Upsherin

Big Party für die Kleinsten

Fremder Anblick: Am Abend seines dritten Geburtstags schaut dieser Junge verwundert in den Spiegel. Er muss sich an sein kurzes Haar erst noch gewöhnen. Foto: Flash 90

Es war ein unglaublicher Moment», sagt Dalia, «wir hatten alle Gänsehaut! Die ganze Familie stand an der Jerusalemer Westmauer und sagte Tehilim. Dann bekam Dovi seine erste Kippa und Zizit!» Dalia hat die Haarschneidezeremonie – auf Jiddisch: Upsherin – ihres Sohnes dann auch lang und breit auf Facebook dokumentiert und Fotos ins Netz gestellt von dem verweintem, rot angelaufenen Gesicht des Kleinen, als die ganze Verwandtschaft die Schere kreisen ließ und sich über Dovis Lockenpracht hermachte. «Der Kleine hat sich aber dann schnell wieder beruhigt, als er auf den Schultern der Cousins reiten durfte», sagt seine Mutter. «Alle haben getanzt, und es wurde dann noch eine fantastische Party!»

Wie viele religiöse Eltern hat Dalia sich dafür entschieden,
ihrem Dovi erst an seinem dritten Geburtstag die Haare zu schneiden – dann bekommen Kinder auch traditionell ihre ersten Zizit und beginnen mit dem Toralernen.

tradition «Noch vor zehn bis fünfzehn Jahren wurden die kleinen Jungen an ihrem dritten Geburtstag einfach zum Friseur mitgenommen, und das war’s», sagt Rabbanit Shulamith Pinson, Leiterin der Maimonides-Schule in Brüssel. Der Trend, nach chassidischem Vorbild eine Upsherinfeier zu veranstalten, habe sich erst in den vergangenen Jahren eingebürgert. «Ich glaube, das hat sehr viel mit uns Chabad-Gesandten zu tun. Wir finden es seit jeher sehr wichtig, unsere Feiern und Rituale in großem Rahmen mit der ganzen Gemeinde zu feiern und so jüdische Rituale vorzuleben.»

Der Brauch, kleinen Jungen die Haare drei Jahre lang wachsen zu lassen, ist vom Orlah-Gebot abgeleitet: Drei Jahre lang dürfen die Früchte eines jungen Baumes nicht geerntet werden. Die Tora vergleicht Menschen mit Bäumen auf dem Feld (5. Buch Moses 20,19): Wie junge Pflanzen sollten die Kinder erst einmal eine gewisse Reife und Stärke erlangen, bevor sie in die Welt der Tora und der Mizwot eintreten.

«Unser Dani bekam bei seinem Upsherin seine erste Kippa. Wir haben außerdem eine Tafel mit dem Alef-Beit vorbereitet und Honig draufgeträufelt, den durfte er dann abschlecken», sagt Mali aus Köln. Die Feier hätten sie dann aber nur in ganz kleinem Rahmen abgehalten. «Wir waren auf zu vielen bombastischen Upsherins eingeladen, bei denen das Kind überfordert war und am Ende nur noch heulend in der Ecke hockte. Das wollten wir vermeiden.»

Dabei kommen ausufernde Upsherin-Partys immer mehr in Mode. Man muss nur mal die Trend-Indikatoren im Internet checken, zum Beispiel Upsherin-Filmchen bei Youtube oder abgedrehte Accessoires, die es bei Amazon und Ebay zu kaufen gibt, sowie die ausladenden Upsherin-Torten, die man auf Flickr.com bewundern kann. Ganz zu schweigen von gewissen religiösen Internetforen für Frauen wie Imamother.com. Dort kann man verzweifelten Kommentaren von Müttern folgen, die sich fragen, ob für die Upsherin-Party milchig oder fleischig angebracht sei. Andere erwägen, einen Clown oder Zauberer zu engagieren oder eine Hüpfburg für die Feier aufzustellen.

trend «Ich finde diesen Trend super», meint Batsheva aus Brüssel. «Ich liebe große Partys.» Der dritte Geburtstag ihres Sohnes Bezalel sei genau der richtige Anlass, sich «in dieser Hinsicht mal so richtig auszutoben». Die Familie hat den Saal der jüdischen Schule angemietet und eine Band besorgt. Es gab Kekse in Alef-Beit-Form, Zuckerwatte und eine Talit-Torte. «Es war ein Riesenspaß», schwärmt Batsheva. «Für viele ist es eine Art Barmizwa-Warm-up-Party.»

Aber egal, ob das Upsherin ganz schlicht oder mit einem Riesenaufwand durchgezogen wird – die größten Glückspilze sind die Jungen, die um Pessach herum Geburtstag haben. Sie können nämlich die Barbecue-Version der Upsherin-Party feiern: am Lag Baomer mit anschließender Grillparty. In Israel ist es Brauch, dass sich am Lag Baomer Hunderte von kleinen Jungen mit ihren Eltern am Grab von Rabbi Shimon Bar Jochai in Meron im Norden des Landes versammeln. Alle bekommen dann gleichzeitig die Haare geschnitten, und hinterher wird um riesige Lagerfeuer getanzt, gesungen und heftig Party gemacht.

Vor Kurzem ist das erste Buch erschienen, das sich dem Upsherin-Brauch widmet. Rabbi Dov Ber Pinson: Upsherin. Exploring the Laws. Customs and Meanings of a boy’s first Haircut. Ben Yehuda Press, Teaneck (New Jersey) 2010, 84 Seiten, 9,95 US-Dollar

Frankreich

Schrecken der Milliardäre

Der jüdische Ökonom Gabriel Zucman fordert eine stärkere Besteuerung der Superreichen. Beim Geldadel stoßen seine Ideen jedoch auf heftigen Widerstand

von Christine Longin  19.08.2026

Debatte

Zentralrat der Juden übt scharfe Kritik an Itamar Ben-Gvir

Israels rechtsextremer Minister Ben-Gvir wirbt unverhohlen für Tötungen im Gazastreifen. Das sorgt international für Entsetzen - auch beim jüdischen Dachverband in Deutschland

 18.08.2026 Aktualisiert

Portugal

Staatsanwaltschaft soll Antisemitismus-Vorwürfe an Universität Coimbra untersuchen

Auch auf dem Campus im Coimbra wird offenbar antisemitische Propaganda verbreitet. Ein jüdischer Student soll Todesdrohungen erhalten haben

 18.08.2026

USA

Die berühmteste Nähmaschine der Welt

Vor 175 Jahren ließ Isaac M. Singer seine »Sewing Machine« patentieren – und löste damit in der Textilindustrie und in Privathaushalten eine Revolution aus

von Sarah Thalia Pines  17.08.2026

Bern

Verantwortung lässt sich nicht neutralisieren

Die Schweiz debattiert anlässlich einer Volksabstimmung über ihre Neutralität. Ein Kommentar von JA-Schweiz-Korrespondentin Nicole Dreyfus

von Nicole Dreyfus  16.08.2026

Los Angeles

Rekord-Deal in der NBA: Iger und Kushner kaufen die LA Lakers

Die beiden jüdischen Geschäftsmänner Bob Iger und Joshua Kushner übernehmen das Basketball-Team für 12,5 Milliarden US-Dollar

 16.08.2026

Österreich

Vermisste Israelinnen in Wien: Polizei stellt Suche ein

Europol hat die Ermittlungen im Fall der in Wien vermissten Israelinnen übernommen. Auch der Mossad soll vor Ort sein. Es wird davon ausgegangen, dass Mutter und Tochter nicht mehr in der Stadt sind

 14.08.2026

Antisemitismus

»Schade, dass Hitler den Job nicht vollendet hat«

Ein Mann aus Irland äußerte sich bei einer Begegnung mit jüdischen Touristen in einem französischen Supermarkt antisemitisch und drohte dem Paar gar mit Erschießung.

 14.08.2026

Wien

Vermisste Israelinnen: Gerüchte sorgen für Aktiensturz

Im Fall der vermissten Mutter und Tochter in Österreich haben Gerüchte in den sozialen Medien zu einem Kurssturz bei der israelischen Bank geführt, bei der eine der Frauen arbeitet

 13.08.2026