Brasilien

Corona-Hotspot in Südamerika

Mehr als 75.000 Menschen sind gestorben. Foto: picture alliance/AP Photo

Brasilien

Corona-Hotspot in Südamerika

Da die Gesundheitsbedingungen nicht gut sind, denken immer mehr Juden über die Auswanderung nach Israel nach

von Andreas Knobloch  23.07.2020 12:50 Uhr

Danielle Tarnovsky gehörte zu den letzten Glücklichen. Im Mai landete sie zusammen mit 22 anderen jüdischen Brasilianern in Israel, ihrer neuen Heimat.

Nach ihrer Ankunft war sie 14 Tage in Quarantäne in einem Hotel in Tel Aviv, doch mittlerweile lebt sie in Naharija im Norden Israels.
»Es gab Tausende Hindernisse, viele Menschen hätten aufgegeben, aber ich habe mein Ziel weiterverfolgt«, sagt sie. »Die Gesundheitsbedingungen in Rio de Janeiro sind nicht gut. Wir haben das Virus zurückgelassen.«

Infizierte Die Corona-Krise nimmt kein Ende in Brasilien. Nach den Vereinigten Staaten ist es das am zweitschwersten betroffene Land weltweit. Die Zahl der Infizierten nähert sich der Zwei-Millionen-Marke. Mehr als 75.000 Menschen sind aufgrund einer Covid-19-Erkrankung bereits gestorben.

Selbst Präsident Jair Bolsonaro, der das Virus lange Zeit als »kleine Grippe« abtat, infizierte sich mit Sars-CoV-2 und musste sich in häusliche Quarantäne begeben. Doch staatlichen Hygieneregeln verweigert er sich weiterhin. Stattdessen schwört er auf das umstrittene Malariamittel Hydro-
xychloroquin.

Die Zahl der Infizierten nähert sich der Zwei-Millionen-Marke.

Das Gesundheitsministerium hat er nach dem Rücktritt zweier Minister in die Hand von Militärs gegeben, die keinerlei Erfahrung in Gesundheitsfragen vorweisen können. Derweil setzen die Gouverneure im Alleingang Ausgangssperren durch. Der Streit über den richtigen Umgang mit der Pandemie vertieft die politischen Gräben im Land.

Alltag Auch der Alltag der jüdischen Gemeinde Brasiliens – nach Argentinien mit rund 120.000 Menschen die zweitgrößte des Kontinents – hat sich wie der der gesamten brasilianischen Gesellschaft durch die Pandemie verändert. Ein Krisenstab wurde gebildet, Gottesdienste finden nunmehr im Internet statt, jüdische Schulen haben auf Online-Unterricht umgestellt, und Freiwillige beliefern Gemeindemitglieder aus Risikogruppen mit Lebensmitteln und Medikamenten.

»Wir haben ein Netzwerk von Freiwilligen, die älteren Menschen beim Einkaufen helfen. Wir geben online medizinische und psychologische Hilfe, wir haben ein Sammelsystem für die Bedürftigsten«, erzählt Arnon Velmovitsky, Präsident der FIERJ, der jüdischen Gemeinde von Rio de Janeiro. Die Hilfe reiche aber über die Gemeinde hinaus.

Die Corona-Krise hat die Zahl derjenigen brasilianischen Juden, die mit dem Gedanken spielen, Alija zu machen, so wie Tarnovsky, merklich anwachsen lassen. Brasilien gehört regelmäßig zu den Top Ten der Länder, aus denen die meisten Einwanderer nach Israel kommen.

Rekordwert Im vergangenen Jahr zogen fast 700 Brasilianer nach Israel – ein Rekordwert. Seit drei Jahren in Folge sind die Zahlen nahezu konstant. Bis Mai dieses Jahres waren bereits 280 brasilianische Juden nach Israel übergesiedelt. Der Beginn der weltweiten Corona-Pandemie aber setzte ein Stoppzeichen.

»Die meisten sind sehr frustriert, weil sie bereits in Israel sein sollten. Wir können jetzt nichts Sicheres sagen, wir haben keine Kristallkugel. Es ist alles ein großes Fragezeichen«, so Sprintza Laim, Leiterin der Alija-Abteilung der Jewish Agency in Rio de Janeiro, gegenüber der Online-Zeitung »Times of Israel«.

Im vergangenen Jahr zogen fast 700 Brasilianer nach Israel – ein Rekordwert.

Die Jewish Agency for Israel ist eine gemeinnützige Organisation, die die jüdische Einwanderung nach Israel unterstützt und erleichtert. Sie erwartet, dass in diesem Jahr bis zu 1200 brasilianische Familien den Auswanderungsprozess beginnen werden. Je nach Verlauf der Corona-Pandemie in Brasilien könnten die Zahlen sogar noch steigen.

EInwanderung Auch in Israel selbst geht man von einem starken Anstieg der Einwanderung in den nächsten Jahren aus – befeuert durch Corona.

Der Vorsitzende der Jewish Agency in Israel, Isaac Herzog, sagte Anfang Juli vor einem Knessetausschuss, dass man wegen der Pandemie in den nächsten drei bis fünf Jahren mit einer Viertelmillion Einwanderern rechne, die meisten von ihnen jung und gebildet.

Sollte Herzogs Vorhersage zutreffen, wäre dies ein dramatischer Anstieg der Alija im Vergleich zu den vergangenen Jahren. Normalerweise nimmt Israel jährlich rund 30.000 Einwanderer auf.

Kommentar

250 Gründe, die USA zu lieben

Am 4. Juli 1776 wurden die Vereinigten Staaten gegründet. Eine etwas andere Liebeserklärung

von Imanuel Marcus  26.06.2026

Frankreich

Gesinnung von der Stange

Antisemitismus und eine feindliche Haltung gegenüber Israel stehen in der Modewelt hoch im Kurs. Längst gehören sie zum ideologischen Accessoire so mancher Marke

von Ute Cohen  25.06.2026

Kolumbien

Knapper Wahlsieg, dramatischer Kurswechsel?

Der knapp zum kolumbianischen Präsidenten gewählte Abelardo de la Espriella will die Beziehungen zu Israel kitten - doch de la Espriella ist wie sein Vorgänger Gustavo Petro sehr umstritten

von Michael Thaidigsmann  24.06.2026

Nachruf

Erfinder des »Greenspeak«

Alan Greenspan prägte als Chef der US-Notenbank eine 19 Jahre währende Boom-Phase der Börsen und Konjunkturen

von Philip Fabian  23.06.2026

Nachruf

Clive Davis: Der Mann, der den Sound ganzer Generationen prägte, ist tot

Der jüdische Musikmanager entdeckte und förderte Bands und Künstler wie Earth, Wind & Fire, Chicago, Santana, Whitney Houston, Barry Manilow und Barbra Streisand

 23.06.2026

Uganda

Entebbe-Entführung 1976: Debatten um Linksterror und Antisemitismus

Vor 50 Jahren entführten zwei Deutsche und zwei Palästinenser einen Airbus aus Israel nach Uganda. Dabei sollen sie Geiseln nach antisemitischen Kriterien voneinander getrennt haben. Die Tat befeuerte das Unbehagen vieler Linker mit Gewalt

von Nils Sandrisser  22.06.2026

Kommentar

Wie Holger Friedrich und seine »Berliner Zeitung« Juden instrumentalisieren

Ob in der Debatte über den Umgang mit KI oder Kreml-Diktator Wladimir Putin: Der Verleger interessiert sich nur dann für Juden, wenn es seinen Interessen dient

von Matthias Meisner  19.06.2026

St. Petersburg

Im Licht der Weißen Nächte

Die Mitternachtsdämmerung des Nordens weckt Erinnerungen an Märchen und führt unseren Autor zurück in seine Kindheit im damaligen Leningrad

von Vladimir Vertlib  18.06.2026

Schweiz

Jugendlicher plante Blutbad

Der Prozess gegen einen Schüler, der einen Juden in Zürich töten wollte, beginnt am 1. Juli. Die Anklageschrift zeichnet das Bild eines sich früh radikalisierenden Jugendlichen

von Nicole Dreyfus  18.06.2026