USA

Bewundert und verhasst

Prägte nachhaltig die amerikanische Außenpolitik der 1970er-Jahre: Henry Kissinger Foto: dpa

Über Henry Kissinger, der heute vor 90 Jahren in Fürth geboren wurde, lassen sich zwei gegensätzliche Geschichten erzählen. Die erste handelt von dem sympathischen schüchternen Jungen, der mit seinen Eltern vor den Nazis floh, in Washington Heights im Norden von Manhattan aufwuchs, als Soldat an der Befreiung Europas teilnahm, nach dem Krieg eine traumhafte Harvard-Karriere hinlegte – und dabei zum Monster wurde, zum Darth Vader der amerikanischen Außenpolitik.

Denn Kissinger sorgte als Sicherheitsberater unter Präsident Richard Nixon und später als Außenminister unter Präsident Gerald Ford dafür, dass Amerika sich beinahe mit jedem widerlichen Regime ins Bett legte, solange es nur zuverlässig antisowjetisch war. Unter Kissinger regnete es vom Frühjahr 1969 bis zum Frühjahr 1970 heimlich Bomben auf Kambodscha und Laos, um dort Stellungen der kommunistischen Guerilla aus Nordvietnam zu zerstören.

Hofjude Unter Kissinger unterstützte die amerikanische Regierung Pakistan in seinem genozidalen Krieg gegen Bangladesch anno 1971. Ebenso unter Kissinger unterstützte die CIA die chilenische Militärjunta nach ihrem Putsch 1973 gegen den demokratisch gewählten Präsidenten Salvador Allende. Kissinger schließlich war es, der Nixon 1973 sagte, die Auswanderung sowjetischer Juden sei kein Ziel der amerikanischen Außenpolitik, und sogar wenn die Sowjets anfingen, Juden in Gasöfen zu stecken, brauche das Amerika nicht zu bekümmern. Ein Hofjude also. Möge ihm der Geburtstagskuchen im Hals stecken bleiben.

Die zweite Geschichte geht so: Henry Kissinger tat zu seiner Zeit einfach das Notwendige. Das war nicht jedes Mal schön – aber es war ja auch nicht schön, dass die Vereinigten Staaten sich 1941 mit Josef Stalin gegen Hitler verbündeten, es war nur leider unausweichlich. Also der Reihe nach: Der Kommunismus war damals eine echte, keine eingebildete Gefahr.

Das nordvietnamesische Regime hat Zehntausende seiner eigenen Bürger umgebracht, ehe dort der erste amerikanische Soldat auftauchte. Die Bombenkampagne in Kambodscha und Laos musste aus diplomatischen Gründen geheim gehalten werden, fand aber auf Einladung der dortigen Regierungen statt. Im Übrigen war es Kissingers Mission, den Vietnamkrieg zu beenden, und das ist ihm auch gelungen. Dass Nordvietnam sich am Ende nicht an die Abmachungen hielt und Südvietnam überrannte, war nicht sein Fehler.

Atomkrieg Der chilenische Staatspräsident Salvador Allende war zwar frei gewählt, aber unverantwortlich; er pflegte Kontakte mit dem KGB und sah Fidel Castros Kuba als Vorbild. Dass Kissinger Anfang der 70er-Jahre nach Peking fuhr und die Hand des Massenmörders Mao Tse-tung drückte, war Voraussetzung für die Entspannungspolitik mit der Sowjetunion. Vielleicht hat der Mann der Welt damit einen Atomkrieg erspart. De facto hat Kissinger die Auswanderung vieler sowjetischer Juden begünstigt, was immer er sonst dazu gesagt haben mag.

Seine anfängliche Zögerlichkeit, im Jom-Kippur-Krieg 1973 vorbehaltlos Israel zu unterstützen, hat hinterher den Friedensvertrag mit Ägypten möglich gemacht. Mit anderen Worten: Kissinger war bei Gott kein Gutmensch, aber er war doch jemand, der mit realpolitischer Nüchternheit für den Frieden in der Welt gearbeitet hat.

Welche dieser Versionen stimmt nun? Natürlich beide. Es ist unmöglich, diesen kalten Mann zu mögen oder gar zu lieben. Den Respekt aber kann man ihm aus der Ferne nicht versagen. Ein zwischen den Zähnen hervorgepresstes »Ad mea-we-esrim« sei ihm darum zum Geburtstag gegönnt.

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