Grossbritannien

Bonjour London!

Rabbi Mordehai Fhima sitzt mit einer Handvoll Mitgliedern seines Morgenminjans zusammen und diskutiert Abschnitte aus dem 3. Buch Mose, in denen es um Opfergaben geht. Die Männer sprechen Französisch, doch die Gemeinde befindet sich weder in Frankreich noch in sonst einem frankophonen Land, sondern mitten in Saint John’s Wood, einem vornehmeren Viertel Londons in der Nähe des Regent’s Park.

Früher wohnte Rabbi Fhima in Paris. Vor zehn Jahren gründete er in London die Gemeinde Anshei Shalom. »Eine orthodoxe französisch-sefardische Gemeinde gab es bis dahin in London nicht«, sagt er. Begonnen habe man mit einer monatlichen Vorlesung, inzwischen lasse sich mindestens einmal im Jahr der Pariser Oberrabbiner bei ihnen blicken.

zuwachs Rund 150 Familien gehören zu Anshei Shalom – und es werden immer mehr. »Wir sind eine der wenigen Gemeinden in England mit einem Durchschnittsalter von unter 30 Jahren«, sagt Michael Levy. Der 44-Jährige ist Mitglied des Gemeindevorstands und wurde in England geboren. Seine Eltern kamen einst aus Ägypten nach London.

Damals gab es kaum einen Ort, an dem sich französischsprachige sefardische Juden wirklich zu Hause fühlen konnten – und das, obwohl Londons älteste Synagoge, Bevis Marks, sefardisch ist, doch portugiesischen und nicht französischen Ursprungs. Deshalb lag Levy die Gründung von Anshei Shalom von Anfang an mit am Herzen.

Heute verfügt die Gemeinde über einen großen Saal im ersten Stock der aschkenasisch-orthodoxen St.-John’s-Wood-Synagoge. Diesen Saal haben die Leute von Anshei Shalom in eine eigene Synagoge verwandelt. »Was wir erreicht haben, hätten wir uns in unseren wildesten Träumen nicht vorgestellt«, meint Levy.

Antisemitismus Nach Aussagen des Vorstands sei die Zahl der Mitglieder vor allem in letzter Zeit deutlich gestiegen. Vor einigen Wochen las man auf Seite eins der britisch-jüdischen Zeitung Jewish Chronicle, dass viele Juden Frankreich verließen, weil dort der Antisemitismus stark zunehme. Nach Angaben des Service de Protection de la Communauté Juive (SPCJ), der sich um die Sicherheit jüdischer Gemeinden in Frankreich kümmert, habe sich die Zahl antisemitischer Angriffe im vergangenen Jahr um 58 Prozent erhöht. Das schlimmste Ereignis war der Terroranschlag vor der jüdischen Ozar-Hatorah-Schule in Toulouse, bei dem ein junger Islamist drei Kinder und einen Rabbiner tötete.

Levy und andere Mitglieder sind sich einig, dass der Antisemitismus den letzten Ausschlag für die Abwanderung gegeben hat, gemeinsam mit schlechten Aussichten auf dem französischen Arbeitsmarkt. Und François Hollandes neue aggressive Steuerpolitik führt dazu, dass auch immer mehr Besserverdienende das Land in Richtung London verlassen.

Der 31-jährige Investmentbanker Marc Touboul ist seit fünf Jahren Mitglied bei Anshei Shalom. Er habe hier mehr Wärme als unter alteingesessenen britischen Juden gefunden, sagt er. Yakov Dwek (29) aus Genf ist erst sechs Monate in London. Karrieregründe haben ihn hierher geführt. Er zog geradewegs in die Nachbarschaft der Gemeinde und kennt außer ihr keine andere. Neben Juden aus Frankreich und der Schweiz finden sich hier zunehmend auch einige aus Italien.

Doch wieso wird London und nicht Israel zum neuen Eldorado französischer Juden? Immer wieder – zuletzt bei seinem offiziellen Staatsbesuch in Paris im Oktober 2012 – hat Israels Premier Benjamin Netanjahu Frankreichs Juden aufgerufen, den jüdischen Staat zu ihrer Heimat zu machen. Rabbi Fhima sagt, Israel sei zwar der eigentlich richtige Ort, wohin Juden auswandern sollten, aber dort sei es viel schwerer, sich zu etablieren und eine neue Existenz aufzubauen.

Reisen In London fühlten er und die anderen Mitglieder sich viel sicherer als in Frankreich, auch wenn man in Israel »durch die Nähe Gottes« noch geschützter sei, sagt er. »Ich habe hier in London keinerlei Bedenken, mit der Metro zu fahren – ganz im Gegensatz zu Paris! Dort hat man immer ein etwas mulmiges Gefühl.« Außerdem liege London, so der Rabbi weiter, im Gegensatz zu Tel Aviv und Jerusalem, geografisch viel näher an Frankreich. Nur zwei Stunden sind es mit dem Eurostar nach Paris. Die Gemeinde existiere eben auch, weil die Mitglieder den Kontakt zu Frankreich nicht verlieren möchten und von London aus Familie und Freunde schnell besuchen können.

Ganz im Stil französischer Esskultur liegen bei Anshei Shalom zum Abschluss des Morgengebets Croissants und Pains-au-chocolat für die Anwesenden bereit. Wer möchte und Zeit hat, ruht sich danach noch ein bisschen in einem der vielen französischen Straßencafés von St. John’s Wood aus und kann dabei, glaubt man den Aussagen der Gemeindemitglieder, anders als in Paris unbesorgt Kippa und Davidstern zeigen.

Bonn/Berlin

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