Schweiz

Das Bild der anderen

Abwertende Formulierung in einem Kartenspiel (1891) Foto: privat

»Hinsichtlich der J. emancipation ist zu bemerken, dass dieselbe unmöglich gute Früchte haben kann, solange die J. J. bleiben.« So einfach wie diskriminierend lautet der Eintrag von Herders Conversations-Lexikon 1855 zum Stichwort »Jude«, für das der Buchstabe »J.« hier steht.

Diese ist eine von vielen Definitionen des Begriffes, welche die Mitarbeiter des Jüdischen Museums Schweiz in Basel aus dem Duden und aus Lexika, aber auch aus dem Internet in verschiedenen Sprachen gesammelt haben und die sie nun auf Tafeln präsentieren. Der älteste Eintrag stammt aus dem London des 18. Jahrhunderts, der jüngste ist nur wenige Monate alt.

volksmund Sehr schnell findet man Abwertendes wie die Formulierung »Jud (…) eine im Kartenspiel verkehrt liegende Karte« (zitiert aus einem Zürcher Wörterbuch von 1891), in welcher der sogenannte Volksmund offensichtlich die Eigenheit des jüdischen Volkes betont. Und nicht fehlen dürfen leider auch nationalsozialistische Begrifflichkeiten, aus deren Buchstaben sich bereits die Vernichtungsabsicht klar ablesen lässt.

Es finden sich in der Auswahl aber auch Definitionen, aus denen Respekt spricht. So steht in einer Encyclopédie, die 1765 in Neuenburg und Paris erschienen ist: »Diese Religion ist ein alter Stamm, der zwei Äste hervorgebracht hat, das Christentum und den Mahometismus (Islam).«

Alle diese Definitionen finden sich in der Ausstellung Buchstäblich jüdisch, die das Jüdische Museum Schweiz in diesen Wochen präsentiert. »Wir merken immer wieder, wie wenig Wissen teilweise über die jüdische Religion und das jüdische Volk existiert«, sagt Naomi Lubrich, die Direktorin des Museums, zum Motiv, so eine Ausstellung, die nur aus Schrift und keinen Bildern besteht, zu machen. Wer das Judentum definiert, sagt sie, der verrate immer auch sehr viel von seiner eigenen Projektionsfläche.

beispiel Dies zeigt sehr schön ein weiteres Beispiel: ein Eintrag in Meyers Neuem Lexikon, das 1962 in Leipzig, also in der DDR, erschienen ist. Dort heißt es: »Nur der erfolgreiche Kampf der Arbeiterklasse wird auch zur endgültigen Beseitigung des Antisemitismus führen.«

Gezeigt wird die kleine Ausstellung an einem sehr provisorischen Ort: im geplanten neuen Haus, welches das Jüdische Museum nach dem kommenden Umbau nahe der Basler Universität und dem Spalentor beziehen wird.

Das Spalentor war bis ins 18. Jahrhundert die Stadtgrenze. Juden, die als Händler in die Stadt kamen, mussten hier eine Sondersteuer, den sogenannten Judenzoll, entrichten, was dem neuen Standort durchaus etwas Symbolisches gibt.

UMBAU »Es war uns wichtig, der Bevölkerung der Region den neuen Ort schon jetzt näherzubringen, bevor wir den Um- beziehungsweise Neubau beginnen«, sagt Naomi Lubrich. So eine kleine »Tafel-Ausstellung«, die dennoch viel über jüdische Geschichte und den Blick von außen auf das jüdische Volk aussagt, habe sich auch ohne allzu großen Aufwand erstellen lassen.

Anfang September gab es jeden Tag kostenlose Führungen, die durch Plakate in der ganzen Stadt angekündigt wurden. Das Angebot wurde gut genutzt, liefert es doch auch einen kleinen Vorgeschmack auf 2023: Ab dann soll der Museumsneubau auf 750 Quadratmetern in einem ehemaligen, im 19. Jahrhundert erbauten Tabaklager den bisherigen Standort, der inzwischen viel zu klein und nicht mehr zeitgemäß ist, ersetzen.

Vor allem Sonderausstellungen, für die es bisher fast keinen Platz gab, können dann wieder gezeigt werden. Vielleicht wird dann auch Buchstäblich jüdisch noch einmal zu sehen sein – in einer durch Bild und Ton angereicherten Multimedia-Version.

Die Ausstellung ist noch bis zum Beginn der Bauarbeiten Ende November im Jüdischen Museum Schweiz zu sehen.

Meinung

Fertig Idylle!

Am Mittwoch sticht in der Winterthurer Innenstadt ein Mann auf vorbeilaufende Passanten ein und schreit »Allahu Akbar« – ein Weckruf für die Schweiz

von Nicole Dreyfus  28.05.2026

Warnung

Steven Spielberg will keine KI nutzen

Der Filmemacher sieht einen Platz für KI in der Medizin und in der Forschung.

 28.05.2026

Interview

»Das ist nicht normal«

Regina Sluszny überlebte die Schoa, weil sie von katholischen Belgiern versteckt wurde. Angesichts des Strafverfahrens gegen Mohalim fragt sich die Vorsitzende des jüdischen Dachverbands FJO, ob es für Juden in Belgien noch eine Zukunft gibt

von Michael Thaidigsmann  27.05.2026

Italien

Pride in Rom schließt jüdische LGBTQ-Organisationen aus

Die Organisatoren der Rome Pride Parade verbannen jüdische LGBTQ-Gruppen, die sich nicht von einem angeblichen Völkermord in Gaza distanzieren

von Nicole Dreyfus  27.05.2026

Antwerpen

Belgien: Empörung über Anklage gegen jüdische Beschneider

Wegen Anklagen gegen zwei jüdische Beschneider kritisieren jüdische Vertreter die belgischen Behörden scharf. Die European Jewish Association wirft der Staatsanwaltschaft vor, die Religionsfreiheit zu verletzen - Belgien weist dies zurück

von Marlene Brey  27.05.2026

New Jersey

Donald Newhouse mit 96 Jahren gestorben

Er war einer der einflussreichsten Medienmanager in den USA. Das Rampenlicht suchte er nur selten

 27.05.2026

Dokumentation

»Mehr Mut zu unbequemen Wahrheiten!«

Die Jüdische Allgemeine ist mit dem Tacheles-Preis ausgezeichnet worden. Hier dokumentieren wir die Dankesrede von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

von Philipp Peyman Engel  21.05.2026

Nachruf

Barney Frank mit 86 Jahren gestorben

Als liberale Stimme im Washingtoner Kongress prägte der jüdische Abgeordnete der Demokraten sowohl die Debatten über Finanzmarktregulierung als auch über die Rechte von Homosexuellen

 20.05.2026

Spanien

Mordverdacht: Sohn von Mango-Gründer festgenommen

Die Polizei in Katalonien hat Medienberichten zufolge den Sohn des Mango-Gründers und Philanthropen Isaak Andic festgenommen. Jonathan Andic war als einziger dabei, als sein Vater im Dezember 2024 einen Abhang hinunterstürzte

 19.05.2026