Griechenland

Begegnung mit der Vergangenheit

Bundespräsident Joachim Gauck: »Deutschland weiß um seine Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg und die begangenen Grausamkeiten«. Foto: dpa

Es ist nicht das erste Mal, dass ein deutscher Bundespräsident die Stätten deutschen Verbrechens in Griechenland besucht. Aber von Jahr zu Jahr gewinnt ein solcher Besuch mehr an Bedeutung. Denn nach mehr als 70 Jahren sind nur noch wenige Menschen am Leben, die als Zeitzeugen vom Holocaust und vom Krieg berichten können.

Das hat sich Joachim Gauck vermutlich auch so gedacht. Er besucht heute Nachmittag die kleine jüdische Gemeinde Ioannina im Nordwesten Griechenlands. Der Bundespräsident hat den Wunsch geäußert, eine der letzten noch lebenden Schoa-Überlebenden der Gemeinde zu sprechen: die 90-jährige Esther Koen.

Morde Zu wenig ist nach 1945 über das Schicksal der jüdischen Gemeinden in Griechenland bekannt gewesen. Wer sollte auch davon erzählen? Fast alle griechischen Juden sind in deutschen Konzentrationslagern ermordet worden. Die größte Gemeinde des Landes in Thessaloniki verlor 50.000 Menschen, das sind 97 Prozent ihrer Mitglieder.

In Ioannina lebten vor der Schoa rund 1800 Juden, heute sind es 50. Unter den jüdischen Gemeinden Griechenlands stellt die Gemeinde in Ioannina etwas Besonderes dar: Sie war lange Zeit die größte Gemeinde der sogenannten romaniotischen Juden auf der gesamten Balkanhalbinsel.

Moses Elisaf, der Vorsitzende der Gemeinde, sagt, er fühle sich geehrt. Gaucks Besuch sei ein Zeichen des Mitgefühls. Der deutsche Präsident könne nicht vergessen, was seine Landsleute den Juden angetan haben. Doch nach über 70 Jahren sei es an der Zeit, einen Schritt weiter zu gehen, so Elisaf. Es sei wichtig, an die Zukunft zu denken, damit nie vergessen werden kann, was sich vor rund 70 Jahren abgespielt hat. Das Land habe so große menschliche Verluste erlitten, darum brauche es auch finanzielle Unterstützung. Umso dringender werde man über Geld sprechen müssen, damit die Gedenkstätten im Land dauerhaft erhalten werden können.

Staatsbankett Ähnlich sieht es auch David Saltiel, der Präsident der jüdischen Gemeinde von Thessaloniki. Er war beim Staatsbankett in Athen dabei, das Griechenlands Präsident Karolos Papoulias gestern Abend für seinen deutschen Kollegen gab. Gauck hatte dabei betont: »Deutschland weiß um seine Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg und die begangenen Grausamkeiten«.

Saltiel geht es längst nicht mehr um die ethische Verantwortung Berlins gegenüber deutschen Kriegsverbrechen. Er fühlt sich im Recht, wenn er von einem finanziellen Betrug spricht. Denn von November 1942 bis Januar 1943 hatte die jüdische Gemeinde von Thessaloniki mehr als zwei Millionen Drachmen (rund 69 Millionen US-Dollar) an den damaligen Wehrmachtsbefehlshaber Max Merten gezahlt, um ihre Mitglieder von der Zwangsarbeit freizukaufen. Kurz nach ihrer Freilassung wurden sie nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Saltiel spricht von Betrug und von einer Bereicherung des deutschen Staates. Die jüdische Gemeinde Thessaloniki kann das sogar schriftlich belegen. Deshalb hat sie vor zwei Wochen vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg Klage eingereicht. David Saltiel will nicht nachgeben. Er will verhandeln. Deshalb auch hat er Joachim Gauck um einen Termin in Berlin gebeten. Ob dem stattgegeben wird, ist offen. Denn unmittelbar nach seinem Eintreffen in Athen hat Gauck im Gespräch mit Präsident Papoulias, einem ehemaligen Widerstandkämpfer, freundlich daran erinnert, dass er zwar sehr wohl eine moralische Verantwortung für Griechenland empfinde, über eine finanzielle Verantwortung aber nicht zu entscheiden habe. Der Rechtsweg sei abgeschlossen.

Reparation Auf eine Debatte über finanzielle Hilfen in Griechenland einzusteigen, kommt dem Entzünden eines Pulverfasses gleich. Denn über Mordtaten deutscher Wehrmachtssoldaten kann fast jedes Dorf im Land berichten. In einem davon will Gauck heute Nachmittag einen Kranz niederlegen. Es ist das Bergdorf Ligiades in der Nähe von Ioannina. Dort erschossen die Deutschen als Rache für einen getöteten Wehrmachtsoffizier 92 Einwohner – vor allem Frauen und Kinder –, übergossen sie mit Öl und verbrannten sie. Alle Häuser bis auf die Kirche fielen dem Feuer zum Opfer. Das Wort Reparationszahlung erhält in Ligiades ein Gesicht. Ob heute oder in naher Zukunft, eines scheint sicher: Griechenland wird von Deutschland immer häufiger erwarten, eine neue Form der Debatte über deutsche Kriegsverbrechen zu führen.

Der diesjährige Lerntag "Jom Ijun" findet am 1. Februar im Gemeindezentrum der ICZ in Zürich statt.

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