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Bohemien im besten Sinne

Nächstes Jahr soll ein Film über ihn herauskommen: Tuli Kupferberg (1923–2010) Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

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Bohemien im besten Sinne

Beatnik, Künstler, Aktivist: Vor 100 Jahren wurde Naphtali »Tuli« Kupferberg in New York geboren

von Katharina Cichosch  28.09.2023 09:10 Uhr

Als andere ihre besten Zeiten in Showbiz-Maßstäben lange hinter sich hatten, fing er gerade erst an. »Ich war der weltälteste Rock ʼnʼ Roll-Star«, formulierte Tuli Kupferberg selbstironisch im Rückblick auf das Jahr 1964. Der New Yorker war damals 42 und hatte gemeinsam mit Ed Sanders just die Rockband »The Fugs« gegründet.

Zuvor war Kupferberg allerdings schon eine ganze Menge mehr gewesen: Künstler und Aktivist, Poet und Schriftsteller, Cartoonist und emsiger Herausgeber diverser Zeitschriften, die oft in Mikro-Auflage erschienen oder nur für kurze Zeit existierten. Bohemien im besten Sinne sollte Kupferberg bis zu seinem Lebens­ende bleiben, und zwar derart, wie es ihn heute im Big Apple allein aus ökonomischen Gründen wohl nicht mehr geben kann.

Zu seinen Werken gehört der Ratgeber »1001 Ways to Live Without Working«.

Naphtali »Tuli« Kupferberg wurde am 28. September 1923 in eine jiddischsprachige Familie in New York City hineingeboren. Er wuchs in Brooklyn und an Manhattans Upper East Side auf, die Stadt anglisierte seinen Namen in Norman, doch später sollte sich Kupferberg ohnehin seinen eigenen geben.

Nach dem Collegeabschluss verdiente der junge Beatnik als medizinischer Bibliothekar seinen Lebensunterhalt, parallel schrieb er Unmengen an Gedichten, Essays und Kurzgeschichten. Mit der Veröffentlichung erster Arbeiten in Magazinen wie »Village Voice« oder »Liberation« während der Hochzeit der McCarthy-Ära musste ein Autorenname her: Ab 1957 war Naphtali und später Norman dann Tuli Kupferberg. In den 50er-Jahren lernte er auch die Redakteurin und Autorin Sylvia Topp kennen, mit der er 50 Jahre verheiratet war und drei Kinder hatte.

STRASSENSCHLUCHTEN Anekdotisches und Anarcho-Humor durchziehen Kupferbergs Werk sowie das Wissen darum, dass es nicht immer simple Erkenntnisse gibt. Eine der sagenhaftesten Geschichten über den Schriftsteller, Künstler und späten Rockstar erzählte ein anderer: Im Gedicht HOWL beschrieb Allen Ginsberg einen Mann, der lebensmüde von der Brooklyn Bridge sprang, auf einem Frachter landete, aufstand und (scheinbar unbeschadet) in den Straßenschluchten Manhattans verschwand.

Rasch erkannten einige Tuli Kupferberg in jenem Mann, was der jedoch lange bestritt. Wohl auch deshalb, weil ihm die Legendenbildung zuwider war: Nichts sei lustig oder heroisch daran, nicht mehr lieben zu können, erklärte Kupferberg sinngemäß. Unbeschadet war er keineswegs davongekommen; viele Wochen musste er im Krankenhaus behandelt werden.

Mit der Band »The Fugs« lieferten Kupferberg, Ed Sanders und weitere, wechselnde Mitglieder ab 1964 dann den Soundtrack für eine Gegenbewegung, die sich seinerzeit radikal pazifistisch wie anarchistisch verstand. Lieder wie das spöttische »CIA-Man« oder »Kill for Peace« sprachen eine eindeutige Sprache. Doch war die Band, wie ihr Frontmann, zugleich ausgesprochen lustig, albern, selbstironisch, eben alles, was die reine Lehre respektive Ideologie nicht sein kann.

Ihr wohl schönster Mitsing-Song aber trägt den Titel »Nothing«. Melodie und Text basieren auf dem jiddischen Folksong »Bulbes«, der wiederum auf die Armut und ungleiche Behandlung von Juden im alten Europa rekurrierte. Aus dem immer gleichen Abzählreim Montag – Kartoffeln, Dienstag – Kartoffeln und so weiter machte Kupferberg einen nihilistischen Abgesang. Nach Montag, Dienstag, Mittwoch werden auch Karl Marx, Engels, Buddha, Jesus, Trotzki, die eigenen Kinder (»they all grow up and leave you anyway«) und überhaupt nahezu alles für nichtig erklärt. Zwischendurch bringt Kupferberg jiddische Wörter ein (»Montik – gornisht, dinstik – gornisht, mitvokh un donershtik – gornisht«).

TANTIEMEN Tuli Kupferberg war radikal großherzig und freigiebig mit dem, was er der Welt zu bieten hatte. Autorenschaft und Besitz schienen ihm gleich – wobei die großen Konzerne ruhig mehr hätten zahlen können. Die Tantiemen, die »The Fugs« bei ihrem Plattenlabel gewährt bekamen, gehörten seinerzeit offenbar zu den geringsten überhaupt. Seine Geschichten, Pamphlete und Zeitschriften aber durften und sollten kopiert werden. Heute kann man Kupferbergs Schriften im Archiv der Bibliothek an der New York University finden – darunter wohl auch die Originale der berühmt gewordenen satirischen Lebensratgeber wie 1001 Ways to Live Without Working oder 1001 Ways to Make Love.

Auch filmisch trat der Poet und Musiker in Erscheinung: als Soldat in Dušan Makavejevs Kultfilm über den Psychiater Wilhelm Reich, W.R.: Mysteries of the Organism, und als Gott persönlich im Undergroundfilm Voulez-vous coucher avec God?

Tuli Kupferbergs Einfluss vor allem auf die New Yorker Subkultur ist gut dokumentiert und kaum zu überschätzen. Allerdings berührte er auch Persönlichkeiten des wohl eher bürgerlichen Spektrums: Der Schriftsteller Philip Roth, der seinerzeit auch »The Fugs«-Konzerte in New York besucht hatte, berichtete von der befreienden Wirkung des Wörtchens »Fuck!«, das Kupferberg so gern aussprach, schrieb oder sang.

Er war radikal großherzig und freigiebig mit dem, was er der Welt zu bieten hatte.

»Niemand, der die 50er durchlebt hat, dachte, dass die 60er existiert haben könnten«, erklärte der New Yorker in einem seiner letzten Interviews dem »Mojo Magazin«. »Also gibt es immer Hoffnung.« Noch mit über 80 Jahren saß Tuli Kupferberg mit dem sehr viel jüngeren Musiker und Comic-Künstler Jeffrey Lewis in seinem bis unter die Decke mit Büchern vollgestopften Apartment und ließ die Welt via YouTube an den gemeinsamen Gesprächen teilhaben. Wenige Jahre später erlitt er einen Schlaganfall, im Juli 2010 starb Tuli Kupferberg in einem Krankenhaus in Manhattan.

Volte In dieser Woche, da sich sein Geburtstag zum 100. Mal jährt, hätte eigentlich eine filmische Hommage erscheinen sollen: Tuli! Tuli! Tuli!, eine Gemeinschaftsarbeit des französischen Künstlers David Liver mit Kupferbergs Tochter Samara. Ein Film, der die Heroisierung vermeiden, aber Leben und Werk des wohl letzten New Yorker Beatniks ins Bewusstsein rufen will.

»Meine Idee ist, Tuli als Kinderkünstler zu präsentieren, der zum inneren Kind in jedem von uns spricht«, erklärt Liver. Wie ihr Protagonist selbst müssen auch die Filmemacher mit geringen finanziellen Mitteln auskommen, was die Produktion verzögert. Nun ist die Veröffentlichung zum amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2024 geplant. Diese Spitze hätte Tuli Kupferberg sicherlich gefallen.

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