Großbritannien

Chuppa für alle

Kurz vor dem großen Tag: Chuppa im Freien Foto: Jason Finn @dropthepress

»Das Ziel einer für alle offenen jüdischen Bewegung steht im Mittelpunkt aller unserer Maßnahmen« – so beschreibt Rabbinerin Charley Baginsky den Hintergrund einer wichtigen Entscheidung. Baginsky ist Direktorin von Liberal Judaism, dem Verband liberal-jüdischer Gemeinden in Großbritannien.

Im vergangenen Herbst beschloss die liberale Rabbiner- und Kantorenkonferenz des Vereinigten Königreiches, dass sich Paare künftig auch dann offiziell unter einer Chuppa trauen lassen dürfen, wenn nur eine von beiden Seiten jüdisch ist. »Das ist ein symbolischer Akt«, sagt Baginsky. »Es ist die Akzeptanz und die Aufnahme des nichtjüdischen Lebenspartners und eine Bestätigung beider, gemeinsam einen jüdischen Haushalt zu führen.«

identität Das heiße jedoch nicht, dass Liberal Judaism von der nichtjüdischen Seite fordere, die eigene Identität aufzugeben. Was hier Vorrang habe, sei die Entscheidung individueller Rabbiner und Kantorinnen über wiederum individuelle Paare, erklärt Baginsky. »Es geht erst einmal darum, mit den Paaren überhaupt darüber zu sprechen, was der Zusammenschluss der beiden vorher unabhängigen Leben für sie bedeutet.« Über ihre Vorstellungen vom Leben sprächen die Paare dann oft während der Trauungsvorbereitungen, und sie schlössen Kompromisse, so Bagin­sky.

Am leichtesten gelinge dies Paaren, die auf der einen Seite jüdisch seien und auf der anderen Seite keiner Religion angehörten. »Vielen Menschen ohne Glauben sagt ein Leben nach jüdischen Werten zu.«

Wie es dann im Einzelnen aussehe, sei keineswegs von vornherein klar. Wenn beide am eigenen Glauben festhalten würden, sei es beispielsweise wichtig, vor allem Themen wie die Brit Mila anzusprechen, um spätere Konflikte zu vermeiden.

Vorbild Derartige Chuppas wie jetzt in Großbritannien gibt es seit einiger Zeit bereits in liberalen und progressiven Gemeinden in den Vereinigten Staaten. In Europa jedoch ist Liberal Judaism der erste jüdische Gemeindeverband, der diese Entscheidung getroffen hat. Segenssprüche für Ehepaare, bei denen ein Teil nichtjüdisch ist, hatte es bereits vorher gegeben.

Derartige Chuppas wie jetzt in Großbritannien gibt es seit einiger Zeit bereits in liberalen und progressiven Gemeinden in den Vereinigten Staaten.

Was es für diese Ehepaare dennoch auch heute noch nicht gibt, ist die eigentliche Eheschließung durch jüdische Religionsvertreter. Das darf ein Paar nach britischem Recht nur, wenn beide Seiten jüdisch sind. Ist dies nicht der Fall, muss die Ehe standesamtlich geschlossen werden. Dieser Trauung durch Beamte können danach von einer Rabbinerin oder einem Kantor ausgetragene jüdische Zeremonien folgen, und hier darf das Paar nun künftig eben auch unter einer Chuppa stehen.

»Sie symbolisiert, dass das Paar in einer öffentlichen Zeremonie von allen willkommen geheißen wird und mit allen in der Gemeinschaft verbunden ist«, sagt Rabbinerin Baginsky.

Tradition Die Entscheidung habe mit der Tradition des aus Deutschland kommenden Reformjudentums zu tun. »Das liberale Judentum sah schon immer die Kinder jüdischer Väter als gleichberechtigt an und öffnete sich auch gegenüber jenen, die sich von jüdischen Gemeinden distanziert hatten, etwa weil sie lesbisch, schwul oder transsexuell sind, oder gegenüber Menschen, die keinen jüdischen Hintergrund haben, aber nach einem spirituellen Lebenssinn suchen.«

Baginsky will die Öffnung dieser Art fortsetzen, auch in anderen Bereichen. Als Nächstes wolle man zum Beispiel die Art und Weise, wie farbige Juden und Jüdinnen in den Gemeinden oft behandelt werden, durchdenken und verändern. In der liberalen Gemeinde Kehillah North London wird es bald, mit voller Unterstützung von Liberal Judaism, einen Synagogengottesdienst geben, den ganz bewusst Gemeindemitglieder mit dunkler Hautfarbe leiten.

Bergen-Belsen

Holocaust-Überlebender Tomi Reichental gestorben

In Irland gehörte er zu den prominentesten Zeitzeugen des Holocaust. Tomi Reichental überlebte als Kind das KZ Bergen-Belsen. Jetzt ist er gestorben

von Karen Miether  01.06.2026

Jubiläum

Dichter und Bürgerschreck: Allen Ginsberg vor 100 Jahren geboren

Er lehnte sich gegen eine spießige und militarisierte Gesellschaft auf und propagierte ein ökologisches Bewusstsein: Der US-Dichter Allen Ginsberg war ein Pionier der »Beat-Generation«. Seine Visionen sind heute wieder aktuell

von Holger Spierig  01.06.2026

Erinnerung

Jugendliche im Anne Frank Haus in Amsterdam - Ein Besuch

Rund eine halbe Million Jugendliche aus aller Welt besuchen jährlich das Anne Frank Haus in Amsterdam. Was denken sie, wenn sie das Versteck sehen? Und was ist ihr Eindruck vom vielleicht bekanntesten Tagebuch der Welt?

von Nina Schmedding  01.06.2026

Nachruf

Edgar Morin gestorben: Stimme des kritischen Denkens verstummt

Der französische Philosoph, Soziologe und Publizist wurde 104 Jahre alt

 01.06.2026

Kulinarisch

Ein Michelin-Stern für die Safta

Tränen, Konfetti und ein Stück Geschichte: Das Restaurant »Mutra« des Israelis Raz Shabtai erhält als erstes koscheres Lokal weltweit die legendäre Auszeichnung

von Sabine Brandes  31.05.2026

Barcelona

Kein Saunazutritt mit Davidstern?

Zwei Jüdinnen soll der Zutritt zu einer LGBTQ-Sauna verweigert worden zu sein. Die Betroffenen haben Anzeige bei den zuständigen Behörden erstattet

 31.05.2026

Meinung

Fertig Idylle!

Am Mittwoch sticht in der Winterthurer Innenstadt ein Mann auf vorbeilaufende Passanten ein und schreit »Allahu Akbar« – ein Weckruf für die Schweiz

von Nicole Dreyfus  28.05.2026

Warnung

Steven Spielberg will keine KI nutzen

Der Filmemacher sieht einen Platz für KI in der Medizin und in der Forschung.

 28.05.2026

Interview

»Das ist nicht normal«

Regina Sluszny überlebte die Schoa, weil sie von katholischen Belgiern versteckt wurde. Angesichts des Strafverfahrens gegen Mohalim fragt sich die Vorsitzende des jüdischen Dachverbands FJO, ob es für Juden in Belgien noch eine Zukunft gibt

von Michael Thaidigsmann  27.05.2026