Schoa

Chronik des Grauens

Renée Papiernik hat immer denselben Albtraum: Sie rennt inmitten von Feldern ihrem Vater hinterher. Doch in dem Moment, wo sie ihn erreicht, verschwindet er hinter einem Hügel. Noch Jahrzehnte später verarbeitet die 81-Jährige im Schlaf ihr großes Kindheitstrauma: Ihr Vater wurde am 14. Mai 1941 in Paris festgenommen und später in Auschwitz ermordet. Sie selbst, damals noch ein Baby, kennt ihn nur von alten Fotos. Wie eine Detektivin sucht sie deshalb nach Spuren des Mannes, an den sie sich nicht erinnern kann.

An einem Morgen im Frühjahr steht die pensionierte Chemikerin mit den kurzen grauen Haaren vor dem Gymnase de Japy, jener Turnhalle im elften Stadtbezirk von Paris, wo ihr Vater nach seiner Festnahme mit Hunderten anderen Juden zusammengepfercht auf der Tribüne saß. Neugierig lugt sie durch die gläserne Eingangstür auf die Zuschauerränge, die noch ganz ähnlich aussehen wie damals.

Zwar hat das Innere seither einen neuen Anstrich bekommen. Die Sitze wurden ausgetauscht und strahlen in freundlichem Gelb. Doch ansonsten hat sich der Backsteinbau aus dem 19. Jahrhundert kaum verändert. Box-Wettkämpfe werden heute in der Halle ausgetragen, die vor 80 Jahren Papierniks Vater aufnahm.

TRÖDELHÄNDLER Er gehörte rund 800 ausschließlich männlichen Juden ausländischer Herkunft an, die dort zur ersten Massenverhaftung unter der deutschen Besatzung Frankreichs zusammengetrieben wurden. Wie diese weitgehend in Vergessenheit geratene Razzia, die Rafle du Billet Vert, ablief, weiß man seit Kurzem ganz genau. Es tauchten nämlich 98 Schwarz-Weiß-Fotos auf, die das Drama praktisch Stunde für Stunde dokumentieren: die Ankunft der Juden an der Turnhalle, ihr Abtransport mit Bussen, ihre Verladung in Züge am Bahnhof Austerlitz und ihre Ankunft im Durchgangslager Beaune-la-Rolande.

Zwei Sammler fanden die Kontaktabzüge, sorgfältig durchnummeriert und auf graue Kartons geklebt.

Zwei Sammler fanden die Kontaktabzüge, sorgfältig durchnummeriert und auf graue Kartons geklebt, bei einem Trödelhändler und überließen sie der Pariser Gedenkstätte Mémorial de la Shoah. Die Aufnahmen zeigen nicht nur die tödliche Maschinerie, die am 14. Mai 1941 in Gang kam, sondern auch die Menschen, gegen die sie sich richtete. Frauen, die die Gefangenen ein letztes Mal umarmen. Kinder, die ängstlich auf dem Gehweg stehen. Männer, die mit fahlen Gesichtern müde vor sich hin starren.

Das Pariser Mémorial de la Shoah geht davon aus, dass der Fotograf Harry Croner den historisch so wichtigen Fund hinterließ. Der damals 38-Jährige gehört zur Propagandakompanie der Wehrmacht. Doch statt mit seiner Kamera die Perspektive der Täter zu zeigen, zeichnet er ein einfühlsames Bild der Opfer. Auch die erbärmlichen Lebensbedingungen in den Durchgangslagern, in denen die Juden nach ihrer Festnahme monatelang auf ihre Deportation nach Auschwitz warten, sind auf seinen Fotos zu sehen: das Stroh auf den Holzpritschen, der Dreck in den Baracken.

NEGATIVE Der Berliner ist einer der ersten Chronisten des Grauens, das mit der Rafle du Billet Vert für die Jüdinnen und Juden in Frankreich beginnt. Auch für Croner wird das Leben nach der Razzia schwieriger: Wenige Monate später wird er aus der Wehrmacht ausgeschlossen, weil sein Vater Jude ist.

Laut dem Stadtmuseum Berlin, dem er 1988 seine 350.000 Fotos und 1,3 Millionen Negative verkaufte, muss er sein Fotogeschäft in Berlin aufgeben und wird 1944 ins Arbeitslager an die französische Kanalküste geschickt.

Nach Kriegsende fängt er als Fotograf in Berlin noch einmal neu an und macht sich vor allem mit Porträtfotos Prominenter einen Namen. Das, was er im Krieg erlebte, behält er für sich. »Er hat über diese Zeit nicht gesprochen«, sagt Bärbel Reißmann, die Croners Nachlass im Stadtmuseum betreut. Ein Foto aus dem Jahr 1960 zeigt den Fotografen mit streng zurückgekämmtem Haar glücklich lächelnd, seine Rolleiflex um den Hals. Was aus seinem Vater geworden ist, weiß keiner.

Die Nazi-Besatzer nutzen nur wenige seiner Fotos, mit einem roten Kreuz markiert, für ihre Propaganda. Die anderen, bisher unveröffentlichten Aufnahmen sind für das Mémorial de la Shoah ein äußerst wertvolles Zeitzeugnis. Vor allem, weil von den nach der Rafle du Billet Vert folgenden Juden-Razzien kaum Fotos vorhanden sind.

VERZWEIFLUNG Nur zwei Bilder zeugen von der Massenfestnahme am 16. und 17. Juli 1942, als rund 8000 Jüdinnen und Juden, darunter die Hälfte Kinder, fünf Tage lang ohne Wasser und Nahrung im Pariser Wintervelodrom zusammengepfercht werden.

Die Rafle du Vélodrome d’Hiver, kurz Vél d’Hiv genannt, ist in Frankreich noch heute das Synonym der Brutalität der Nazi-Besatzung schlechthin. Die wenigen Überlebenden berichten von furchtbaren Bedingungen auf der bei den Pariserinnen und Parisern damals so beliebten Radrennbahn: von der Hitze, dem Gestank und den Selbstmorden aus Verzweiflung.

1995 gestand Jacques Chirac als erster Präsident eine Mitverantwortung Frankreichs ein.

Im Gegensatz zur Razzia im Mai 1941 achten die deutschen Besatzer darauf, dass die Ereignisse des Juli 1942 nicht dokumentiert werden. »Wir haben kein einziges Foto gefunden, das ein Kind zeigt«, sagt der Historiker Serge Klarsfeld bei einer Veranstaltung des Mémorial de la Shoah. »Die Rafle du Vél d’Hiv sollte nicht bekannt werden, da dort Kinder festgehalten wurden.«

Fotos von weinenden Jungen und Mädchen in einem improvisierten Massenlager hätten die französische Bevölkerung nur gegen die Besatzer aufgebracht. Die Fotos von festgenommenen ausländischen Juden, die Croner 1941 machte, empörten dagegen kaum jemanden.

Erst 1995 gestand Jacques Chirac als erster Präsident die Mitverantwortung des französischen Staates für die Grausamkeiten jener Jahre ein. »Frankreich, die Heimat der Aufklärung und der Menschenrechte, das Aufnahme- und Asylland, hat an jenem Tag das nicht wieder gut zu Machende begangen«, sagte Chirac in einer denkwürdigen Rede am Jahrestag der Rafle du Vél d’Hiv. »Der verbrecherische Wahn der Besatzer wurde von den Franzosen, dem französischen Staat unterstützt.«

POLIZEIPRÄFEKT Die Fotos von Croner bestätigen, dass die französische Polizei bei den Razzien eine zentrale Rolle spielt. Der Pariser Polizeipräfekt François Bard steht auf einem der Bilder in der Turnhalle direkt neben dem Leiter des Judenreferats der Gestapo in Frankreich, Theodor Dannecker. Auf einem anderen überwacht ein französischer Gendarm aufmerksam die Männer, die im Lager Beaune-la-Rolande sitzen.

Die Verfolgung der Juden in Frankreich begann mit der deutschen Besatzung im Juni 1940. Die mit den Besatzern kollaborierende Vichy-Regierung erließ schon wenige Wochen später ein Gesetz, das den Präfekten die Festnahme und Internierung ausländischer Juden erlaubte. Bei der Rafle du Billet Vert kam es zum ersten Mal massenhaft zur Anwendung.

Die Namensliste des Konvois Nummer fünf hat Papiernik fotokopiert – für ihre Kinder und Enkel.

Hauptsächlich Männer aus Polen, Böhmen und Mähren folgen am Morgen des 14. Mai der auf einen grünen Zettel gedruckten Aufforderung, zur Turnhalle Japy zu kommen. Dort erfahren sie, dass es nicht – wie eigentlich angekündigt – um eine Klärung ihrer Situation geht, sondern dass ihnen der Abschied von ihren Familien bevorsteht. Die Männer bekommen ein Papier in die Hand gedrückt, auf dem die Gegenstände aufgelistet sind, die sie in den nächsten Tagen brauchen werden: »Zwei Decken, ein Leintuch, Wechselwäsche, eine Garnitur Besteck, eine Schüssel, ein Trinkglas, Toilettenartikel, Nahrungsmittelmarke, Lebensmittel für 24 Stunden.« Frauen und Kinder eilen nach Hause, um das Geforderte zu holen und stehen dann mit ihren Bündeln vor der Turnhalle – von Croner unbemerkt fotografiert.

Insgesamt 3700 Männer werden an jenem Tag an mehreren Sammelpunkten in Paris festgenommen, zum Bahnhof Austerlitz gebracht und in den Lagern Pithiviers und Beaune-la-Rolande interniert. Ein Jahr harren sie dort aus, bis sie nach Auschwitz deportiert werden. Nur rund 3000 der insgesamt 76.000 aus Frankreich in die Konzentrationslager deportierten Jüdinnen und Juden kehren zurück.

BRIEFE Renée Papierniks Vater verlässt Beaune-la-Rolande am 28. Juni 1942 Richtung Auschwitz, wo er ein halbes Jahr später ermordet wird. Die Namensliste des Konvois Nummer fünf hat sie fotokopiert und in einen Ordner gepackt, der ihre Kinder und Enkel an die furchtbaren Ereignisse erinnern soll. Ebenso wie die Briefe und Fotos, die Mordka Wisniewksi aus Beaune-la-Rolande an seine Familie schickte.

»Da ist er«, sagt seine Tochter und zeigt auf einen Mann mit Baskenmütze, der sich mit seinen Mitgefangenen zum Gruppenfoto aufgestellt hat. Nach seiner Deportation taucht Renée Papiernik mithilfe einer Nachbarin als »verstecktes Kind« in einem Dorf in Zentralfrankreich unter. Erst nach Kriegsende findet sie die Mutter wieder, die sie bis zu deren Tod nicht nach dem Vater fragt. Dafür hortet die Rentnerin heute auf dem Schreibtisch ihrer Wohnung in der Nähe des Pariser Jardin des Plantes alles, was sie an Dokumenten aus jener dunklen Zeit finden kann.

Ordentlich gestapelt liegen dort Hunderte Seiten, mit bunten Post-its nach Themen sortiert. Auch einige Fotos von Harry Croner hat sie auf ihrem Computer gespeichert. Ihren Vater hat sie darauf nicht entdeckt. Mordka Wisniewski wird in ihren Albträumen weiter hinter einem Hügel verschwinden. Unerreichbar.

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