wie konnte er schließlich an seinem Vorhaben gehindert werden?
Führenden Vertretern der muslimischen Community ist es gelungen, ihn davon abzubringen. Eine solche Tat widerspreche dem Islam, appellierten sie an den Mann. Sie sagten ihm, dass die jüdische Gemeinschaft in Schweden ein enger Partner ist und sich für die Muslime engagiert – er könne religiöse Gefühle von Juden nicht einfach verletzen, um ein Zeichen zu setzen.

Ist diese Intervention auch der Arbeit Ihrer Organisation zu verdanken?
Ich arbeite eng mit einem Imam zusammen. Der interreligiöse Dialog findet bei uns nicht nur auf dem Podium statt, sondern wir müssen uns in Schweden mit tagesaktuellen Themen auseinandersetzen. Juden und Muslime können dabei einander helfen.

Deshalb haben Sie den Muslimen nach der Koran-Verbrennung Ihre Solidarität erklärt.
Ja, die jüdischen Gemeinden von Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland haben gemeinsam dagegen protestiert. Wir haben in vielen Zeitungen die Botschaft in die arabische Welt hinausgesandt: Die Juden stehen für die Muslime auf. Das ist ein starkes Signal, dass Antisemitismus innerhalb der muslimischen Community und in der Gesellschaft nicht akzeptiert werden sollte.

In Schweden lebt eine winzige jüdische Gemeinde neben einer großen muslimischen Community. Es kommt immer wieder zu antisemitischen Aktionen.
In Malmö leben 500 bis 800 Juden und Zehntausende Muslime. Das klingt besorgniserregend, doch die Mehrheit greift Juden nicht an. Wir von Amanah gehen in Schulen – zum Teil sind da 90 Prozent der Schüler muslimisch – und sprechen mit den Schülern über Antisemitismus. Erziehung ist wichtig. Und es ist auch sehr wichtig, was die Imame in den Moscheen sagen. Manchmal werde ich in Moscheen eingeladen. All das hilft uns Juden, zu wissen, dass wir einen Partner haben. Dies sind Fortschritte, die uns garantieren, dass wir in Sicherheit sind.

Mit dem Direktor der interreligiösen Organisation Amanah sprach Tobias Kühn.

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